Fantastische Welten und große Gefühle

@asuka.lionera

Facebook
Pinterest
Instagram
  •  ❥ Leseprobe   •  Let Me Kiss You – Leseprobe

Let Me Kiss You – Leseprobe

Jetzt Let Me Kiss You kaufen

Weitere Infos zu Let Me Kiss You

Let Me Kiss You Leseprobe

Gegenwart

Kapitel 1

Steven

»Bist du wirklich sicher, dass du das tun willst?«, fragt mein Mitbewohner Marc, während er einen zweifelnden Blick auf die zwei Reisetaschen wirft, die auf meinem Bett stehen.

»Nein«, gebe ich zu und packe die letzten zwei Shirts ein, die ich auf jeden Fall mitnehmen will. »Doch ich habe keine Wahl.«

Marc seufzt. »Du könntest deine Eltern fragen. Bestimmt würden sie …«

Ich werfe ihm einen giftigen Blick zu und er verstummt. »Sie würden, aber ich will es nicht, und das weißt du ganz genau. Seit der Sache damals habe ich keinen Cent von ihnen angerührt. Und ich werde mit Sicherheit nicht jetzt damit anfangen.«

»Aber du kennst die Leute nicht, bei denen du einziehen wirst.«

Ich zucke mit den Schultern und ziehe den Reißverschluss der Reisetasche zu. »Es ist nur für ein paar Monate, bis der verdammte Wasserschaden behoben ist.«

Vor drei Tagen wurde ich durch ein stetes Tröpfeln direkt auf meine Stirn geweckt. In der Wohnung über uns gab es wohl einen Wasserrohrbruch, der so verheerend war, dass auch Marc und ich aus unserer Wohnung rausmüssen, damit die Handwerker freie Bahn haben.

Marc kommt bei seiner Freundin Kira unter, mit der er seit der Oberstufe zusammen ist. Das war der erste Moment seit Jahren, in dem ich mir wünschte, ich hätte auch eine feste Freundin, bei der ich zwischenzeitlich wohnen könnte. Ich habe viele Freundinnen, doch mit keiner führe ich eine feste Beziehung. Wir treffen uns nur gelegentlich und jede weiß, dass sie nicht die Einzige ist.

Ein Hotel kann ich mir mit meinem mickrigen Lohn als Aushilfskellner nicht über mehrere Monate leisten, also blieb mir nur die Suche nach einer anderen Wohngemeinschaft. Es war nicht einfach, mitten im Semester eine zu finden, aber ich hatte Glück im Unglück. Zwar habe ich meine neue Mitbewohnerin noch nicht kennengelernt, doch da mache ich mir keine Gedanken.

Bisher gab es nur ein weibliches Wesen, das meinem Charme widerstehen konnte.

Na gut, zwei, aber die zweite zählt nicht, denn die ist mittlerweile die Verlobte meines besten Kumpels Leon.

Ich wickele jede Frau um den kleinen Finger, wenn ich es darauf anlege. Und wenn ich es richtig anstelle, erlässt mir meine neue Mitbewohnerin vielleicht noch etwas von meinem Mietanteil, denn ich bin echt knapp bei Kasse. Die neuen Fußballschuhe mit Nocken für Kunstrasen haben ein Riesenloch in meine Ersparnisse geschlagen.

Warum mussten die Idioten aus dem Club auch auf die beknackte Idee kommen, plötzlich Kunstrasen zu verlegen?!

Mit meinen bisherigen Stollenschuhen durfte ich nicht mehr auf den Platz, also musste ich wohl oder übel neue kaufen.

Ich schultere die beiden Reisetaschen. »Was meinte der Handwerker? Acht Wochen?«

Marc hebt die Schultern. »Ich gehe vorsichtshalber von zehn aus. Und wehe, unsere Zimmer sehen nicht wieder genauso aus wie vorher!«

Wir besitzen nicht viel von Wert; unseren Fernseher und die PlayStation haben wir bei seiner Freundin untergebracht. Ich bin sowieso pro Tag nur wenige Stunden in der Wohnung: Studium, Training und der Nebenjob vereinnahmen mich fast völlig. Immer mal wieder stelle ich mir vor, wie es wäre, auf den Nebenjob zu verzichten. Ich hasse es, zu jedem dahergelaufenen Idioten freundlich sein zu müssen, und es hat lange gedauert, bis sich der Leitsatz »Der Kunde hat immer recht« in mein Gehirn gebrannt hat. Manchmal würde ich den Gästen am liebsten ihr »nicht ganz perfekt gebratenes Steak« ins Gesicht drücken, damit sie die Klappe halten.

Aber auf den Nebenjob kann ich nicht verzichten, weil ich auf das Geld angewiesen bin. BAföG schied für mich von vornherein aus, weil meine Eltern stinkreich sind.

Doch ich werde keinen Cent von ihnen anrühren!

»Wir sehen uns dann übermorgen in der Vorlesung«, sage ich zu Marc, der die Hand zum Abschied hebt.

Nachdem ich meine vollgepackten Reisetaschen durch den engen Flur ins Erdgeschoss gewuchtet habe und aus dem Haus gehe, wartet dort bereits seine Freundin in einem winzigen feuerroten Peugeot. Ich nicke ihr zum Gruß zu und mache mich auf zur Bushaltestelle. Umständlich fummele ich den Zettel mit der Adresse meiner neuen Wohnung aus der Tasche meiner Jeans.

Es kam mir vor wie ein Wink mit dem goldenen Zaunpfahl, als ich am Tag des Wasserschadens in der Uni diese Flugblätter fand, mit denen jemand mitten im Semester dringend einen neuen Mitbewohner sucht, egal ob männlich oder weiblich. Meistens glucken nur die Mädels in einer WG – Männer strikt verboten. Die Wohnung liegt ein Stück vom Campus entfernt, aber das stört mich nicht; so kann ich meine morgendlichen Laufrunden gleich mit dem Weg zum Unterricht verbinden.

Zum Glück hat ein Kollege meine heutige Samstagsschicht im Restaurant übernommen, damit ich mich in der neuen Wohnung einrichten kann. Mal sehen, wie es läuft, vielleicht gehe ich doch noch arbeiten, denn samstags sind die Trinkgelder höher.

Im Bus werfe ich einen Blick auf mein Handy und scrolle durch die WhatsApp-Gruppe der Kids, die ich trainiere. Egal, wie oft ich ihnen einbläue, dass die Gruppe nur für wichtige Infos zum Training oder Absagen ist, spammen sie sie trotzdem mit irgendwelchem Müll voll. Genervt klicke ich die Gruppe weg und würde sie am liebsten verlassen, nachdem ich das hundertste Pokémon gesehen habe. Keine Ahnung, warum das immer noch populär ist …

Ich öffne den Nachrichtenverlauf mit meiner neuen Mitbewohnerin. Wir haben nicht viel geschrieben und noch nie telefoniert, aber sie scheint nett zu sein. Ich schmunzele vor mich hin, ohne den Blick vom Display zu nehmen. Vielleicht gibt es neben der WG noch weitere Vorteile für mich. Bis zu den Mädels, mit denen ich mich für gewöhnlich treffe, ist es ein weiter Weg – auf jeden Fall weiter als bis zur anderen Tür in meiner neuen Übergangswohnung.

Hoffentlich sieht sie gut aus. Andere Standards habe ich nicht, schließlich unterhalte ich mich nicht mit Frauen im Bett. Deshalb ist es mir egal, wie intelligent sie sind. Hauptsache, sie stöhnen nicht wie eine quietschende Maus, der man auf den Schwanz getreten war, oder liegen wie ein Brett unter mir – das kann ich nicht leiden.

Als der Bus schließlich an meiner Haltestelle hält, zwänge ich mich mit den Reisetaschen nach draußen. Es ist ungewöhnlich kühl für Mai; fröstelnd reibe ich mir die Hände aneinander, nachdem ich die Taschen auf den Gehweg gestellt habe. Ich bin ein Sonnenjunge – alles unter zwanzig Grad kann mir gestohlen bleiben.

Ich zücke erneut mein Handy, gebe die genaue Adresse in GoogleMaps ein und lasse mich von der App zu meinem Ziel führen. Ein identisch aussehendes Hochhaus aus den Siebzigern reiht sich ans andere und die Hausnummern sind so klein, dass ich sie vom Gehweg aus unmöglich erkennen kann. Hier hat schon lange niemand mehr renoviert … Obwohl Marc und ich für unseren eigenen Lebensunterhalt aufkommen, wohnen wir in einer besseren Gegend, doch ich darf in meiner momentanen Situation nicht wählerisch sein.

Fast ganz am Ende der Hochhausreihe stehe ich endlich vor der Hausnummer, die mir meine zukünftige Mitbewohnerin genannt hat. Stirnrunzelnd betrachte ich den abbröckelnden Putz, dessen Farbe eine Mischung aus Abgasgrau und Verblichenbeige sein muss. Sämtliche Fenster in den unteren Stockwerken sind mit dunklen Stoffen behangen; Außenrollos gibt es nicht. Die Gebäudetür sieht aus, als wäre sie mehrmals aufgebrochen worden. Fehlen nur noch ein paar Junkies mit Nadeln im Arm im Eingangsbereich, um mein Bild perfekt zu machen.

Nicht dass ich etwas zu befürchten hätte. Mit meinen gut ein Meter neunzig Körpergröße und der durchtrainierten Statur überlegt es sich ein Räuber sicher zweimal, ob er mich überfallen will.

Ich dränge den Hauch Unbehagen von mir, der mich in dieser heruntergekommenen Gegend befällt, fahre mir ein letztes Mal mit der Hand durchs blonde Haar, bis es verwegen nach allen Seiten absteht, und mache mich daran, die richtige Klingel zu suchen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind zweiundzwanzig schwarze Klingelknöpfe unter- und nebeneinander angeordnet. Ich überfliege die Nachnamen neben den Knöpfen, bis mir wieder einfällt, dass ich ihren gar nicht kenne. Wir haben uns nur mit Vornamen vorgestellt.

Wieder mit dem Handy in der Hand suche ich ihre Nummer, die ich unter Marie 3 eingespeichert habe, und drücke auf Anrufen. Nach dem zweiten Klingeln nimmt sie ab.

»Hey, ich bin’s, Steven«, sage ich. »Ich stehe vor dem Haus, hab aber keine Ahnung, wo ich klingeln soll.«

»W-Warte«, kommt eine ziemlich niedliche Stimme aus dem Hörer. »Ich mache dir auf. Du musst hoch in den dritten Stock.«

Schon ertönt der Türsummer. »Danke«, sage ich, ehe ich auflege.

Natürlich gibt es keinen Fahrstuhl, doch das habe ich auch nicht erwartet, so heruntergekommen, wie die Häuser von außen aussehen.

