Fantastische Welten und große Gefühle

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Nemesis – Leseprobe

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Nemesis Leseprobe

Kapitel 1

 

Ich war noch nie ein Fan von Offline-Partys. Seit ich einen Controller halten konnte, verbrachte ich meine Zeit lieber online und lernte dort Leute kennen. Gleichgesinnte Leute, von denen hier jede Spur fehlt.

Denn die steifen Partys meiner Eltern sind alles – aber kein Spaß. Selbst das Wort »langweilig« wird den Gesprächen über Hedgefonds und Gesellschaftsübernahmen um mich herum nicht gerecht.

Mittlerweile spiele ich bereits mit dem Gedanken, einen Ohnmachtsanfall oder so was vorzutäuschen, nur damit ich hier verschwinden kann.

Dennoch stelle ich das festgepappte falsche Lächeln zur Schau, wann immer einer der Anwesenden mir zunickt, während ich mich an meinem Glas Punsch festklammere.

Auch ohne dass ich mich umdrehe, spüre ich den stechenden Blick meiner Mutter im Nacken. Die Art, wie sie mich mustert und sich dann mit einem leichten Kopfschütteln bei den anderen Gästen entschuldigt, schürt die altbekannte Wut in mir, die jedes Mal hervorbricht, wenn ich mich länger in ihrer Gegenwart aufhalten muss.

Dabei gibt es rein gar nichts an mir, weswegen sie sich entschuldigen müsste! In ihren Augen werde ich nie gut genug sein und ich habe schon vor Jahren aufgegeben, es zu versuchen.

Anders als sie und ihre elitären Freunde aus angesehenen Anwaltskanzleien und Banken trage ich keine Designerfetzen, in denen ich mich kaum bewegen könnte. Mir ist nicht entgangen, wie Mom mit Argusaugen meine Klamotten nach einem bekannten Label wie Esprit oder Gucci gescannt hat, als ich vorhin angekommen bin und sie mich in eine halbherzige Umarmung gezogen hat.

Und dabei sehe ich nicht schäbig aus. Ja, okay, ich hätte vielleicht ein anderes T-Shirt wählen sollen – auf dem jetzigen steht groß »Save the Unicorns« und darunter ist ein Einhorn abgebildet. Bluejeans und Sneaker runden mein Outfit ab. Ich habe mich sogar dazu durchgerungen, einen schwarzen Blazer über mein Shirt zu ziehen, um auf dieser Gala, auf der Spenden für ein Land gesammelt werden, das ich nicht mal auf dem Globus finden würde, nicht ganz aus der Reihe zu tanzen.

Aber auch das weiß meine Mutter nicht zu würdigen. Mir sollte das nichts mehr ausmachen, schließlich lehne ich mich bereits mein ganzes Leben lang gegen ihre einengenden Vorschriften auf. Doch es verletzt mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich in ihren Augen nicht die Liebe sehe, die eine Mutter ihrem Kind entgegenbringen sollte.

Ich schüttele den Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben, ziehe mich in eine Saalecke zurück und beobachte das Treiben um mich herum.

Ich werde mich nie an diese Partys gewöhnen, bei denen diese Snobs sich selbst und ihr vieles Geld feiern, das sie auf irgendwelchen Schweizer Bankkonten oder auf den Cayman Inseln horten. Doch als einziges Kind der berühmten Familie Porter bin ich dazu gezwungen, teilzunehmen oder mich wenigstens einmal kurz blicken zu lassen, so wie auch an diesem Abend. Allerdings ist »kurz« bei mir ein sehr eng gefasster Begriff, denn länger als maximal eine Stunde halte ich es hier sowieso nicht aus, ohne eine taktlose Bemerkung von mir zu geben.

»Vielleicht triffst du ja hier deinen Traummann«, hat Mutter mir oft vorgeschwärmt. Es würden sich ja nur ganz ausgewählte Leute in ihren Kreisen bewegen – die Crème de la Crème sozusagen.

Ja, klar, wenn ich einen Kerl mit einem Stock im Arsch möchte, finde ich hier sicherlich einen Kerl. Seine größten Sorgen wären doch, ob seine Krawatte zu fest sitzt oder ob er die einfarbigen oder gestreiften Strümpfe zu seinem maßgeschneiderten Armani-Anzug anziehen soll.

Allein bei dem Gedanken erschaudere ich. Mein bester Freund hier ist der Tisch mit den Vorspeisehäppchen – die sind echt klasse!

Ich weiß, dass sich meine Eltern langsam Sorgen um mich machen. Von meinem letzten richtigen Freund habe ich mich vor gut vier Jahren getrennt. Seitdem gab es nur eher flüchtige Bekanntschaften. Um es nett auszudrücken.

Und den Vibrator in meiner Nachttischschublade, den ich Ben getauft habe.

Um mich von dem langweiligen Treiben und den gekünstelten Lachern um mich herum abzulenken, gehe ich in Gedanken das verlorene Match von vorhin durch. Ohne mein bewusstes Zutun beginnen meine Finger zu zucken, als würde ich Befehle in meine Tastatur oder einen Controller hämmern, und ich verschwinde in meine eigene Welt. Sobald ich ans Zocken denke, entwickeln meine Finger und Gedanken ein Eigenleben, indem sie wichtige Tastenkombinationen wieder und wieder abspielen, bis ich in einem richtigen Match nicht mehr darüber nachdenken muss. Dann funktioniere ich einfach nur.

Und ich bin verdammt gut in dem, was ich tue.

Eigentlich müsste ich jetzt zu Hause sein und trainieren, um noch die letzten beiden Gamer zu schlagen, die auf der Weltrangliste vor mir stehen, und ich muss dafür sorgen, dass die, die nach mir kommen, niemals eine Chance gegen mich haben werden. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren.

Meine Finger fühlen sich jetzt schon unterfordert und führen die gewohnten Kombinationen am kühlen Glas aus, während ich im Kopf einige strategische Züge durchgehe, die ich mir für meinen nächsten Wettkampf ausgedacht habe.