Als ich samt Gepäck fast den dritten Stock erreicht habe, sehe ich zwei junge Frauen, die sich in den Armen liegen. Neben einer steht ein Rollkoffer.

»Noch kannst du es dir überlegen, Süße«, murmelt die, die im Treppenhaus steht.

»Du bist doch diejenige, die mitten im Semester die Studienrichtung wechselt«, entgegnet die junge Frau, die ich nur halb sehen kann, da sie in der Wohnung steht.

»Du hast ja recht. Sei vorsichtig, okay?«

»Hmm«, ertönt es. »Wird schon werden. Er war der Einzige, der sich gemeldet hat, und allein kann ich die Miete nicht stemmen. Wir werden uns schon irgendwie zusammenraufen. Schließlich bin ich ein großes Mädchen!«

Die Frau auf dem Hausflur lacht. »Ich weiß, Süße. Ich muss los. Hab dich lieb!«

»Ich dich auch.«

Sie greift nach ihrem Koffer und dreht sich zu mir um. »Ah, wie es aussieht, ist er schon da.« Kurz dreht sie mir den Rücken zu, um der Frau in der Wohnung etwas zuzuflüstern. Sie ist klein, ein wenig stämmig und hat ihre schwarzen Haare zu einem unordentlichen Dutt hochgewunden. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht wendet sie sich wieder mir zu. »Na denn, viel Spaß in deiner neuen Wohnung.«

Ihr Blick gleitet an mir auf und ab und ein begehrliches Funkeln lässt ihre dunklen Augen schimmern. Das bin ich gewohnt. Ich werfe mich ein wenig in Pose, ohne übertrieben zu wirken, und neige den Kopf zu einem halben Nicken.

»Vielen Dank.«

Sie reicht mir die Hand. »Angela.«

Ich ergreife sie. »Steven.«

»Wow, ganz schön fester Händedruck. Gewichteheben?«

»Fußball«, entgegne ich.

Sie schürzt die Lippen. »Müssen Fußballer nicht … na ja … schnell laufen?«

»Ich nicht«, sage ich. »Ich bin Torwart.«

Ehe Angela etwas darauf erwidern kann, ertönt aus der Wohnung ein hektisches Schnappen nach Luft und auch die zweite Frau kommt auf den Hausflur gestolpert. Zunächst gleitet mein Blick an ihren langen, schlanken Beinen empor, die in einer so engen Leggins stecken, dass es fast schon unanständig ist, über einen flachen Bauch und runde Brüste hinweg, die mehr als ansehnlich sind, um schließlich an ihrem Gesicht hängen zu bleiben.

Bis zu ihrem Hals habe ich mir innerlich bereits ein High five gegeben, schließlich ist es nicht selbstverständlich, eine heiße Mitbewohnerin zu haben.

Doch als ich in ihr Gesicht sehe, verstummt der Jubel sofort.

»Du?«, brüllen wir wie aus einem Mund.

Kapitel 2

Marie

Heute ist der Tag, vor dem ich mich bereits seit Wochen fürchte.

Heute wird meine beste Freundin und Lieblingsmitbewohnerin Angela ausziehen und an einer anderen Uni einen neuen Studiengang belegen. Ich werde sie also nicht einmal mehr auf dem Campus oder zum Mittagessen sehen. Dabei ist sie neben meinem Freund Jonah die einzige Person, die ich näher kenne.

Obwohl ich bereits seit knapp vier Semestern Sport auf Lehramt studiere, habe ich mir nie die Mühe gemacht, mich mit meinen Kommilitonen anzufreunden. Ich bin die Sorte von Mensch, die nach Ende des Unterrichts ihre Sachen zusammenrafft und aus dem Saal stürmt, um sich irgendwo allein in einer Ecke auf das nächste Fach vorzubereiten.

Damit hatte ich nie ein Problem, ganz im Gegenteil. Ich bin bisher gut damit zurechtgekommen, nicht der gesellige Typ zu sein. Anders ging es auch nicht, schließlich sind wir in meiner Kindheit und Jugend so oft umgezogen, dass ich mich gar nicht mehr an alle Orte erinnern kann, in denen wir lebten. Mir blieb nie genug Zeit, um Bindungen zu knüpfen.

Und das eine Mal, als ich es doch tat, habe ich bitterlich bereut. Er brach nicht nur mein Herz, sondern zerstörte auch meinen Lebenstraum.

Danach musste ich allein die Scherben aufsammeln und irgendwie weitermachen.

Aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen. Angela, die ich während der Reha kennengelernt habe, war mir seitdem eine große Stütze und wir sind seit Jahren unzertrennlich. Ich hätte nicht glücklicher sein können, als sie mir sagte, sie würde an der gleichen Uni studieren wie ich.

Doch jeden Tag habe ich mehr und mehr gemerkt, wie wenig sie ihr Studium erfüllte. Auch sie entschied sich für Sport auf Lehramt, obwohl sie nie derart sportbegeistert war wie ich. Sie tat es mir zuliebe – und es zerstörte sie. Also redete ich so lange auf sie ein, bis sie es sich auch selbst eingestand und nach einer Alternative suchte. Ab kommendem Semester studiert sie Veterinärmedizin an einer Uni in München – ganz weit weg von mir. Meine Uni ist in der Nähe von Berlin; ein Stück außerhalb und ein Sammelsurium für sämtliche Sportstudiengänge. Unser Campus ist so riesig, dass es mich nicht wundern würde, wenn wir bald unser eigenes Ortsschild bekämen.

Zum wohl tausendsten Mal schließt Angela mich heute in die Arme. »Du brauchst nur in ein Flugzeug zu steigen und zu mir in den Süden zu fliegen, wenn es zu schlimm wird, okay?«, murmelt sie mir ins Ohr.

Ich murmele pflichtschuldig eine Zustimmung. Ein Flugticket werde ich mir nur einmal im halben Jahr leisten können – wenn überhaupt.

»Und ruf mich an, wenn Jonah wieder … Du weißt schon.«

Ich beiße die Zähne zusammen und ringe mir ein Nicken ab. Ich wollte nie, dass sie die ständigen Streitereien zwischen Jonah und mir mitbekommt, dummerweise sind die Wände in der Wohnung so dünn, dass man jedes Wort hören kann, wenn man im Nebenzimmer ist.

»Zwischen uns läuft es toll«, zwinge ich mich zu sagen, weil ich weiß, dass sie nicht gehen würde, wenn ich nicht mindestens eine Bezugsperson vorzuweisen habe. Hätten Jonah und ich uns getrennt, hätte Angela ihre Studienpläne meinetwegen über den Haufen geworfen. Das will ich auf keinen Fall!

Also sehe ich schon seit Wochen über Jonahs Launen hinweg und gebe mir die größte Mühe, nicht mit ihm aneinanderzugeraten. Das ist nicht immer einfach. Ich mag Jonah, liebe ihn vielleicht sogar, aber er ist launisch, vor allem wenn er einen schlechten Tag im Autohaus hatte oder die vorgegebenen Ziele seines Chefs nicht erreichen konnte.

Angela seufzt, lässt das Thema Jonah jedoch zum Glück fallen. »Wann will dein neuer Mitbewohner hier aufschlagen? Ich werde nicht gehen, bis ich mich nicht davon überzeugt habe, dass du an keinen Perversen gerätst.«

Ich rolle mit den Augen. »Er schien ganz nett zu sein und wohnt nur als Zwischenlösung hier, weil es bei ihm im Haus wohl einen Wasserrohrbruch gab. In den Semesterferien zieht er wieder zurück in seine Wohnung und ich habe genug Zeit, jemand anderes zu finden.«

»Trotzdem«, beharrt Angela. »Was, wenn er ein ungehobelter Widerling ist, der überall seine Essensreste stehen lässt oder – noch schlimmer! – beim Essen schmatzt! Oder wenn du morgens seine Bart- und Schamhaare im Waschbecken findest!«

»Bart- und Schamhaare?«, wiederhole ich. »Ich finde, du übertreibst. Den Reinigungsplan werde ich ihm von Anfang an einhämmern und bestimmt werden wir nicht viel zusammen essen.«

»Ihr habt euch noch nie getroffen. Was, wenn …«

Ich hebe die Hand und unterbreche damit ihre Horrorszenarien. »Es wird schon für ein paar Monate gut gehen. Hauptsache, ich kann die Miete zahlen.«

Angela scheint alles andere als zufrieden mit meinem Argument zu sein, denn sie verzieht missbilligend den Mund.

Ich nehme ihre Hand und murmele: »Hey. Es wird alles gut werden.«

»Hab immer dein Pfefferspray griffbereit und schließ abends deine Zimmertür ab, hörst du?«

»Ja, Mama«, sage ich grinsend und Angela fällt sofort in das Grinsen ein.

Gerade als sie mich wieder umarmen will, vibriert mein Handy in der Hosentasche, ich ziehe es hervor. »Oh, das ist er! Warte kurz.«

Ich nehme das Gespräch an, wobei mein Herz viel zu fest gegen meine Rippen donnert. Bisher haben wir noch nie telefoniert, nur hin und wieder geschrieben, und auch diese Nachrichten drehten sich einzig und allein um die Wohnung und die Höhe der Miete. Jetzt werde ich zum ersten Mal seine Stimme hören.

»Ja?«

»Hey, ich bin’s, Steven«, ertönt es aus der Leitung. O Gott, diese Stimme! So voll und tief. »Ich stehe vor dem Haus, hab aber keine Ahnung, wo ich klingeln soll.«

Ich brauche ein paar Augenblicke, bis ich realisiert habe, dass er nichts mehr sagen wird, obwohl er von mir aus weitersprechen könnte.

»W-Warte«, stammele ich und möchte mich am liebsten dafür ohrfeigen. Toller erster Eindruck, Marie! »Ich mache dir auf. Du musst hoch in den dritten Stock.«

Ich höre noch ein »Danke«, ehe er auflegt. Ich starre auf das nun schwarze Display. O Mann, wenn der Kerl genauso heiß aussieht, wie er klingt, dann … Hastig schüttele ich den Kopf. Nichts »dann«! Zwischen Jonah und mir lief es die letzten Tage prächtig. Das werde ich nicht wegen eines Zwischenmieters aufs Spiel setzen!

»Und?«, fragt Angela neugierig. »Wie hat er sich angehört?«

Nur flüchtig huscht mein Blick zu ihr. »Ganz okay.«

Sie lacht. »Für ›ganz okay‹ sind deine Wangen aber ziemlich rot geworden. Ich wette, er klang megaheiß. Auf einer Skala von ›Nordpol‹ bis ›Tom Hiddleston erklärt dir Mathe‹, wie heiß hat er geklungen?«

»Hörst du bitte auf, ständig das Wort ›heiß‹ zu sagen?«, grummele ich. »Es ist völlig egal. Er ist mein neuer Mitbewohner und nichts weiter.«

Sie bedenkt mich mit einem Blick, aus dem ich deutlich die Worte »Wenn du meinst« heraushören kann, und wuchtet ihren Koffer auf den Hausflur. Vor zwei Tagen kam bereits eine Umzugsfirma, um ihre Kartons abzuholen. Im Koffer befinden sich nur ihre absolut überlebenswichtigen Utensilien, von denen sie eine Menge hat. Meine beste Freundin steht total auf diese korean skincare routine und hat mich damit auch angesteckt. Unser Bad ist nur zu klein, um sämtliche Tuben und Fläschchen dort unterzubringen. In ihrem Koffer klappert es, als sie ihn abstellt und mir abermals um den Hals fällt. Ich klammere mich an ihr fest, als würde mein Leben davon abhängen, und muss verbissen die Tränen zurückblinzeln, die mir bereits in die Augen steigen.

Aber vor Angela kann ich nichts verbergen. Traurig mustert sie mich, als sie mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hat. »Noch kannst du es dir überlegen, Süße.«

»Du bist doch die, die mitten im Semester die Studienrichtung wechselt«, entgegne ich mit einem schlecht unterdrückten Schniefen. Kein Hauch Vorwurf liegt in meiner Stimme, schließlich war ich diejenige, die sie dazu gedrängt hat, ihren eigenen Weg zu gehen.

Trotzdem fühlt es sich an, als würde mir jemand eine Hand abhacken – so verbunden fühle ich mich mit Angela. Sie nicht mehr ständig um mich zu wissen, wird mir die erste Zeit einen ordentlichen Dämpfer verpassen.

»Du hast ja recht. Sei vorsichtig, okay?«

»Hmm-hmm«, mache ich unbestimmt. »Wird schon werden. Er war der Einzige, der sich gemeldet hat, und allein kann ich die Miete nicht stemmen. Wir werden uns schon irgendwie zusammenraufen. Schließlich bin ich ein großes Mädchen!«

Angela lacht – hell und freundlich und offen, wie sie es immer tut. Ganz anders als ich. »Ich weiß, Süße. Ich muss los. Hab dich lieb!«

»Ich dich auch.«

Ein letztes Mal klammere ich mich an ihr fest, ehe ich sie in ihr neues Leben entlasse. Ein Leben, das sie hoffentlich freudiger stimmt als das, wo sie immer ein Auge auf mich haben musste. Nun kann sie ihren eigenen Träumen folgen, anstatt mich dabei zu unterstützen, für meinen einen halbwegs annehmbaren Ersatz zu finden.

Sie greift nach ihrem Koffer. Ich schlucke gegen einen dicken Kloß im Hals an, als sie sich von mir abwendet und ich nun wahrhaftig begreife, dass ich sie eine lange, lange Zeit nicht mehr sehen werde. Beinahe hätte ich sie gepackt und zurück in die Wohnung gezerrt, um sie anzuflehen, bei mir zu bleiben, doch das wäre nicht richtig.

»Ah«, raunt sie, »wie es aussieht, ist er schon da.«

Mein Herz macht bei ihren Worten einen Satz. Warum bin ich so aufgeregt? Oder ist es die mir wohlbekannte Unsicherheit, die mich überkommt, wann immer ich mit mir fremden Leuten zu tun habe? Sicherheitshalber bleibe ich in der Wohnungstür stehen, bis ich meinen Herzschlag und meine Nervosität wieder unter Kontrolle habe.

Angela wendet sich mit einem Funkeln in den dunklen Augen wieder mir zu, formt mit den Lippen das Wort »megaheiß« und gibt mir ein Daumen hoch, gefolgt von einem Augenzwinkern. Ich verdrehe die Augen, muss aber schmunzeln.

Während ich noch nervös mit dem Saum meines T-Shirts spiele und mir Haarsträhnen, die gar nicht da sind, hinters Ohr streiche, höre ich Angela und meinen neuen Mitbewohner im Treppenhaus reden. Ich könnte mich nie mit einem völlig Fremden derart ungezwungen unterhalten wie Angela.

»Na denn, viel Spaß in deiner neuen Wohnung.«

»Vielen Dank.«

»Angela.«

»Steven.«

»Wow, ganz schön fester Händedruck. Gewichteheben?«

»Fußball.«

»Müssen Fußballer nicht … na ja … schnell laufen?«

Ich seufze innerlich. Nein, ein Studium mit dem Schwerpunkt auf Sport wäre nie etwas für Angela gewesen.

»Ich nicht. Ich bin Torwart.«

Die Nervosität verfliegt schlagartig, weil mein Gehirn viel zu sehr damit beschäftigt ist, das eben Gehörte zu verarbeiten.

Steven. Fußball. Torwart.

Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Ich verlasse meinen sicheren Lauschposten und stolpere auf den Hausflur. Angela bedenkt mich mit einem Stirnrunzeln, doch ihr gehört meine Aufmerksamkeit nur einen winzigen Moment. Mein Blick saugt sich förmlich an dem stattlichen Kerl fest, der auf den Treppenstufen steht und zu mir aufschaut. Er sieht fast noch genauso aus wie damals: ein wenig größer, etwas breitere Schultern, durchtrainierte Arme, scharf geschnittene Gesichtsform, blondes Haar und himmelblaue Augen. Seinen Blick spüre ich regelrecht auf meiner Haut, als er ihn langsam an mir hinaufgleiten lässt. Das schiefe Grinsen, das dabei seine Lippen umspielt, möchte ich ihm am liebsten aus dem Gesicht prügeln.

Als er irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit bei meinem Gesicht angekommen ist, verschwindet das Grinsen. Unsere Blicke verhaken sich. Er braucht für seine Rückschlüsse genauso lange wie ich, um meine Stimme wiederzufinden.

»Du?«, brüllen wir wie aus einem Mund.

Jetzt Let Me Kiss You kaufen

Etwa drei Jahre zuvor …

Kapitel 3

Steven

Ich habe nie verstanden, warum alle Welt Montage hasst.

Dienstage sind mindestens genauso beschissen.

In den letzten Monaten mochte ich sie, denn sie begannen mit zwei Freistunden, weil unser vorheriger Geschichtslehrer Herr Wenzel in den Knast gewandert ist und die Schule mitten im Schuljahr keinen passenden Ersatz gefunden hat. Hieß für mich: Zwei Stunden länger schlafen!

Doch kurz vor Ende des Schuljahres kommt irgendein Lehrer aus dem Ausland zurück und übernimmt Herr Wenzels Klassen.

Meine Laune kann am heutigen viel zu frühen Dienstagmorgen auch nicht Laureen heben, die sich mit ihrem ganzen Körper an mich drückt und ich den Rücken gegen die Wand der Kabine in der Mädchentoilette pressen muss. Mit einem lasziven Wimpernklimpern sieht sie zu mir auf.

»Ich bin heute früh nicht in Stimmung«, murre ich und will sie sanft, aber bestimmt von mir schieben. Doch sie ist schlimmer als eine Klette.

Normalerweise würde ich dieses Verhalten begrüßen und mir das nehmen, was ich brauche. So wie ich es immer tue.

Ich hatte noch nie eine Beziehung und wollte auch nie eine haben. Es hat mir gereicht, meinem besten Freund Leon dabei zusehen zu müssen, was die Liebe mit ihm angestellt hat. Zugegeben, es war nicht gerade schlau von ihm, sich ausgerechnet in seine Lehrerin verknallen zu müssen, doch das ändert nichts an dem Fakt, dass es ihn zerstört hat, als sie ging.

Und wer musste ihn aus dem dunklen Loch herausziehen, in das er gefallen war? Ich.

Seit ich gesehen habe, wie fertig er war, halte ich mich von allem fern, was auch nur ansatzweise mit Liebe zu tun hat.

Mittlerweile hat er die Schule verlassen und ist offiziell mit ihr zusammen, deshalb habe ich meine Meinung aber nicht geändert. Liebe ist etwas für Schwachköpfe. Ich komme auch ohne diesen Kram auf meine Kosten.

Doch heute Morgen steht mir der Sinn nicht danach. Ich will lieber schmollen, dass ich nicht noch weiterhin im Bett liegen kann.

Laureen lässt nicht locker und reibt mit der Hand über meinen Hosenschlitz, während sie versucht, mich zu küssen. Ich drehe hastig den Kopf weg, sodass sie nur meine Wange trifft. Es ist Monate her, seit ich eine von den Tussis, mit denen ich mich regelmäßig treffe, geküsst habe. Ich will das nicht. Küsse fühlen sich zu sehr nach Beziehung an – und davon halte ich mich fern wie der Teufel vom Weihwasser. Und die Weiber wissen das. Zwischendurch ist immer mal eine dabei, die meint, mich ändern zu können und auf die »richtige Bahn« zu bringen, aber Hoffnungen mache ich keiner von ihnen.

Als Laureen sich am Knopf meiner Jeans zu schaffen macht, packe ich sie am Handgelenk. »Ich sagte, heute nicht.«

»Ach, komm schon, Steven«, schnurrt sie und presst sich wieder an mich. »Es wird dir gefallen.«

Das würde es mit Sicherheit, wenn ich nicht so miese Laune hätte. Laureen weiß, was sie tut, und das schätze ich bei Frauen. Mit grauen Mäusen, die stumm alles über sich ergehen lassen, kann ich nichts anfangen.

»Ein andermal«, beharre ich und schiebe sie von mir, auch wenn ein Teil von mir dagegen protestiert. Weil ich gestern früher als sonst pennen musste, habe ich keine meiner anderen Bettbekanntschaften mehr angerufen.

Laureen zieht einen Schmollmund. »Du wirkst heute so verspannt.«

Wieder gleitet ihre Hand mit genau dem richtigen Druck über die Beule in meiner Hose. Diesmal kann ich ein gezischtes Stöhnen nicht unterdrücken. Laureens Augen funkeln wissend und sie verstärkt den Druck ein wenig, als sie mit den Fingern über die Konturen fährt, die sich deutlich durch die langsam zu eng werdende Jeans abzeichnen.

»Jemand sollte dafür sorgen, dass du dich ein wenig entspannst«, wispert sie rau, während sie den Reißverschluss meiner Hose öffnet.

Ich stoße den Atem aus, als mein Schwanz endlich mehr Platz hat, und gebe es auf, mich gegen sie wehren zu wollen. Sie gehörte noch nie zu den Weibern, die ein Nein gelten lassen, und ein bisschen Zerstreuung kann an diesem beschissenen Morgen nicht schaden.

Als sie auf die Knie sinkt, kralle ich die Hand in ihr braunes Haar und dirigiere ihren Kopf so, wie ich ihn haben will. Zunächst leckt sie über die Spitze, ehe sie ihn so weit wie möglich in den Mund nimmt. In einer der nächsten Pausen werde ich mir die Reste ihres pinken Lippenstiftes vom Schaft waschen … Ich verdränge diesen Gedanken und alle weiteren und konzentriere mich auf das saugende Gefühl an meinem Schwanz.