Nemesis, so nennen sie mich in Gamer-Kreisen. Wie die griechische Rachegöttin, die auf ihrem Weg alles auslöscht. Dieser Name passt wie die Faust aufs Auge. Ich bin fürs Zocken geboren. Egal ob Egoshooter, Echtzeitstrategie oder Sport, ich fege alle Gegner aus dem Spiel und habe mir seit drei Jahren in Folge einen Platz auf dem Treppchen der weltweit besten Gamer gesichert. Ich mag meinen Alias, mein Pseudonym, denn es beschreibt mich ganz gut. Anders als so viele andere, deren Nicknames mich denken lassen, sie wären einfach mit dem Kopf quer über die Tastatur gerollt …

Ich bin nicht der Typ, der sich ruhig irgendwo verschanzt und darauf wartet, dass die Gegner mich nicht entdecken. Ich falle wie eine Seuche über sie her, bevor sie überhaupt ihre Basis gesichert haben.

Mittlerweile verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit dem professionellen Spielen von Videospielen und – was soll ich sagen? – ich bin fast so reich wie meine Eltern, die die größte Anwaltskanzlei Londons leiten.

Meine Eltern sind von meiner Berufswahl natürlich nicht angetan, und das ist noch untertrieben. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich den Satz »Und wann willst du endlich anfangen zu arbeiten?« schon gehört habe. Sie verstehen einfach nicht, dass das, was ich mache, auch Arbeit ist. Ich trainiere mehrere Stunden am Tag und habe es als einzige Frau geschafft, unter die fünfzig besten Gamer der Welt zu kommen. Nur zwei männliche Spieler stehen noch zwischen mir und der Weltherrsch… ähm, dem Siegesruhm, und es juckt mir praktisch in den Fingern, auch sie endlich zu besiegen. Das wird zwar kein Zuckerschlecken, denn die beiden sind richtig gut, aber ich werde nicht aufgeben!

Gerade zu Beginn hatte ich das Gefühl, es als Frau besonders schwer zu haben. Ich wurde belächelt und mein E-Mail-Postfach quoll vor Anfragen, ob ich nicht Oben ohne zocken könnte, beinahe über. Es gab Zeiten, in denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte, weil ich dachte, dass ich nie ernst genommen, sondern nur auf mein Äußeres reduziert werden würde. Doch ich biss mich durch, besiegte einen Kontrahenten nach dem anderen und kämpfte mich Stück für Stück in der Weltrangliste nach oben. Auch an dieser Stelle musste ich viel Spott ertragen. Ich wäre nur so gut wegen meines Equipments – und das hätte ich nur bekommen, weil ich für die Hersteller die Beine breitmachen würde.

Jeden, der solchen oder ähnlichen Mist öffentlich über mich verbreitete, forderte ich heraus. Das Match wurde online übertragen und ich stellte sicher, dass ich denjenigen in Grund und Boden stampfte und seine Überreste anschließend mit dem Mob aufgewischt werden mussten.

Dieses Vorgehen brachte mir den Nemesis-Ruf ein. Es dauerte nicht lange, bis der Spott und die falschen Anschuldigungen verstummten. Ab da schlug mir nur noch Neid entgegen, aber damit kann ich leben. Neid ist schließlich die höchste Form der Anerkennung und man muss ihn sich hart verdienen.

Das tue ich jeden Tag. Mein Ziel ist es, nicht nur die beste weibliche Gamerin zu sein, sondern der beste Gamer – unabhängig meines Geschlechts. Ich muss besser werden und ich weiß genau, dass ich das schaffen kann.

Besonders dank meiner neuesten Errungenschaft.

Vorsichtig fahre ich mit der Fingerspitze über die kleine Erhebung im Nacken, die gut durch meine langen roten Haare überdeckt wird. Ich kann gar nicht erwarten, es endlich auszuprobieren! Unruhig trete ich von einem Bein aufs andere und starre alle zehn Sekunden zur Wanduhr. Nimmt das denn hier nicht bald mal ein Ende? Aber ich habe meiner Mom versprochen, dass ich wenigstens eine halbe Stunde bleibe … Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, liebe ich meine Eltern und kann vor allem meiner Mutter nichts abschlagen, wenn sie mich mit ihren großen rehbraunen Augen ansieht, deren Farbe ich von ihr geerbt habe.

Als ich nervös mit der Fußspitze auf den Boden tappe, tritt meine Mutter neben mich und mustert mich missbilligend. Die Art, wie sie die Nase krauszieht und dadurch ihre schmale Brille mit Goldrand noch weiter nach oben geschoben wird, verleiht ihr das Aussehen einer strengen Lehrerin, die kurz davor ist, den armen Schüler, dessen Hausaufgaben von seinem Hund gefressen wurden, vor der versammelten Klasse zur Schnecke zu machen. Ich muss keine Hellseherin zu sein, um zu wissen, was jetzt kommt. Nur mit Mühe unterdrücke ich ein Seufzen.

»Du hättest dich ruhig etwas chic machen können!«, wispert sie mir streng zu. »Immerhin haben so viele unserer Freunde ihre Söhne mitgebracht.«

Schnell beiße ich fest die Zähne aufeinander, um eine unpassende, aber schlagfertige Antwort daran zu hindern, aus meinem Mund zu schlüpfen. Als ob ich sie darum gebeten hätte, dass mir wildfremde Leute ihre Söhne mitbringen! Als ob es mich auch nur im Entferntesten interessieren würde! Das hier ist keine Brautschau, auch wenn meine Mutter das gerne hätte. Ich bin weder auf versnobte Kerle noch auf die Verkupplungsversuche meiner Eltern angewiesen. Ich bin freiwillig Single.

Allerdings ist es müßig, ihr das wieder und wieder zu sagen. Sie versteht es nicht oder will es nicht verstehen.

Mit spitzen Fingern hebt meine Mutter den Saum meines Shirts hoch und runzelt die Stirn. »Und was willst du uns damit sagen?«, fragt sie und deutet auf den Schriftzug.