Mehrmals bewege ich die Hüften vor, stoße tief in ihren Mund, bis sie Würgelaute von sich gibt, sich aber nicht zurückzieht, ehe ich mich mit einem Keuchen in sie ergieße.

Laureen zieht sich zurück, schluckt und leckt sich genüsslich über die Lippen, ehe sie zu mir emporgrinst. »Ich hoffe, dass dein Tag nun besser wird.«

Ich grinse ebenfalls, wobei ich meine Hose schließe. »Wir werden sehen.«

Ich entriegele die Tür der Kabine und trete hinaus, um mir die Hände zu waschen. Ein anderes Mädchen, das ich noch nie zuvor gesehen habe, steht bereits am Waschbecken und blickt im Spiegel verschreckt in meine Richtung.

Laureen ist mir auf den Fersen, wobei sie umständlich ihr in Unordnung gebrachtes Haar richtet. »Hast du schon gehört, dass in drei Wochen diese …« Sie tippt sich mit dem manikürten Zeigefinger gegen das Kinn. »Wie heißen die Typen gleich, die gute Sportler suchen?«

»Talentsucher«, helfe ich ihr aus. »Oder Scouts, wenn du es auf Englisch haben willst.«

Sie kichert. »Ich habe es lieber französisch, wie du weißt.«

Ich verdrehe die Augen und unterdrücke im letzten Moment ein Seufzen. Wenn sie doch einfach die Klappe halten würde … Laureen kann zwar gut blasen, aber sonderlich helle ist sie nicht. Es ist mir ein Rätsel, wie sie es bis in die Zwölfte geschafft hat.

»Wie dem auch sei, die sollen wohl da sein.«

Ich nicke. »Hab’s schon gehört.«

»Na denn. Du wirst sie umhauen, Tiger!«

Ein pflichtschuldiges, falsches Lächeln ist alles, was ich zustande bringe; mehr scheint Laureen auch nicht zu erwarten. Sie haucht mir einen Kuss auf die Wange, ehe sie die Mädchentoilette mit wiegenden Hüften verlässt.

»Ähm …«, ertönt es schüchtern neben mir.

Ich wende mich zu dem fremden Mädchen um, das ich schon fast vergessen habe. Aus grasgrünen Augen schaut sie zu mir auf, denn sie reicht mir nur bis zum Kinn. Das dunkelblonde Haar hat sie zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden und auch sonst entdecke ich keine Spur von Make-up in ihrem Gesicht. Dafür aber einige Sommersprossen, die sich über ihren Nasenrücken ziehen und schließlich auf ihren Wangen verlieren. Einfache Kleidung – einfarbiges Shirt und Jeans, dazu Sneakers – zeichnen sie nicht als eines der Schickimickipüppchen aus, mit denen ich normalerweise verkehre.

Dennoch schenke ich ihr ein strahlendes Lächeln, das mein bester Kumpel Leon immer als »Zahnpastalächeln« bezeichnet. »Was kann ich für dich tun?«

Sie runzelt bei meinen Worten die Stirn. »Das hier ist die Mädchentoilette.«

Ich gehe an ihr vorbei, so nah wie möglich, ohne sie direkt zu berühren, und trockne mir die Hände ab. »Ich weiß.«

»Hmm.« Der Laut klingt irgendwie niedlich bei ihr. Allgemein wirkt sie süß und niedlich, wie eine dieser Disney-Prinzessinnen, bevor sie ihren Prinzen finden. »Wenn du das weißt, ist ja gut. Ich dachte, du wärst auch etwas zurückgeblieben, so wie deine Gespielin.«

Ich stoße ein prustendes Lachen aus. »Nein, keine Sorge, das bin ich nicht.«

Immer noch lächelnd stütze ich mich am nächstbesten Waschbecken ab und genieße es, auf sie hinabzusehen. Eine Spur Unbehagen huscht durch ihren Blick, doch er verschwindet schnell, als sie sich von mir abwendet.

Darüber bin ich verwirrt. Normalerweise fragen mich die Tussis nach meiner Telefonnummer, wenn ich sie anlächle, oder fangen an zu seufzen. Ich kenne meine Wirkung auf das andere Geschlecht und nutze sie gnadenlos aus, doch bei der Kleinen scheint sie nicht so zu funktionieren, wie ich es gewohnt bin.

Vielleicht denkt sie, dass Laureen und ich zusammen seien. Um Gottes willen! Nicht dass ich mich überhaupt für eine feste Beziehung interessieren würde, aber wenn, stünde Laureen sehr weit unten auf der Liste. Denn in einer Beziehung muss man miteinander reden, und wie Laureen eben und bereits einige Male zuvor bewiesen hat, gehört eine gepflegte Konversation nicht zu ihren Steckenpferden.

»Du kennst doch sicher das alte Sprichwort«, raune ich, um die Sorgen der fremden Kleinen zu zerstreuen und sie dazu zu bringen, doch noch nach meiner Nummer zu fragen.

»Welches Sprichwort?«, hakt sie nach, wobei sie nur flüchtig in meine Richtung blickt.

»Dumm fickt gut.«

Blinzelnd und eine Spur geschockt dreht sie sich zu mir um. Ich ziehe meine Mundwinkel noch ein Stück höher und greife bereits nach meinem Handy, um ihre Nummer einzutippen.

»Klug fickt bestimmt auch gut«, sagt sie und macht bei jedem Wort einen winzigen Schritt auf mich zu. Innerlich gehe ich bereits meinen Terminkalender für diese Woche durch und frage mich, an welchem Tag ich sie reinquetschen könnte. Direkt vor mir bleibt sie stehen, stellt sich gekonnt wie eine Ballerina auf die Zehenspitzen und verengt die Augen zu Schlitzen. »Nur eben nicht mit dir.«

Bevor ich die Bedeutung ihrer Worte begreifen kann, stolziert sie an mir vorbei und verlässt die Toilette. Verdattert starre ich auf die geschlossene Tür.

Dieser kleine Mistkäfer! Niemand redet so mit mir. Wenn ich sie in die Finger kriege, wird sie ihre Worte bereuen!

 

Alles andere als motiviert schleppe ich mich in den Unterrichtsraum, wo nun wieder jeden Dienstagmorgen Geschichte stattfindet. Während ich mich auf meinem Platz niederlasse, überlege ich, wie viele Kilo Sprengstoff nötig wären, um diese vermaledeite Schule dem Erdboden gleichzumachen. Ich bin schon früher nicht gern zur Schule gegangen und hätte lieber den ganzen Tag auf dem Sportplatz rumgehangen, doch seit mein bester Freund Leon zum Halbjahr die Schule verlassen hat, um sich einen Job zu suchen und offiziell mit seiner Lehrerin zusammen sein zu können, ist es noch schlimmer geworden. In nahezu jedem Kurs saßen wir zusammen; nun sitze ich überall allein.

Ich habe viele andere Freunde – das gesamte Fußballteam –, aber keiner von ihnen ist Leon. Zwar sehe ich ihn regelmäßig, doch lange halte ich es nie in seiner und der Gegenwart seiner Freundin aus. Bei ihrem ständigen Geturtel kommt mir die Galle hoch!

»Hey, Mann.« Marc, unser Mittelstürmer und mein zweitbester Freund, lässt sich auf den freien Platz neben mir sinken und haut mir eine Spur zu fest auf den Rücken. »Du hast sicher schon von den Scouts gehört, oder?«

Dankbar über die Ablenkung nicke ich. »Die halbe Schule spricht über nichts anderes mehr. Hoffentlich ist es nicht wieder nur ein dummes Gerücht, wie die drei Male davor.«

Marc schüttelt den Kopf. »Der Volleyballcoach der Mädchenmannschaft hat es erzählt. Scheint also kein Gerücht zu sein. Apropos …«

Ich stoße geräuschvoll den Atem aus. »Nein, Marc, nicht schon wieder …«

Wie zum Gebet presst er beide Hände gegeneinander. »Bitte, Kumpel, nur noch dieses eine Mal! Mein Auto ist immer noch kaputt und ich hab ihr versprochen, sie nach dem Training nach Hause zu bringen.«

»Ich will nicht schon wieder für euch den Fahrer spielen«, murre ich. »Das letzte Mal habt ihr es beinahe auf meinem Rücksitz getrieben. Das geht so nicht, Alter.«

»Ich weiß, sorry, kommt nicht wieder vor. Biiiitte! Kira bringt mich um, wenn sie zwei Stunden auf den nächsten Bus warten muss, um nach Hause zu kommen.«

»Dann sieh zu, dass du deine Karre reparieren lässt«, halte ich dagegen.

»Würd ich gern, aber ich bin knapp bei Kasse …«

Seufzend reibe ich mir mit der Hand über die Stirn. »Na gut, aber das ist das letzte Mal! Ich hab heute noch was vor.«

»Was denn?«, will Marc grinsend wissen. »Triffst du dich mit Ische vier oder neun aus deinem Kontaktverzeichnis?«

»Das überlege ich mir noch.«

Um ihm zu zeigen, dass das Gespräch für mich beendet ist, krame ich in meinem Rucksack nach den Unterlagen für Geschichte. Lose Blätter fallen mir entgegen und das Unterrichtsbuch hat auch schon bessere Tage gesehen. Zusammen mit einem Kuli breite ich alles auf dem Tisch aus, an dem ich allein sitze.

»Kommst du nach dem Unterricht kurz mit zum Volleyballtraining?«, fragt Marc, der die Info, dass ich nicht weiter mit ihm reden will, offenbar nicht verstanden hat.

»Ich musste letzte Woche schon mitkommen«, maule ich.

»Ach komm! Mädels in knappen Sportshorts, die nach Bällen springen, dürften dir doch gefallen. Ein großes Opfer ist es nicht.«

Wo er recht hat, hat er recht. Zumindest die Mädels aus dem Volleyballteam sind eine Augenweide – hüpfende Brüste inklusive.

»Von mir aus«, gebe ich nach. »Aber das ist das letzte Mal.«

Er boxt mir mit den Faust gegen die Schulter. »Danke, Mann! Du hast was gut bei mir.«

»Ich trage es in die Liste ein.«

Marc gibt ein verschmitztes Grinsen von sich, weil er genau weiß, dass die Liste mit Gefallen, die ich ihm bereits getan habe, ellenlang ist. Doch das halte ich ihm nicht vor; er ist mein Kumpel. Abgesehen von Leon kenne ich ihn am besten.

Pünktlich zum Unterrichtsklingeln öffnet sich die Tür und der neue Geschichtslehrer tritt ein. Marc verzieht sich auf seinen Platz hinter mir. Ich gebe vor, in meinen Unterlagen zu blättern. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, worüber wir in der letzten Geschichtsstunde gesprochen haben, die Monate her ist.

Ich sehe erst auf, als der neue Lehrer sich räuspert. Meine Finger verkrampfen sich um die Seite, die ich eben umblättern wollte.

Neben ihm steht der kleine Mistkäfer von der Mädchentoilette. Nun wirkt sie weniger tough, sondern zupft am Saum ihres Shirts herum, während sie einen wahllosen Punkt an der gegenüberliegenden Wand fixiert, das spitz zulaufende Kinn angriffslustig gereckt.

»Guten Morgen«, begrüßt der Lehrer uns.

Nur etwa ein Drittel murmelt ein halbherziges »Morgen« zurück.

»Mein Name ist Herr Lambert. Wie Sie sicherlich mitbekommen haben, bin ich bis zu Ihrem Abschluss Ihr Geschichtslehrer. Ich komme gerade aus Schweden zurück, wo ich aus privaten Gründen viele Jahre gelebt und unterrichtet habe.«

Lambert. Irgendwas klingelt bei diesem Namen bei mir, aber ich komme beim besten Willen nicht drauf. Ich mustere ihn näher. Hochgewachsen, eher schlacksige Statur. Bereits schütteres Haar und eine dicke Brille. Hellblaues Hemd und Jeans. Mehr muss ich von ihm nicht sehen, um ihn als rückgratlosen Langweiler abzustempeln. Also niemand, den ich von irgendwoher kenne.

»Ich werde mir gleich die Mitschriften einiger von Ihnen durchsehen, damit ich auf dem gleichen Stand bin wie Sie«, palavert er weiter. Ich habe Mühe, nicht direkt einzupennen. »Mir ist bewusst, dass Sie viel Stoff verpasst haben, seit Ihr letzter Lehrer überraschend nicht mehr unterrichten konnte.«

So wirklich überraschend ist das nicht. Der Typ hat seine Frau misshandelt und ist anschließend im Vollrausch mit einem Messer auf meinen Kumpel Leon losgegangen, als dieser seiner Geliebten zu Hilfe geeilt ist. Dumm für Herrn Wenzel, dass Leons Eltern die renommiertesten Anwälte der gesamten Umgebung sind. Ernsthaft, die beiden haben es drauf, wobei Leons Mutter die wahrhaft Gefährliche der beiden ist. Jedenfalls fackelten sie nicht lange, erwirkten ein Kontaktverbot und verfrachteten Herrn Wenzel nach einer denkbar kurzen Gerichtsverhandlung in ein Gefängnis für Wirtschaftskriminelle. Als ich Leon fragte, warum ausgerechnet in ein solches Gefängnis, meinte er nur grinsend, dass die dortigen Insassen ein gutes Verhältnis zu ihren Müttern und Schwestern hätten und es für einen Frauenschänder alles andere als einfach sei, dort zurechtzukommen.

Doch die Story scheint sich noch nicht bis zu Herrn Lambert herumgesprochen zu haben. Ist nur eine Frage der Zeit. In unserer verschlafenen Kleinstadt gibt es nicht allzu viele Skandale; da wird ein solcherbis zum Letzten ausgeschlachtet.

»Das hier«, sagt Herr Lambert und deutet auf den Mistkäfer neben sich, »ist meine Tochter Marie. Sie war ebenfalls mit mir in Schweden und stammt auch gebürtig von dort, wird nun aber gemeinsam mit Ihnen ihren Abschluss hier machen. Bitte heißen Sie sie in Ihrer Mitte willkommen.«

Der Mistkäfer heißt also Marie. Ich glaube, ich bleibe bei ihrem Spitznamen, nachdem sie mich vorhin derart hat auflaufen lassen. Das nagt gewaltig an meinem Ego. Normalerweise beten Frauen den Boden an, über den ich wandele, und müssen sich Luft zufächeln, wenn ich in ihre Richtung sehe. Und diese kleine Kröte hat es gewagt, mich zu beleidigen.

Ich verschränke die Arme auf dem Tisch. Nachher in der Pause werde ich meine Beziehungen spielen lassen und dafür sorgen, dass der Mistkäfer nirgends Anschluss findet und einsam in einer Ecke die Pausen verbringen muss, bis sie mich auf Knien um Vergebung anfleht.

Herr Lamberts Blick huscht suchend im Klassenzimmer umher und bleibt schließlich am leeren Platz neben mir hängen. Dem einzigen im ganzen Raum. Augenblicklich gefriert mir das Blut in den Adern. Er wird doch nicht …!

»Da drüben ist noch frei«, sagt er zu seiner Tochter. »Dort kannst du dich hinsetzen.«

Der Mistkäfer löst den Blick von der Wand und sieht für die Dauer eines Herzschlags zu mir. Als ich sie so finster wie möglich anstarre, presst sie die Lippen zusammen und angelt umständlich nach den Trägern ihres Rucksacks, der neben ihr auf dem Boden steht. Wie ein Gefangener, der zu seiner eigenen Hinrichtung muss, schlurft sie zu mir.

»Ist hier noch frei?«, murrt sie in einem Tonfall, der mich mit den Zähnen knirschen lässt.

»Ja«, grummele ich. »Und draußen auf dem Pausenhof auch.«

Für einen winzigen Moment zucken ihre Lippen, als wolle sie mir eine neue Gemeinheit an den Kopf werfen, doch sie besinnt sich, zieht den Stuhl neben mir so weit wie möglich an die äußere Kante des Tisches und lässt sich darauf nieder. Locker hätte zwischen uns eine weitere Person meiner Statur Platz, dennoch sitzt sie mir viel zu nah. Ich kann sogar ihr blumiges Parfum riechen.

Und es kotzt mich an.

Erneut verfluche ich Leon dafür, dass er mich allein gelassen hat. Ich bin der Letzte, der etwas dagegen hätte, neben einem schönen Mädel zu sitzen und die stinklangweiligen Geschichtsstunden mit ein wenig Schäkern zu verbringen. Aber doch nicht neben ihr!

Den Kopf so weit wie möglich zwischen die Schultern gezogen, packt sie ihre Schreibutensilien aus, ohne das kleinste Geräusch zu verursachen.

»Pssst!«, ertönt es hinter mir.

Der Mistkäfer und ich drehen uns gleichzeitig zu Marc um, der sich über seinen Tisch zu uns vorgelehnt hat. Gewinnend lächelt er die Kleine an.

»Willkommen bei uns«, wispert er. »Marie, richtig?«

Mit einem fast schüchternen Augenaufschlag streicht sie sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. Am liebsten hätte ich laut geschnaubt. Jetzt tut sie auf unschuldig, dabei hat sie es faustdick hinter den Ohren!

Ich gebe Marc mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er den Mistkäfer in Ruhe lassen soll. Nachher in der Pause werde ich ihn auf den neuesten Stand bringen, auch wenn er mich auslachen wird.

»Schlagen Sie bitte Ihre Bücher auf Seite hundertsieben auf«, sagt Herr Lambert.

Ich nehme mein Buch und rücke so weit von meiner unfreiwilligen Sitznachbarin ab wie nur möglich. Mir entgeht nicht, wie sie mir immer wieder aus den Augenwinkeln Blicke zuwirft, die ich aber ignoriere.

»Hey«, flüstert sie. »Darf ich bei dir mit reingucken? Meine Bücher sind noch nicht da.«

Ich verziehe den Mund. »Wenn du so klug bist, wie du vorhin im Waschraum meintest, kannst du dir sicher zusammenreimen, was da drinsteht.«

Ihre grünen Augen scheinen Blitze zu schießen. »Ich habe dich höflich gebeten«, zischt sie gedämpft. »Warum bist du so ein Arsch?«

»Das fragst du noch?«, grolle ich zurück.

»Ja!«

»Du hast mich vorhin zuerst beleidigt.«

Sie rollt theatralisch mit den Augen. »Sind wir hier im Kindergarten? Du warst es, der aus einer Kabine in der Mädchentoilette gestolpert kam und dann noch eine taktlose Bemerkung über das Mädchen gemacht hat, das da mit dir drin war.«

»Weil sie ein Hohlbrot ist.«

»Warum gibst du dich dann mit ihr ab?«

Ich grinse sie an. »Weil sie verdammt gut blasen kann.«

Ihre Wangen verfärben sich augenblicklich rosa und leuchten auf ihrer ansonsten makellos hellen Haut regelrecht hervor. »Ich hielt dich vorhin schon für widerlich, aber jetzt bin ich mir sicher, dass du ein riesiger Kotzbrocken bist.«

Ich lehne mich ein Stück zu ihr hinüber. »Das Kompliment kann ich gern zurückgeben. Weißt du, wie ich dich seit vorhin nenne?«

Nun lauert wahre Mordlust in ihren Augen. Doch ehe ich ihr ihren neuen Spitznamen um die Ohren hauen kann, den ab nachher die gesamte Schule benutzen wird, ertönt es von vorn: »Marie, Herr … ähm …«

Notgedrungen wende ich mich wieder zur Tafel. »Remke«, helfe ich ihm aus. »Steven Remke.«

Herr Lambert schiebt seine Brille zurecht. »Remke«, wiederholt er in einem Tonfall, der mich aufhorchen lässt. »Hier … aus der Gegend? Oder sind Sie zugezogen?«

Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. »Ich wüsste nicht, was Sie das anginge.«

Hinter mir höre ich Marc seufzen. Nachher wird er mir wieder vorwerfen, dass es mir schon am ersten Tag gelungen ist, den neuen Lehrer gegen mich aufzubringen.

»Sie haben recht«, gibt Herr Lambert zu meiner Verwunderung zurück. »Das geht mich nichts an.«

Rückgratloser Langweiler, hab ich es nicht gesagt?

»Wären Sie bitte so freundlich, meine Tochter mit ins Buch schauen zu lassen?«

Ich bin drauf und dran, das verdammte Buch aus dem nächsten Fenster zu werfen, nur damit der Mistkäfer nicht mit hineinsehen kann. Da meine Mutter mir aber eine Standpredigt halten wird, warum sie mitten im laufenden Schuljahr ein neues Buch kaufen muss, lasse ich es bleiben. Als ob es sie bei dem ganzen Geld, das wir haben, stören würde …

»Hier«, murmelt Marc und reicht sein Buch von hinten zu Marie. »Du kannst meins haben. Ich schaue mit Dennis zusammen rein.«

Das strahlend dankbare Lächeln des Mistkäfers blendet mich für einen Moment. Kaum zu glauben, dass aus dem Mund dieses liebreizenden Wesens solch gehässige Worte kommen können … Sie hätte nur ein wenig netter zu mir sein müssen. Das wird sie schon noch begreifen, wenn ich mich um alles Weitere gekümmert habe.