Ich verdrehe die Augen. »Nichts, Mom. Nur, dass Einhörner eine bedrohte Spezies sind.«

Sie schaut mich an, als hätte ich aramäisch rückwärts gesprochen und dabei versucht, Satan zu beschwören. Nein, sie hat weder Sinn für Humor noch für Sarkasmus. Manchmal glaube ich, dass ich adoptiert wurde …

Ich ziehe mein Shirt aus ihren Fingern und stürze den Inhalt meines Glases hinunter. Das Ende der Fahnenstange ist nun offiziell für mich erreicht. Jetzt oder nie! Wenn ich nicht sofort von hier verschwinde, passiert ein Unglück. »Ich muss dann los. War nett heute!« Was natürlich gelogen ist, aber so gemein bin ich nicht. Über die Jahre habe ich gelernt, fruchtlosen Diskussionen von vornherein aus dem Weg zu gehen.

»Du willst schon gehen? Aber …«

»Sorry, hab noch zu tun.« Und ehe sie mich doch noch irgendwie aufhalten kann, husche ich schnell aus dem Raum, wobei ich mich an einigen aufdringlichen Leuten vorbeiquetschen muss.

Draußen atme ich die frische Nachtluft ein und laufe die Straße hinunter. Um diese Uhrzeit treffe ich so gut wie niemanden mehr, dennoch beschleunige ich meine Schritte. Ich kann es kaum noch erwarten! Pure Vorfreude rieselt durch meinen Körper und lässt mich beinahe rennen. Nur noch zwei Blocks, bis ich zu Hause bin, und dann kann ich es endlich testen.

Wieder fahren meine Finger über den Knubbel in meinem Nacken. Anfang des Jahres haben die drei besten Gamer der Welt ein unbeschreibliches Angebot erhalten. Meinen beiden ärgsten Konkurrenten und mir wurde es ermöglicht, die allerneueste Technik testen zu dürfen – den Early-Beta-Test sozusagen. Der Eingriff ging schnell und war weniger schmerzhaft, als ich dachte. Jetzt bin ich ein bisschen wie ein Cyborg, denke ich grinsend. Mithilfe eines Chips, der uns an der Wirbelsäule eingepflanzt wurde, wird es uns möglich sein, komplett in ein Spiel einzutauchen. Ich muss also nicht mehr am Monitor sitzen und mit Maus und Tastatur spielen oder eine von diesen verdammt unbequemen Brillen aufsetzen, sondern bin direkt im Spiel drin und kann von dort interagieren.

Der Chip wird direkt mit einer Vorrichtung an der jeweiligen Konsole verbunden; wenn ich die Haut ein Stück auseinanderziehe, erscheint ein kleiner Schlitz, in den ein Mikro-USB-Anschluss passt. Man selbst verfällt währenddessen in eine Art Schlaf; das Bewusstsein hingegen ist im Spiel. Wie gewohnt kann ich dort das Kommando übernehmen und direkt ins Geschehen eingreifen.

Und heute – endlich! – wurde das Spiel geliefert, mit dem ich diese neue Technik testen darf. Bisher durchliefen wir nur einen kurzen Workshop, in dem uns die Grundlagen erklärt wurden und wir uns auf das, was uns erwartet, zumindest theoretisch vorbereiten konnten. In einem richtigen Spiel konnten wir noch nicht agieren, denn es war noch kein kompatibles auf dem Markt.

Ich kann mich noch gut an die Kommentare der Gamer erinnern, die in der Rangliste nach mir kommen und deshalb nicht in den Genuss dieser Möglichkeit kamen. Jeder einzelne von ihnen hätte freudig grinsend ein Einhornfohlen mit seinen bloßen Händen erwürgt, um ebenfalls daran teilnehmen zu dürfen.

Ich renne nun und bin außer Atem, als ich meine Wohnungstür aufschließe und sie hinter mir zuschmeiße. Den Blazer und meine Schlüssel werfe ich im Laufen von mir, greife nach der bequemen Jerseyjacke mit Kapuze, die ich zu Hause immer trage, und haste ins Wohnzimmer, wo ich bereits alles präpariert habe.

In der Mitte liegt eine große Matratze mit vielen Kissen, daneben steht ein kleiner Schreibtisch mit meinem PC, an den bereits die Verbindung zum Chip angeschlossen ist.

Gleich geht’s los! Ich merke, dass ich wieder anfange zu zittern, weil ich es gar nicht mehr erwarten kann. Noch schnell das Spiel ins Laufwerk einlegen und auf Starten drücken.

Dann setze ich mich auf die Matratze und stecke das Kabel in den Chip. Im ersten Moment passiert gar nichts und ich bin schon fast enttäuscht. Nein, enttäuscht trifft es nicht ganz – ich bin einem verdammten Tobsuchtsanfall nahe! Ich habe mich so darauf gefreut, es endlich testen zu können, und jetzt funktioniert es nicht? Ungeduldig ruckele ich an dem Kabel, das im Nacken steckt, überprüfe, ob ich es richtig angeschlossen habe, und checke, ob das Spiel korrekt läuft. Alles so, wie es sein soll. Mist, was mach ich denn jetzt? Um die Uhrzeit werde ich niemanden mehr von der Games-Community erreichen, der mir helfen kann …

Doch dann beginnt die Welt um mich herum langsam schwarz zu werden. Es beginnt an den Rändern meines Blickfeldes und ich spüre, wie meine Glieder schwer werden und mir nicht mehr richtig gehorchen.

Mit einem breiten Grinsen falle ich zurück auf die Matratze und tauche in eine neue Welt ein.

 

***

 

Als ich wieder zu mir komme, ist alles um mich herum schneeweiß. Das erste Wort, das mir dabei in den Sinn kommt, ist steril. Es ist so gleißend hell, dass ich keinen Unterschied zwischen Wänden und Boden ausmachen kann, und es kommt mir vor, als würde ich in einem weißen Nichts stehen. Zusätzlich brennt mir die Helligkeit in den Augen.

Ich runzele die Stirn. Wo ist das Spiel? Ich habe mir doch extra ein Fantasyspiel ausgesucht, um meinem langweiligen Alltag wenigstens ein bisschen entfliehen zu können, und nun stecke ich in einer Schneelandschaft ohne Schnee fest. Wo sind die Feen und Elfen? Zwerge? Gnome? Irgend-fucking-was?!

»Willkommen, Spieler«, tönt eine monotone Stimme, die mich sofort an die Stimme aus den Navigationsgeräten erinnert.

Ich drehe mich mehrmals um die eigene Achse, doch ich kann niemanden sehen.

»Äh, hallo«, sage ich dann, als die Stimme nichts mehr sagt und ich mir langsam verloren vorkomme. Irgendwas muss doch hier mal passieren! Das kann doch nicht alles sein.

»Willkommen in der Welt von …« Hier flimmert meine Umgebung kurz auf und die Stimme verkommt zu einem Rauschen. Das Herz rutscht mir vor Angst fast in die Hose, doch dann höre ich die Stimme wieder. »Wähle deine Waffe.«

Vor mir ploppt ein Fenster auf und ich weiche erschrocken zwei Schritte zurück. Normalerweise bin ich nicht so schreckhaft, aber normalerweise erscheinen auch nicht einfach Displays direkt vor mir. Als ich näher trete sehe ich auf einer Art halb durchsichtigem Bildschirm verschiedene Waffenarten: Schwerter, Äxte, Bögen, Lanzen, Stäbe, Dolche und einige, die so abgefahren aussehen, dass selbst ich sie nicht zuordnen kann, obwohl ich dachte, schon alles gesehen zu haben.

Sofort bin ich in meinem Element und mustere die Waffenabbildungen vor mir. »Kann ich nur eine Waffe tragen?«, frage ich ins Nichts.

»Das ist korrekt«, bekomme ich zur Antwort.

Mit einem Bogen kann ich gut Feinde auf Distanz ausschalten, bin jedoch wehrlos, wenn ich in den Nahkampf muss, und ich habe leider keine Ahnung, mit welcher Art von Gegner ich es genau in diesem Spiel zu tun bekommen werde. Dann erinnere ich mich an die Fantasyspiele, die ich bisher ganz altmodisch auf den Konsolen gezockt habe. Dabei haben die Helden – allesamt männlich und gut aussehend, Namen wie Cloud, Squall, Tidus und Link kommen mir da in den Sinn – nahezu immer mit Schwertern gekämpft und den Endboss trotzdem besiegt. Also tippe ich auf den Bildschirm und wähle das Einhandschwert.

Mit einem Mal wird alles um mich herum schwarz und ein lautes Piepen ertönt, das mir in den Ohren klingelt.

»Hey, was …?«, rufe ich, während Panik in mir aufsteigt, und mein Herz legt noch ein paar Schläge pro Minute zu.

Wie war das noch gleich mit den Sicherheitsmaßnahmen im Chip? Irgendwo muss es doch diesen Notfall-Button zum Ausloggen geben … Ich taste hektisch an dem Knubbel im Nacken herum, doch außer einem dumpfen Schmerz, wenn ich ihn zu weit hineindrücke, passiert rein gar nichts.

Ein helles Licht erscheint vor mir, wächst heran, und ich muss meine Augen mit der Hand abschirmen. Als ich wieder halbwegs klar sehen kann, schwebt dort, wo eben noch das Display mit der Waffenauswahl war, eine junge Frau.

Ihre Augen sind auf mich gerichtet, den Kopf mit dem spitzen Gesicht hat sie leicht geneigt.

Diese Augen! Im ersten Moment denke ich, dass das helle Licht meine Sicht beeinträchtigt hat, doch nein, sie wechseln tatsächlich die Farbe! Sie wandeln sich von einem hellen Grün zu einem satten Braun. Ohne Pupille, was das Ganze echt gruselig macht … Schnell wende ich den Blick von ihren Augen ab, bevor sie meine Angst sehen kann.

Das ist ein Spiel, Eve! Sicherlich ist das nur ein Feature, immerhin ist es ein Fantasyspiel.

»Du wirst es diesmal also sein?«, fragt die Frau. Sie schwebt ein Stück auf mich zu, wobei ihr langes weißes Gewand um ihre Füße weht, die nicht den Boden berühren.

Als sie bei mir angekommen ist, streckt sie die Hand nach mir aus und ich weiche hastig zurück. Beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren und wäre auf meinem Hintern gelandet.

»Hab keine Angst vor mir.« Sie bleibt in sicherem Abstand stehen und ich mustere sie verstohlen. Ihr Gewand ist reich verziert, mit goldenen Bändern und einer roten Schärpe. Als mein Blick weiter nach oben wandert, fallen mir ihre Ohren auf und ich schnappe nach Luft. Sie befinden sich nicht seitlich an ihrem Kopf, wie es eigentlich normal wäre, sondern viel weiter oben. Spitz und groß.

Fuchs, schießt es mir sofort durch den Kopf. Eine Fuchsfrau. Und just in diesem Moment dreht sie sich ein Stück zur Seite und ich erhasche einen Blick auf ihren Rücken – aus dem drei weiße und buschige Fuchsschwänze ragen.

»Ach du heilige Sch…«

»Ich würde dir raten, in meiner Gegenwart nicht zu fluchen«, unterbricht sie mich und sieht mich tadelnd an. »Willkommen in Mareia, meiner Welt. Ich bin Gaia, die Göttin der Erde, und ich habe dich als meine Hüterin auserwählt. Es ist deine Aufgabe, die nahende Bedrohung aufzuhalten und die vier Wächter zu erwecken.«

Ich verschränke die Arme und verziehe spöttisch den Mund. »Ich soll also die Welt retten? Echt jetzt? Ist das nicht etwas abgedroschen?«

Die Göttin vor mir kneift ihre leuchtenden Augen zu Schlitzen zusammen. »Würdest du mich bitte nicht unterbrechen, wenn ich dir deine heilige Mission erkläre?«

Ein Glucksen entweicht meiner Kehle, ehe ich es aufhalten kann. »Heilige Mission? Jetzt trägst du aber schon etwas dick auf, findest du nicht?«

Heilige Mission … Was für ein Blödsinn! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein Spiel mit einer so lahmen Story gespielt habe …

»Mach dich nicht darüber lustig!«, zischt sie und ich bin für einen Moment wirklich beeindruckt. Es ist, als würde wahre Kraft in ihrer Stimme liegen, die die Luft um uns vibrieren lässt.