»Gut, danke«, sagt Herr Lambert. »Dann beginnen wir jetzt mit …«

Kapitel 4

Steven

Im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen, wie ich diese todlangweilige Doppelstunde überlebt habe.

Müssen alle Geschichtslehrer einen Zusatzkurs in »Wie schläfere ich meine Schüler ein?« belegen? Oder gibt es eine geheime Sekte, die mittels monotonem Singsang von Geschichtsfakten ihre Propaganda in den Schülerköpfen verankern will?

Als Nächstes steht nach der Pause Bio auf dem Plan. Ich seufze. Der Dienstag kann nun offiziell in die Tonne.

Marc passt mich an der Tür ab und zusammen mit den restlichen Jungs des Fußballteams beziehen wir unsere angestammte Pausenecke auf dem Schulhof. Einige der Jungs rauchen, ich jedoch nicht. Hab nicht mal probiert und verspüre auch kein Verlangen danach. Ich brauche keine Glimmstängel, um mich cool zu fühlen – ich bin cool. Früher habe ich scherzeshalber gesagt, ich sei so cool, dass es hinter mir schneit. Die Mädels standen und stehen auf solche und ähnliche Sprüche. Sie sind ein perfekter Eisbrecher und kommen immer an.

Mit Ausnahme bei der Kleinen mit dem Engelslächeln.

Seit ich sie habe lächeln sehen – richtig lächeln, nicht falsch und aufgesetzt –, kann ich sie irgendwie nicht mehr als Mistkäfer bezeichnen, obwohl ich es gern täte. Ich brauche dringend einen anderen Spitznamen für sie. Irgendwas noch Fieseres, was ihren niederen Charakter beschreibt, der so gar nicht zu diesem reinen Lächeln passt.

»Dann erzähl mal«, sagt Marc, ehe er einen kräftigen Schluck aus seiner Sportsdrink-Flasche nimmt. Heute ist die Flüssigkeit grün. »Was läuft da zwischen dir und der Lehrertochter?«

Ich beiße in mein Sandwich und nuschele: »Nichts.«

»Wow«, sagt Marc gedehnt. »Wenn du so ausschweifend deine Gefühle darlegst, könnte ich dich beinahe verstehen. Aber nur beinahe.«

Ich seufze. »Ich kann sie nicht ausstehen.«

»Das hat man gemerkt«, gibt Marc zurück. »Die Frage ist warum.«

»Der Kleinen muss Respekt beigebracht werden«, sage ich.

»Woran hast du gedacht?«, will Dennis wissen. »Sollen wir ihr ein wenig Angst machen?«

Ich denke einen Moment darüber nach, schüttele aber den Kopf. »Sie soll nur wissen, wo ihr Platz ist. Damit sie mir nie wieder dumm kommt.«

Notgedrungen erzähle ich den Jungs von meinem Zusammenstoß mit ihr auf der Mädchentoilette. Wie erwartet, finden die meisten von ihnen ihre spitze Zunge mehr als amüsant – ganz im Gegensatz zu mir.

»Das ist nicht witzig!«, begehre ich auf. »Sie hat mich beleidigt.«

»Ach, komm schon, Mann«, sagt Dennis. »Sie wusste nicht, wer du bist. Und im Grunde hat sie recht: Du gibst dich eher weniger mit den intell… intiku… intenill…«

»Intellektuellen?«, helfe ich ihm aus.

»Ja, genau, mit denen gibst du dich weniger ab.«

»Wo er recht hat …«, murmelt auch Marc. »Obwohl du – zusammen mit Leon, im Gegensatz zu uns armer restlicher Bande – ein regelrechter Frühzünder warst, hast du noch nicht herausgefunden, dass es auch befriedigend sein kann, sich mit einem Mädchen zu unterhalten, anstatt es nur zu vögeln.«

Ich verdrehe die Augen. »Nun komm du mir nicht auch noch mit dem Scheiß! Ich hab Leon damals schon gesagt, dass er mich erschießen soll, wenn ich jemals von Liebe quatschen und irgendwelches schwülstiges Gewäsch von mir geben sollte.« Ich wende schnaubend den Blick ab. »Für den Blödsinn habe ich in zwanzig oder dreißig Jahren noch Zeit. Bis dahin will ich mich amüsieren.«

»Und brichst reihenweise Herzen«, wirft Dennis ein.

Ich verdrehe die Augen. »Tue ich nicht. Jede weiß, woran sie bei mir ist. Das mache ich von Anfang an klar. Ich kann nichts dafür, dass sich einige in den Kopf setzen, mich ändern zu wollen. Können wir über was anderes reden? Ich brauche ein paar Ideen, wie ich die Kleine schikanieren kann.«

»Warum ignorierst du sie nicht einfach?«, fragt Marc.

»Würd ich ja gern, aber sie sitzt in nahezu jeder Stunde neben mir«, grolle ich.

Marc legt mir eine Hand auf die Schulter. »Dir wird schon was einfallen. Treib’s nur nicht zu bunt! Sie hat dich ein bisschen auflaufen lassen. Das macht sie noch nicht zum Staatsfeind Nummer eins.«

»In meinen Augen schon«, knurre ich und schüttele seine Hand ab.

In Wahrheit weiß ich gar nicht, warum ich mich so sehr auf die Kleine einschieße. Klar, sie hat mir einen dummen Spruch gedrückt, aber das haben unzählige andere vor ihr auch schon. Kerlen konnte ich dafür meine Faust ins Gesicht rammen. Bei Mädels ließ ich es meistens auf sich beruhen, doch die kleine Lehrertochter soll dafür büßen!

Und ich weiß auch schon, wer mir dabei helfen könnte.

»Entschuldigt mich kurz, Jungs«, murmele ich und eile hinüber zu dem Mädchen, das gerade aus dem Schulgebäude kommt. »Laureen, ich könnte deine Hilfe gebrauchen.«

Sie zieht eine perfekt manikürte Augenbraue hoch, während ihr Blick an mir hinauf- und hinabwandert. »Ich bin ganz Ohr, mein Bester.«

 

Nach einer Doppelstunde Biologie, in der die Kleine natürlich auch neben mir saß, wir jedoch, so gut es ging, den jeweils anderen ignoriert haben, haste ich die Stufen hinab ins Erdgeschoss des Schulgebäudes und trete hinaus auf den Hof, ehe ich mein Handy zücke. Unsere Lehrer sind gnadenlos, wenn sie einen Schüler mit Handy im Gebäude erwischen.

Flink huschen meine Finger über das Display, als ich Laureen eine Nachricht schreibe. Sie unterscheidet sich deutlich von den Nachrichten, die wir sonst austauschen. Die bestehen meist nur aus wenigen Worten, maximal einem Satz oder einer Ansammlung unschuldig anmutender Smileys, wie einer Aubergine, gefolgt von drei Wasserspritzern.

Die Pause über beteilige ich mich wie gewohnt an den Unterhaltungen meiner Teamkameraden. Die Kleine spricht keiner von ihnen an. Ist auch besser so. Nach weiteren neunzig Minuten in ihrer Gegenwart will ich kein Wort über sie hören. Alles, was sie tut, nervt mich. Sie klackert mit dem Kuli, stößt gelegentlich viel zu laut die Luft aus und pustet sich ständig Haare aus der Stirn, die sich aus ihrem Zopf gelöst haben. Ich war kurz davor, sie anzuschreien, dass sie den Scheiß lassen soll. Dann hätte ich aber zugegeben, dass ich sie beachte, und das wollte ich auf keinen Fall!

Himmel, Arsch und Zwirn, was wird das erst, wenn wir uns für ein blödes Experiment das Mikroskop teilen müssen? Es gibt nur genug, um jeden Tisch zu versorgen – nicht jeden Schüler.

Als mein Handy dann vibriert, überfliege ich Laureens Nachricht. Die Vorbereitungen laufen, doch es wird noch ein paar Tage dauern, bis sie den Plan durchführen kann. Tage, die ich weiterhin an die Kleine gefesselt bin und die ich irgendwie überstehen muss.

 

Nach der achten Stunde ist endlich Schulschluss. Am Dienstag haben wir kein Fußballtraining, weshalb ich eigentlich nach Hause fahren und den freien Nachmittag anderweitig genießen würde. Mich mit irgendeiner der Damen aus meiner Kontaktliste treffen, beispielsweise.

Aber ich habe Marc versprochen, mit ihm zum Training der Volleyballmädels zu gehen und für ihn und seine Tussi anschließend den Chauffeur zu spielen.

Also schlurfe ich mit mieser Laune, die sich den ganzen Tag nicht gebessert hat, hinter Marc hinüber zur Sporthalle. Zwei Stunden muss ich nun auf den harten, hölzernen Sitzbänken hocken und darauf warten, dass das Training vorbei ist. Gott sei Dank sind die Mädels alle in Form. Nicht alle von ihnen sind Striche in der Landschaft, aber jede strahlt auf ihre Weise Schönheit aus. Und ich mag es sowieso, wenn ich etwas in der Hand habe. Extreme Hungerhaken, deren Taille ich bequem mit einer Hand umfassen könnte, sprechen mich nicht an.

Während ich so tue, als würde ich auf mein Handy starren, beobachte ich die Mädels, die sich in zwei Teams aufgeteilt haben und ein Trainingsspiel absolvieren. Wenigstens weiß meine Schule, wie Sportkleidung auszusehen hat: kurze schwarze Shorts, bei denen ich fast den Ansatz der Pobacken sehen kann, und enge weiße Tanktops stehen den Damen ausgezeichnet und versüßen mir meine unfreiwillige Anwesenheit.

»He«, murmelt Marc und stößt mich mit dem Ellenbogen an. »Guck mal, da drüben. Ist das nicht die Lehrertochter?«

Ich folge seinem Blick zum anderen Bereich der Halle, der diesmal nicht mit einer Trennwand abgeteilt ist. Anhand der Turnanzüge, die die Mädchen anhaben, und der aufgebauten Geräte muss es sich um den Turnkurs handeln. Und mitten unter den Mädels, die ich alle schon mal gesehen habe, steht auch die Kleine, nun mit hochgesteckten Haaren, ähnlich kurzen und schwarzen Shorts wie das Volleyballteam und einem bauchfreien Oberteil, das wirklich nichts meiner Fantasie überlässt und so eng anliegt, dass ihre Brüste zusammengequetscht werden.

Den Tag über konnte ich nicht viel von ihr erkennen, trug sie doch ein schlabberiges Shirt und eine einfache Jeans, die weder figurbetont noch sonst wie vorteilhaft geschnitten ist. Jetzt sehe ich, dass sie für ein Mädchen recht kräftig gebaut ist, wobei ihre Muskeln an Armen und Beinen eher sehnig denn aufgepumpt sind.

Schnell bringe ich den Teil von mir, dem durchaus gefällt, was er da sieht, zum Schweigen.