Mit der Hand vollführe ich eine Geste, als würde ich meinen Mund abschließen, und werfe den unsichtbaren Schlüssel über meine Schulter davon. Das habe ich schon seit dem Kindergarten nicht mehr gemacht und beinahe muss ich wieder grinsen.

»Es ist deine Mission, die vier Wächter zu finden, mit deren Hilfe du mich in Mareia wiedererwecken kannst, um die drohende Zerstörung aufzuhalten«, erklärt sie, nachdem sie sich wieder gefangen hat.

Ich melde mich, als wäre ich in der Schule. Mit einem Nicken erlaubt sie mir zu sprechen, aber ich sehe, wie sie mit den Zähnen knirscht. »Das verstehe ich nicht. Du bist eine Göttin! Warum sorgst du in deiner Welt nicht selbst für Ordnung?«

Zugegeben, es ist fies, was ich hier mache. Aber ich hätte echt nicht erwartet, dass man uns Chip-Testern ein Spiel mit einer so abgedroschenen Story vorsetzt. Da hätte ich schon etwas Exklusiveres erwartet.

»Meine Kräfte wurden vor über tausend Jahren vom Luftvolk versiegelt. Nur mithilfe des Hüters kann ich aus meinem langen Schlaf erwachen.« Sie bewegt ihre Hand und darüber erscheint schwebend ein Amulett. Es ist golden und in der Mitte befindet sich ein roter Stein, der aussieht, als würde er pulsieren. »Dieses Amulett wird dir die Kraft verleihen, die du benötigst, um die Wächter zu finden und mich zu erwecken. Pass gut darauf auf! Ohne seine Hilfe wird es für dich unmöglich sein, deine Aufgabe zu erfüllen.«

Die Göttin murmelt eine Beschwörung, wahrscheinlich in einer anderen Sprache, denn ich kann die Worte nicht verstehen, und der rote Stein in der Mitte des Amuletts pulsiert, ehe es auf mich zufliegt. Ich greife danach und lege es mir um den Hals. Durch die lange goldene Kette hängt es mir bis knapp über dem Bauchnabel.

»Hast du noch Fragen, ehe du deine Mission antrittst?«

Wie durch Zauberhand erscheint das Schwert, das ich vorhin ausgewählt habe, an meiner Hüfte, zusammen mit Schwertscheide und passendem Gürtel. Zu perplex, um zu antworten, schüttele ich nur den Kopf.

»Ich schicke dich nun in meine Welt Mareia. Du wirst dich in der Nähe einer Stadt wiederfinden.«

Ich nicke und versuche, mir all das zu merken, was sie mir eben gesagt hat. Sicherlich wird mir das den Spielanfang erleichtern, wenn ich …

»Ich wünsche dir viel Glück, Evelyn.«

Und plötzlich erstarre ich. »W–Was? Woher …«

Doch da löst sich die Göttin bereits auf und alles um mich herum wird dunkel. Mein Magen sackt herab, als würde ich aus einer großen Höhe springen, und für einen Moment habe ich Angst, ehe ich mir wieder ins Gedächtnis rufe, dass ich in einem Spiel bin. Ich klammere mich an diesen Gedanken, bis ich wieder halbwegs normal atmen kann.

Nur ein Spiel. Nur ein Spiel. Es ist nur ein verdammtes Spiel.

Aber woher kannte sie meinen Namen? Ich habe ihn nirgends angegeben und selbst wenn, würde ich niemals mit meinem echten Namen spielen! Immer nenne ich mich Nemesis. Woher weiß also die Göttin, das Spiel, das Programm – was auch immer! – meinen echten Namen?

 

***

 

Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, lande ich mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden. Unter den Händen spüre ich Erde und in meiner Nase kitzelt der Geruch von Gras und Blumen. Als ich die Augen öffne, sehe ich, dass ich mich auf einem Weg befinde. Ich schaue mich um, komme dann auf die Füße und klopfe mir den Staub von den Knien.

So anders sieht es gar nicht aus. Ich könnte genauso gut auf der Erde in irgendeinem Wald stehen. Also, von Fantasy sehe ich hier gerade nicht viel, lässt man mal die Göttin mit den drei Fuchsschwänzen, den echt abgefahrenen Augen und den spitzen Ohren außen vor.

Schlagartig ändert sich meine Meinung, als ich nach oben schaue. Dort erblicke ich nicht wie erwartet nur eine Sonne, sondern daneben noch zwei Planeten. Erinnert mich irgendwie an den Himmel bei Avatar.

Ich strecke mich, bis ein paar Wirbel in meinem Rücken knacken.

Okay, genug gezockt für einen Tag! Ich werde mich jetzt ausloggen, noch etwas essen und dann ins Bett gehen. Als ich mich vorhin eingeloggt habe, war es schon kurz vor Mitternacht. Das ist zwar noch keine Bettgeh-Uhrzeit für mich, aber diese stinklangweilige Party bei meiner Mom hat mich doch mehr geschlaucht, als ich dachte.

Ich bewege die Hand, wie man es uns während des Training-Testlaufs zum Chip gezeigt hat, um das Spielmenü aufzurufen und mich auszuloggen.

Mehrere Sekunden vergehen. Nichts geschieht.

Erneut bewege ich die Hand. Und wieder ploppt kein Menü auf.

Okaaay … Vielleicht hab ich die falsche Hand benutzt? Musste ich die rechte nehmen? Oder war es doch die linke? Ich teste es mit der anderen, wedele dann panisch mit beiden Händen herum. Shit! Warum geht das denn nicht?

In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Irgendwie kann ich mich an keine genauen Angaben aus dem Training erinnern. Das war doch so … oder? Ich schlucke krampfhaft.

»Ähm, Menü?«, rufe ich mit schwacher Stimme, nachdem nichts funktioniert hat. »System? Log-out? Hallo? Hilfe?«

Ich drehe mich um die eigene Achse. Vielleicht hab ich das Menüfenster nur irgendwie übersehen? Doch da ist nichts! Nirgends! Es ist verdammt noch mal nichts da!

Meine Knie geben unter mir nach und ich sacke zurück auf den Boden. Das Schwert an meiner Hüfte schleift knirschend über die Erde und verursacht ein Geräusch, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen.

Ich sitze fest, schießt es mir durch den Kopf. Ich sitze in diesem verdammten Spiel fest!

Wieder drücke ich auf dem Knubbel in meinem Nacken herum, unter dem der Chip sitzt. »Funktioniere, du blödes Ding!«, schimpfe ich.

Als meine Hände anfangen zu zittern, balle ich sie zu Fäusten und hämmere auf den steinigen Weg vor mir. Mein Herzschlag dröhnt mir bis in die Ohren und ich stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

Mir sollte schleunigst etwas einfallen …

 

Kapitel 2

 

Wenn das ein Witz sein soll, dann ist er verdammt noch mal nicht lustig!

Irgendwie muss ich doch aus diesem dämlichen Spiel kommen! Ich reibe mir über die Arme, auf denen sich eine Gänsehaut gebildet hat. Erst jetzt sehe ich, dass ich noch meine Klamotten trage, was mich stutzig macht. Sollte ich nicht eine Klasse oder so was wählen können und dann deren typische Kleidung bekommen? Stattdessen sitze ich jetzt mit meinem »Save the Unicorns«-Shirt, Jerseyjacke, Jeans und Sneakern in einem Fantasyspiel. Das kann doch so nicht richtig sein! Oder ist das eines von diesen neuartigen Spielen, in dem sich verschiedene Epochen vermischen? Darauf wetten würde ich jedenfalls nicht … Eher tippe ich auf einen Bug!

»Hallo, Game Master? Ich möchte ein Problem melden!«, rufe ich erneut, aber wieder bleibt alles um mich herum stumm. Allein eine Grille fängt im Gras neben mir an zu zirpen, was meine ohnehin strapazierten Nerven nur noch mehr reizt. »Hört mich jemand?«

Diese blöden, unausgereiften Spiele! Ständig muss ich mich mit Bugs und Fehlern herumschlagen! Es würde mich nicht wundern, wenn gleich ein Fenster mit der obligatorischen »Dieser Fehler ist uns bekannt. Wir arbeiten bereits mit Hochdruck an einer Lösung des Problems«-Meldung aufploppt. Toll, danke, aber davon kann ich mir jetzt auch nichts kaufen …

Nachdem ich noch ein paar Mal erfolglos an dem Knubbel im Nacken herumgedrückt habe – irgendwie muss ich diese verdammte Verbindung doch unterbrechen können! –, lasse ich mich frustriert nach hinten fallen und starre in den Himmel. Seine Schönheit kann ich gerade nicht würdigen, denn so langsam macht sich nackte Panik in mir breit.

Ich greife nach dem Amulett und reibe mit dem Daumen über den Edelstein in der Mitte. »Hallo? Hört mich jemand?«

Ja, so weit ist es schon gekommen. Ich rede mit einem dämlichen Edelstein …

Plötzlich pulsiert das Amulett in meiner Hand und ein Lichtstrahl leuchtet auf, als ob er mir eine Richtung vorgeben würde.

Ich stemme mich hoch und starre auf das Amulett, reibe wieder mit dem Daumen über den Edelstein. »Gaia?«

Wieder pulsiert es in meinen Handflächen und der Lichtstrahl beginnt zu flackern, als wolle er gleich ausgehen. Ich schüttele das Amulett, wie ich es mit einer Taschenlampe machen würde, deren Batterien gerade aufgeben.

»Ich will mich ausloggen. Ich muss dringend ins Bett. Kannst du mir sagen, was ich dazu machen muss?« Langsam komme ich mir blöd vor, wie ich hier mit einem Schmuckstück rede, aber ich klammere mich an die Hoffnung, dass diese Göttin, mit der ich eben gesprochen habe, mir irgendwie helfen kann. Vielleicht ist die Göttin Gaia ja selbst ein Game Master und kann mir das Ausloggen aus diesem Spiel ganz einfach per Hard Reset oder so ermöglichen.

Doch nichts rührt sich und niemand antwortet mir.

Der Lichtstrahl wird blasser, ebenso wie das Pulsieren.

»Gaia? Kannst du mich hören?« Wieder reibe ich wie vorhin mit dem Daumen über den roten Edelstein in der Mitte, doch diesmal geschieht nichts.

Seufzend lasse ich mich zurücksinken. Vielleicht sollte ich dem Lichtstrahl folgen, der nach vorne auf den Weg gedeutet hat. Ich glaube, ich kann sogar ein paar hohe Dächer hinter den Baumwipfeln entdecken. Ich erinnere mich daran, dass die Göttin meinte, ich würde mich in der Nähe einer Stadt wiederfinden. Es ist allemal besser, als sinnlos hier herumzusitzen. Vielleicht kann mir dort jemand helfen. In den meisten Spielen gibt es in den großen Orten Hilfe-Center und wenn ich ganz viel Glück habe, finde ich dort sogar einen Game Master, der noch Dienst hat und sich meiner annimmt.

Also rapple ich mich auf, klopfe mir den Staub von den Klamotten und reibe mir über die Arme, um das Frösteln zu unterdrücken, das mich trotz kuscheliger Jerseyjacke erfasst. Hier wird es ganz schön kalt … Und die Stadt ist ziemlich weit weg.

Ich atme tief ein, schlage die Kapuze als zusätzlichen Schutz vor der Kälte hoch, straffe die Schultern und will gerade den ersten Schritt machen, als ich ein Rumpeln hinter mir höre. Schnell drehe ich mich um und sehe, wie ein Karren auf mich zukommt. Menschen! Andere Spieler! Selbst wenn es nur ein NPC, ein Programm, ist, kann ich ihn vielleicht nach dem Weg fragen. Und wenn ich ganz viel Glück habe, hat er vom Spiel ein paar Hilfeprogrammierungen bekommen, um Spielern, die feststecken so wie ich, behilflich zu sein.