»Du starrst, Mann«, stichelt Marc mit einem belustigten Unterton.

Hastig wende ich den Blick wieder geradeaus zum Volleyballteam. »Tue ich nicht«, grolle ich.

»Und ob! Gib doch zu, dass sie dir gefällt.«

»Tut sie nicht.«

Ich knirsche mit den Zähnen, um mich davon abzuhalten, noch mehr blödes Zeug von mir zu geben. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich mich benehme, als sei ich im Kindergarten. Muss an Marcs Sticheleien liegen.

Egal, wie oft ich mich selbst ermahne, immer wieder huscht mein Blick nach rechts, wo sich der Turnkurs gerade aufwärmt. Ich habe keinen Schimmer von Turnen. Ich erkenne einen Bock und den Schwebebalken – mit beiden Geräten hatte ich im Sportunterricht bereits zu tun, aber ich habe noch nie jemanden gesehen, der wirklich turnen konnte, ohne dass ein Lehrer ihn dazu zwang.

Die anderen Mädchen tragen enge Leggins und Bodys, deshalb fällt es mir nicht schwer, die Kleine mit ihren mehr als kurzen Hosen während des Aufwärmens ausfindig zu machen.

»Heilige Scheiße«, murmele ich, als die Kleine sich mit durchgestreckten Beinen so weit vorbeugt, dass sie nicht nur mit den Fingerspitzen oder vielleicht den Handflächen den Boden berühren kann. Nein, sie könnte fast ihren Unterarm auflegen. Dabei streckt sie die ganze Zeit ihren Hintern in meine Richtung.

»Ich bin erstaunt, dass du dir noch nie eine aus dem Turnteam gesucht hast«, witzelt Marc. »Die Mädels sind echt … gelenkig.«

Auch ohne seine Worte läuft mein Kopfkino bereits auf Hochtouren und ich versuche, möglichst unauffällig, mich anders hinzusetzen, weil es in meiner Hose verdammt eng wird.

Fieberhaft überlege ich, woher ich eine von den Shorts bekommen kann, um sie der Ische anzuziehen, die mir heute Abend Gesellschaft leisten wird.

Magisch wird mein Blick weiterhin von der Kleinen angezogen, die sich nun in einen Spagat gleiten lässt. Ich habe noch nie einen dermaßen biegsamen und gleichzeitig aufreizenden Körper gesehen.

Bisher habe ich die Weiber immer nur in drei Kategorien eingeteilt: Fickmaterial, uninteressant und tabu. In letztere Kategorie fällt beispielsweise Marcs Freundin. Für die Kleine werde ich mir eine vierte Kategorie ausdenken müssen. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, was ich mit ihr machen will, schließlich ist es nur ihr Körper, der eine seltsame Anziehungskraft auf mich ausübt. Vielleicht könnte ich ihr den Mund zukleben, damit keine Gehässigkeiten herauskommen, und ihr eine Augenbinde überziehen, damit sie mich nicht wütend anfunkeln kann.

»Wollen wir die Plätze tauschen, ehe du dir den Hals verrenkst?«

»Ha, ha«, knurre ich.

»Ich hab nur deine Gesundheit im Hinterkopf, Kumpel.«

Nur Minuten später verfluche ich mich dafür, nicht auf Marcs Angebot eingegangen zu sein. Mich einfach umzusetzen – schließlich ist die Tribüne fast völlig leer – brächte mir nur weitere Sticheleien seitens meines Freundes ein, deshalb lasse ich es. Also muss ich aus der Ferne zusehen, wie sich die Kleine auf dem Schwebebalken schlägt. Während die Mädels in meiner Klasse im Sportunterricht auf dem Balken eher eine mittelprächtige Figur mit vielen Wacklern abgaben, scheint die Kleine auf dem Ding geboren worden zu sein. Grazil und mit gestreckten Zehen setzt sie einen Fuß vor den anderen, ehe sie erneut in ein Spagat gleitet, sich wieder aufrichtet und auf dem verdammten Balken ein Rad schlägt. Die übrigen aus dem Team applaudieren pflichtschuldig.

»Das scheint sie schon länger zu machen«, sagt Marc, der meinem Blick gefolgt ist.

»Musst du nicht deine Tussi beobachten?«, frage ich.

Er wiegt den Kopf hin und her. »Die sehe ich nachher bei ihr nackt unter der Dusche, da habe ich noch genug Zeit, sie ausgiebig zu betrachten. Aber du scheinst dich sehr für diese Marie zu interessieren.«

Marie. Die ganze Zeit, die ich sie Mistkäfer und Kleine genannt habe, habe ich fast ihren richtigen Namen vergessen.

»Sie ist ziemlich niedlich.«

»Du bist vergeben, Mann«, erinnere ich Marc. »Also hör auf mit den Sprüchen oder ich sag’s nachher deiner Freundin.«

Er zieht einen Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen nach oben. »Oh, ich bin nicht an ihr interessiert. Auch in Geschichte war ich nur nett zu einer neuen Mitschülerin. Kira regt sich wegen so was nicht auf. Du hingegen …«

»Wenn jetzt irgendein pseudopsychologischer Scheiß aus deinem Mund kommt …«

Sein Grinsen wird breiter. »Ich muss gar nichts sagen, wie mir scheint. Du weißt, worauf ich hinauswill.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Auf nichts, wie immer.«

Marcs Grinsen nimmt durchtriebene Züge an, als er sich so weit wie möglich zurücklehnt und mir so freie Sicht auf die andere Hälfte der Halle gewährt. Wie von selbst lehne ich mich ein Stück vor, um besser sehen zu können.

Die Gruppe hat einen lockeren Kreis um Marie gebildet, die einige Übungen mit diesem Flatterband durchführt, mit dem sich die Mädchen meiner Jahrgangsstufe beinahe stranguliert haben.

Bei ihr sieht es jedoch so aus, als würden sie und das Band eine Einheit bilden. Als sei es eine Verlängerung ihres Körpers. Grazil wie eine Ballerina drückt sie den Rücken durch, streckt ein Bein nach oben und umfasst ihr Fußgelenk, wobei sie das Band mit der anderen Hand herumwirbelt und kleine und größere Kreise beschreibt. Danach springt sie mehrmals hoch, dreht und streckt sich und folgt einer Choreografie, die gleichzeitig bezaubernd und erregend auf mich wirkt.

So vorlaut und plump sie mir vor und während des Unterrichts begegnet ist, hätte ich niemals gedacht, dass sie zu solchen Bewegungen fähig ist. Oder dass mich diese Bewegungen derart in ihren Bann ziehen könnten. Ich hatte doch nie etwas für Turnen oder Gymnastik übrig – warum also bei ihr?

Marc boxt mir gegen die Schulter und reißt mich aus Maries Bann. »Komm schon, Kumpel. Das Training ist vorbei.«

Verwirrt blinzelnd sehe ich zum Spielfeld der Volleyballerinnen, doch die Mädchen sind bereits dabei, das Netz einzurollen. Ich habe weder bemerkt, dass das Training abgepfiffen wurde, noch wie Marc aufgestanden ist.

»Ja, klar, geht sofort los«, murmele ich eine Spur undeutlich, als ich mich umständlich erhebe und meinen Rucksack so vor mich halte, dass mein Ständer Marc nicht auffällt.

Gegenwart

Kapitel 5

Marie

Geschockt starre ich den Mann an, der im Treppenhaus steht und keinen Muskel gerührt hat, seit er mich gesehen hat. Verdammt, warum muss es ausgerechnet er sein? Ich kenne allein in Sportwissenschaft zwei andere Steven, aber nein! Es muss ja ausgerechnet er sein.

Allein ihn nur anzusehen weckt in mir Gefühle, die ich lange Zeit für tot hielt. Und ich war froh darüber.

»Süße«, murmelt Angela, die mir einen fragenden Blick zuwirft. »Ich … muss wirklich los, wenn ich meinen Flug kriegen will. Kommt ihr zwei … zurecht?«

Ich schlucke angestrengt. »Ja. Ja, ich meine, natürlich, du musst los und … wir …« Mein Blick huscht wieder zu Steven, der leicht den Kopf neigt. »Wir sind … du weißt schon … Ähm …« Schnell presse ich die Lippen zusammen und atme tief durch, um endlich mit dem Stammeln aufzuhören. »Wir sind erwachsene Menschen. Wir kommen zurecht. Hab einen guten Flug und melde dich, wenn du sicher gelandet bist, okay?«

»Natürlich, Süße.«

Sie wendet sich um und Steven weicht ein Stück vor ihrem wahrscheinlich durchdringenden Blick zurück, ehe er sich zu einem schiefen Lächeln zwingt, das mehr Herzen zum Schmelzen gebracht hat, als ich mir vorstellen möchte. Auch wenn es ein erzwungenes Lächeln ist, verfehlt es auch bei mir seine Wirkung nicht. Mein Herz macht einen Satz, nur um dann unstet vor sich hin zu stolpern, weil es einfach nicht in seinen gewohnten langsamen Trott zurückfinden kann.

Angelas Absätze klackern unnatürlich laut auf den steinernen Treppenstufen, werden leiser und verstummen gänzlich, als sie das Gebäude verlässt.

Weder Steven noch ich haben uns bewegt, seit Angela gegangen ist. Ich fühle mich, als hätte ich meine Zunge verschluckt. Fieberhaft überschlage ich meine Möglichkeiten, komme aber zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Wobei ich das Wort »befriedigend« schon vor Jahren aus meinem Wortschatz gestrichen habe.

»Du …« Meine Finger zittern, als ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr streiche. »Du willst also das freie Zimmer mieten?«

Am liebsten würde ich meinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen, doch ein besserer erster Satz ist mir nicht eingefallen.

Steven reibt sich über den Nacken, während er meinem Blick ausweicht. »Das hatte ich zumindest vor. Aber ich verstehe, wenn du … das nicht möchtest.«

Obwohl er gute drei Meter von mir entfernt steht, spüre ich bereits jetzt seine Wirkung auf mich. Die hat er auf jede Heterofrau mit einer funktionierenden Libido und ich kann es ihnen nicht verdenken.

Als Gott Steven Remke erschaffen hat, hatte er einen verdammt guten Tag.