Winkend gehe ich auf den Karren zu, der von zwei seltsamen Wesen gezogen wird. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Nilpferd und Ochse – irgendwie niedlich und knubbelig –, doch ich lenke meine Aufmerksamkeit schnell auf die Person, die auf dem Kutschbock sitzt.

»Hallo«, grüße ich freundlich und stelle mich an die Seite, als der Karren neben mir zum Stehen kommt.

Ich mustere die Person, doch wegen des braunen Umhangs, den sie trägt, kann ich nicht viel erkennen. Eine Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen, sodass ich nur eine ausgeprägte Kinnpartie sehen kann. Das und die breiten Schultern, die sich unter dem Stoff abzeichnen, lassen mich darauf schließen, dass es ein Mann sein muss.

»Weißt du zufällig, wie ich mich ausloggen kann?«, sprudelt es aus mir heraus, ehe ich darüber nachgedacht habe. »Ähm, ich meine, bist du auch ein Spieler?«

Stille. Versteht er mich vielleicht nicht?

Gerade als ich tief Luft geholt habe, um zu einer erneuten Erklärung anzusetzen, fragt er: »Wer bist du?«

Ich stutze. Seine Stimme ist tief, dennoch melodisch. Ich mag den Klang, vor allem dieses raue, leicht kratzige Timbre, das in ihr mitschwingt.

Seine Frage jedoch stellt mich vor ein neues Problem. Was soll ich ihm antworten? Die Göttin hat mich mit meinem richtigen Namen angesprochen und während des Spielbeginns konnte ich nirgends ein Alias eingeben. Soll ich nun dabei bleiben oder meinen Gamernamen nutzen?

»Ich bin Evelyn«, sage ich schließlich so freundlich wie möglich, »und neu hier, sozusagen. Ich bin mit den Funktionen noch nicht so vertraut.«

»Funk…tionen?«, fragt mein Gegenüber und reckt ein wenig das Kinn vor.

Mist, anscheinend ist er doch kein Spieler und nur ein NPC, der mir nicht helfen kann. Meine Hoffnung sinkt.

Ein frischer Wind kommt auf und lässt mich erneut frösteln. »Fährst du in die Stadt? Könntest du mich mitnehmen?«

Ich spüre, dass er mich mustert, und ein Schauer läuft mir über den Rücken, was nichts mit der Temperatur um mich herum zu tun hat, doch ich zwinge mich dazu, still stehen zu bleiben und meinen Blick nicht von ihm abzuwenden. Warum sollte ich auch? Der Kerl ist nicht echt, sondern nur ein verdammtes Programm.

»Spring auf!«, sagt er und dankbar klettere ich etwas unbeholfen auf den Karren, der sich sogleich rumpelnd wieder in Bewegung setzt.

Plötzlich spüre ich wieder das Vibrieren des Amuletts, doch ich versuche es zu ignorieren.

Ich lasse meinen Blick über die Landschaft schweifen, die langsam an mir vorbeizieht. Im Grunde ähnelt diese Welt sehr der Erde. Ich erkenne einige Baumarten, die genauso aussehen wie zu Hause. Ein Reh steckt neugierig den Kopf durch das Gebüsch, als es den Karren hört, verschwindet aber sofort wieder. Vögel sitzen pfeifend in den Bäumen und fliegen über uns hinweg.

Wenn ich den Himmel mit seinen Gestirnen und die seltsamen Zugtiere einmal nicht beachte, fühlt es sich ganz normal an.

Ich spüre, wie der Mann mich aus den Augenwinkeln von Kopf bis Fuß mustert, doch ich drehe demonstrativ den Kopf in eine andere Richtung und gebe vor, weiterhin die Landschaft zu bewundern.

Warum läuft mir ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er mich anschaut?

Als ich es nicht mehr aushalte, drehe ich mich zu ihm um und setze einen herausfordernden Gesichtsausdruck auf. »Kann ich dir irgendwie helfen?«

Er deutet auf mein Shirt. Mir entgeht nicht, wie groß und gleichzeitig auch feingliedrig seine Hände sind. »Was bedeutet das, was da draufsteht?«

Ich schaue an mir hinunter auf das Einhorn und die Aufschrift, die über dem halb offenen Reißverschluss der Jacke durchblitzen. »Da steht Rettet die Einhörner. Eigentlich ist das witzig.«

Doch sein Mund, den ich gerade so unter der Kapuze ausmachen kann, verzieht sich keinen Millimeter. Hat der Typ keinen Humor?

Wahrscheinlich nicht, denn NPCs verrichten nur grundlegende Aufgaben, wie dem Spieler Aufgaben zu vermitteln, Gegenstände zu verkaufen oder seine Rüstung zu reparieren. Normalerweise verlassen sie nie den für sie vorgesehenen Ort. Dass ein NPC hier mit einem Karren unterwegs ist, zeugt schon von einer hohen programmiertechnischen Leistung.

Vielleicht ist das Spiel doch nicht so langweilig, wie ich nach der Ansprache der Fuchsgöttin Gaia dachte? Wenn man mal von dem offensichtlichen Fehlen der Menüfunktion absieht … Das sollte schnellstens gefixed werden!

Ein Windstoß fegt über uns hinweg und ich kneife die Augen zu, um keinen Sand, der vom Weg hochgeweht wird, hineinzubekommen. Die Kapuze rutscht mir vom Kopf.

Der Karren stoppt und als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, dass der Typ mich mit offenem Mund anstarrt.

»Was?«, frage ich verwirrt und fahre mir mit den Händen durch meine rote Mähne, um sie zu glätten. Sicherlich sehe ich schrecklich zerzaust aus! Aber das sollte ihm als NPC egal sein.

»D–Deine Haare …«, stammelt er und weicht ein Stück von mir zurück.