Nervös rolle ich auf dem Fußballen vor und zurück. »Ich brauche dringend einen neuen Mitbewohner. Angela, die du eben kennengelernt hast, zieht weg und allein kann ich für die Miete nicht aufkommen. Und mitten im Semester ist es eher unwahrscheinlich, jemand Neues zu finden. Deshalb …«

Ein Lächeln zupft an seinem linken Mundwinkel. »Deshalb kannst du nicht wählerisch sein, selbst wenn es sich bei dem neuen Mitbewohner um mich handelt.«

»Ja«, gebe ich zu. »So in etwa. Möchtest du vielleicht erst mal reinkommen und dir das Zimmer ansehen?«

»Mir geht es wie dir«, murmelt er. »Ich darf auch nicht wählerisch sein.« Er zuckt mit den breiten Schultern. »Wenn die Wände also nicht voller Schimmel sind oder es sich um einen Rohbau handelt, sage ich nicht Nein.«

Er erklimmt die letzten Stufen und steht nun direkt vor mir. Heiliger Bimbam, ich habe völlig vergessen, wie groß er ist. Ich reiche ihm höchstens bis zum Kinn, das nun, anders als früher, mit einem verwegenen Dreitagebart versehen ist. Obwohl er mich überragt, wirkt er jedoch nicht einschüchternd auf mich. Ich merke deutlich, dass er diese überwältigende Aura, die ihn früher umgeben hat, meinetwegen zurückschraubt, um mich nicht völlig zu verschrecken. Aber ein wenig davon trifft mich trotzdem und ich reagiere darauf, ohne es zu wollen.

»Dann … komm doch rein«, krächze ich.

Verdammt, Marie, schimpfe ich mit mir, als ich mich umwende, um ihn in die Wohnung zu führen. Krieg dich wieder ein!

Meine Bewegungen sind steif und unnatürlich, als ich ihm den Flur zeige und ihm sage, dass er dort seine Taschen abstellen kann.

»Du bist … sicherlich eine größere Wohnung gewohnt«, murmele ich.

Er sieht sich nach allen Seiten um. »Nicht wirklich. Deine Wohnung dürfte in etwa so groß sein wie die, die ich mir mit Marc teile.«

Das überrascht mich, schließlich haben seine Eltern mehr Geld als Dagobert Duck – und wahrscheinlich einen ähnlichen Geldspeicher. Deshalb ging ich davon aus, dass er in purem Luxus wohnen müsste. Die Tatsache, dass er wegen eines Wasserrohrbruchs dringend eine neue Bleibe sucht, macht mich stutzig. Es klang logisch, als ich noch nicht wusste, dass es sich um diesen Steven handelte. Bei seinem Vermögen könnte er sich mit Sicherheit ein eigenes Hotel mieten und alle anderen Gäste vor die Tür setzen lassen.

Um nicht wieder ins Stammeln zu verfallen, verschiebe ich die Frage lieber auf später. Oder auf niemals.

»Das ist das Wohnzimmer.« Ungelenk deute ich in den Raum, der von einem großen mausbraunen Sofa dominiert wird, das auch schon bessere Tage gesehen hat. Davor steht ein niedriger Holztisch in ähnlicher Farbe wie das Sofa und an der gegenüberliegenden Wand hängt ein Fernseher.

Steven lehnt sich mit der Schulter gegen den Türrahmen. »Wie läuft das? Ich kriege an allen geraden Monatstagen die Macht über die Fernbedienung und du an allen ungeraden?«

Gegen meinen Willen muss ich lächeln. »Wie habt du und Marc das gehandhabt?«

»Bei uns gab es keine Diskussionen. Wenn Fußball lief, wurde Fußball geguckt. Ansonsten haben wir meistens gezockt.«

»Uns fällt bestimmt eine Lösung ein. Wobei ich mir nicht mal sicher bin, ob Angela und ich irgendwelche Bundesliga-Kanäle eingespeichert haben.«

Er verzieht das Gesicht, als hätte er Schmerzen. »Ihr Barbaren! Aber fließend Wasser gibt es hier, oder?«

Nun lache ich aus vollem Hals. »Wir bemühen uns, keinen Fortschrittstrend zu verpassen. Wenn du nett fragst, verrate ich dir vielleicht sogar das WLAN-Passwort.«

Als er mich ebenfalls anlächelt, senke ich schnell den Blick. Schon früher fiel es mir leicht, mich in seiner Gegenwart wohlzufühlen, und seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe, scheint sich seine Wirkung auf das andere Geschlecht noch gesteigert zu haben. Ich erkenne kaum noch etwas von dem ungestümen achtzehnjährigen Jungen, der mir nicht nur das Herz gebrochen hat. Steven war bereits damals ein Draufgänger und kein Kostverächter, aber nun umgibt ihn eine durchweg männliche Selbstsicherheit, die sogar mich alles andere als kaltlässt, obwohl ich es besser wissen müsste.

Diesen Kerl gibt es nur mit Herzschmerz-Garantie. Happy End ausgeschlossen.

Nicht dass es mich kümmern würde oder ich gar auf die dumme Idee käme, mich erneut auf ihn einzulassen. Das wäre mehr als dämlich. Außerdem bin ich bereits in einer Beziehung.

Ich zwänge mich an ihm vorbei. »Hier ist die Küche.«

Ich deute auf den schlauchartigen Raum, in dem nur die nötigsten Geräte sowie ein quadratischer Tisch mit drei Stühlen Platz haben.

Steven steckt den Kopf herein. »Sieht nicht aus, als würde sie oft benutzt werden.«

Ein wenig beschämt hebe ich die Schultern. »Weder Angela noch ich haben uns fürs Kochen interessiert. Blöd, ich weiß, schließlich haben wir Sport studiert und ich tue es immer noch. Meistens haben wir was vom Lieferdienst kommen lassen oder einen dieser fertigen Salate aus dem Supermarkt gegessen.«

Als ich mich umwende, runzelt Steven die Stirn. »Klingt nicht sehr ausgewogen. Ich brauche meine Proteine und genug Eiweiß fürs Training. Vielleicht übernehme ich das Kochen.« Er lehnt sich ein winziges Stück zu mir – und doch weit genug, dass mir der Atem stockt – und wiederholt meine Worte von vorhin. »Wenn du mich nett fragst.«

Ich bin mir sicher, dass er meinen außer Kontrolle geratenen Herzschlag hören muss. »V-Vielleicht komme ich darauf zurück«, zwinge ich mich zu sagen.

»Trainierst du auch noch?«, fragt er, nachdem er sich zurücklehnt und ich dadurch wieder normal atmen kann.

»Nein«, murmele ich. »Seit damals nicht mehr.«

Sofort kippt die eben noch kribbelnd ausgelassene Stimmung zwischen uns.

»Schade«, presst Steven hervor. »Du … warst echt gut.«

Ich nicke. Er muss mir nicht sagen, dass ich gut war. Das weiß ich selbst. Ich hatte herausragende Chancen auf die Landesmeisterschaften in rhythmischer Sportgymnastik und vielleicht wäre ich sogar irgendwann zu den Europameisterschaften gegangen.

Doch dieser Traum ist schon seit Jahren ausgeträumt.

»Ich zeige dir noch das Bad und dein Zimmer«, sage ich leise.

Es gelingt mir nicht, meine Niedergeschlagenheit gänzlich aus meiner Stimme zu verbannen. Ich dachte, diese bodenlose Trauer endlich überwunden zu haben. Meistens spüre ich sie wochenlang nicht, dann bricht sie über mich herein wie ein Gewittersturm und reißt mich mit.

»Hey, es … tut mir leid«, sagt Steven, als ich an ihm vorbeieile. »Ich wollte nicht … Ich hab … dir nur immer gern zugesehen und finde es schade, dass du …« Er stößt die Luft aus. »Entschuldige. Ich werde nie wieder davon anfangen.«

»Schon gut.« Ich zwirbele mir eine Strähne meines Haares um den Zeigefinger. »Es ist lange her. Ich würde gern sagen, dass ich mich mittlerweile damit abgefunden habe, aber das wäre eine Lüge. Es war … mein Leben und …«

Schnell schlucke ich die restlichen Worte hinunter, die mir bereits auf der Zunge lagen. Damit werde ich nicht anfangen! Ich werde ihm nicht mein Herz ausschütten und ihn wieder an mich heranlassen, denn jeden Tag werde ich daran erinnert, wie es das letzte Mal ausgegangen ist, sobald ich in den Spiegel sehe.

»Da drüben ist das Bad.«

Hastig zerre ich die Tür zu dem winzigen Raum ohne Fenster auf. Längs steht eine Badewanne mit Vorhang; eine separate Dusche gibt es nicht. Rechts reiht sich das Waschbecken neben die Toilette und links haben wir einen schmalen Hochschrank neben die Waschmaschine gequetscht.

Steven stößt einen Pfiff aus. »Sehr spartanisch für zwei Mädels.«

Ich zucke mit den Schultern. »Was Besseres konnten wir uns nicht leisten. Ich räume dir nachher ein Fach für deine Sachen frei. Das heißt, wenn du bleiben willst.«

»Ich bleibe, wenn du es mit mir aushältst«, sagt er.

»Mit ein paar Regeln kriegen wir das sicher hin.«

Regeln, die ich mir noch ausdenken muss. Wobei »Laufe nicht nackt durch die Wohnung« und »Habe keinen lauten Sex im Zimmer direkt neben meinem« wohl ganz oben auf der Liste stehen dürften. Doch wie sage ich ihm das, ohne dabei knallrot zu werden?

»Und das hier wäre schließlich dein Zimmer.«

Er deutet auf das Zimmer direkt daneben. »Und das ist deins?«

Ich nicke. »Es hat den gleichen Grundriss.«

Steven betritt das Zimmer und sieht sich um. Mein Blick klebt förmlich an seinem breiten Rücken.

Es ist, als würde ein junger Thor in diesem Zimmer stehen: groß, breitschultrig, blondes Haar, die selbstsichere Haltung eines Kriegers. Kurz huscht mein Blick zu seinem Hintern, ehe ich ihn hastig wieder abwende.

Angela hat die wichtigsten Möbel dagelassen: einen zweitürigen Schrank, Schreibtisch samt Stuhl und ein Einzelbett. Für viel mehr ist im Zimmer auch kein Platz. Mit Steven darin wirkt es noch winziger.

Er lässt sich viel zu lange Zeit, um sich umzusehen. So lange, dass ich schon der festen Überzeugung bin, dass er es sich doch anders überlegen wird.

»Ich nehm das Zimmer«, sagt er schließlich zu meiner Verwunderung und dreht sich mit einem Lächeln, das mir die Knie weich werden lässt, zu mir um. »Und ich bin sehr gespannt auf deine Regeln.«

Hinter dem Pseudonym Asuka Lionera verbirgt sich eine im Jahr 1987 geborene Träumerin, die schon als Kind fasziniert von Geschichten und Comics war. Bereits als Jugendliche begann sie, Fan-Fictions zu ihren Lieblingsserien zu schreiben und kleine RPG-Spiele für den PC zu entwickeln, wodurch sie ihre Fantasie ausleben konnte. Ihre Leidenschaft machte sie nach einigen Umwegen und Einbahnstraßen zu ihrem Beruf und ist heute eine erfolgreiche Autorin, die mit ihrem Mann und ihren vierbeinigen Kindern in einem kleinen Dorf in Hessen wohnt, das mehr Kühe als Einwohner hat.