Ich beobachte sein Getue mit düsterer Miene. »Was ist mit meinen Haaren?«

»Rot wie Feuer …«, flüstert er.

»Ähm, ja. Und? Ich habe schon immer rote Haare.« Er tut gerade so, als wäre das etwas Außergewöhnliches! Klar, es ist keine so weit verbreitete Haarfarbe wie braun oder blond, aber ganz so dramatisch ist es nun auch nicht. »Können wir jetzt weiterfahren?« Auffordernd wedele ich mit der Hand in Richtung der Zugtiere, die sich bereits das Gras am Wegrand schmecken lassen.

Er zögert kurz, rutscht an den äußersten Rand des Kutschbocks – so weit weg von mir wie möglich – und schnalzt mit der Zunge, woraufhin sich die Nilpferdochsen wieder in Bewegung setzen.

Ich verschränke die Arme und schüttele den Kopf. So ein seltsames Verhalten, also wirklich!

 

***

 

Als die Stadt langsam vor uns auftaucht, bin ich erleichtert. Seit dem Vorfall herrschte ein angespanntes Schweigen zwischen uns, das mich fast wahnsinnig gemacht hat. Und immer wieder sage ich mir, dass das absoluter Quatsch ist. Mein Gegenüber ist ein Programm und kein richtiger Mensch, dessen Gefühle ich irgendwie verletzt hätte. Trotzdem fühle ich mich mies, will aber auch nicht den ersten Schritt machen und etwas sagen. Anscheinend hat er keinen Bedarf an Konversation. Auch gut! Ich will sowieso nur hier weg und keine Freundschaften mit irgendwelchen Programmen schließen.

Der Karren passiert die steinernen Stadtmauern und sofort herrscht ein reges Treiben um uns herum. Menschen laufen umher, quetschen sich durch die engen Gassen, die von windschiefen Hütten gesäumt sind. Eine Vielzahl von Gerüchen strömt auf mich ein und ich bin wirklich begeistert, dass das Spiel sogar Gerüche an mein Hirn senden kann.

Es ist fast so, als wäre ich wirklich hier und nicht nur mein Geist.

Händler preisen lautstark ihre Waren an, Kinder rennen durch den Matsch am Straßenrand und mein Begleiter hat Mühe, seinen Karren durch all diese Massen zu manövrieren.

Ich schaue mich interessiert um, sauge alles in mir auf, tauche komplett ins Spiel ein.

Als mich die Leute sehen, stupsen sie Umstehende an und deuten auf mich. Sie starren mich an wie eine Zirkusattraktion.

Bestimmt wegen meiner Klamotten.

Alle tragen hier eher Kleider und Hosen wie im Mittelalter, aber definitiv keine Bluejeans und Shirts mit lustigen Aufdrucken. Was bei mir wieder die Frage aufwirft, warum ich eigentlich keine Kleidung beim Spielbeginn bekommen habe. Sicherlich eine der vielen Fehlfunktionen, die bald behoben werden. Ein seltsamer Nachgeschmack bleibt dennoch.

Unter den Blicken der Umstehenden unterdrücke ich den Drang, mich kleinzumachen und ihrem Starren auszuweichen. Das sind Programme, sage ich mir immer wieder. Das sind keine echten Menschen, die dich anstarren. Durchatmen! Schultern gerade! Kinn hoch! Es gibt nichts, weswegen du dich verstecken müsstest!

Unser Karren biegt in eine Gasse ein und nach und nach verstummt das laute Gemurmel der Menge. Die Häuser stehen hier noch dichter aneinander und es ist düster, fast unheimlich. Ein widerlicher Mief nach Schimmel, Abfall und … – den Rest will ich mir eigentlich gar nicht vorstellen! – lässt mich fast würgen. Doch ich komme nicht umhin, wieder einmal zu denken, wie gut dieses Spiel auf die verschiedenen Sinne eingeht. Echt wahnsinnig gut, auch wenn es gerade wirklich eklig ist.

Mir wird mulmig zumute, während ich verstohlen nach links und rechts spähe und hinter jedem Schatten einen Angriff vermute.

»Wohin fahren wir?«, frage ich und versuche krampfhaft, mir die aufkommende Panik nicht anmerken zu lassen. Wie von selbst wandert meine Hand zu dem Schwertgriff an meiner Hüfte. Habe ich überhaupt einen Skill, mit dem ich das Schwert benutzen kann? Das haben sie im Chiptraining irgendwie übersprungen … Wie so vieles!

»Zu einem Bekannten von mir«, sagt mein Begleiter und starrt stur geradeaus. »Du bist nicht von hier, oder?«

»Ist das so offensichtlich?«

Er zuckt mit den Schultern, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Meine Beine zittern vor Verlangen, von diesem Karren zu springen und wegzurennen. Doch ehe ich diese Idee in die Tat umsetzen kann, schüttele ich schnell den Kopf. Unsinn! Gut möglich, dass mir dieser Bekannte helfen kann, schließlich muss ich mich echt so langsam mal ausloggen. Ich habe vollkommen den Überblick verloren, wie lange ich schon hier bin und wie viel Zeit in der realen Welt mittlerweile vergangen ist. Vielleicht ist es schon fast Morgen! Das wäre natürlich fatal … Unausgeruht werde ich den anstehenden Wettkampf gegen die Nummer zwei sicherlich nicht gewinnen …

Eine unterschwellige Angst kann ich jedoch nicht abschütteln und das bleierne Schweigen zwischen meinem Begleiter und mir sowie die knappen Antworten, die er mir nur gibt, tragen nicht gerade zu meiner Beruhigung bei.

»Du, ich muss echt langsam los«, murmele ich. »Kann dein Bekannter mir dabei helfen, mich auszuloggen?«

»Bestimmt«, sagt er, aber dieses eine Wort macht mich nur noch nervöser. Der feine Unterton in seiner Stimme jagt mir auf einmal einen eiskalten Schauer über den Rücken.

Doch ich bleibe sitzen. Es ist ein Spiel. Es ist nur ein Spiel. Nichts kann mir passieren.

Vor einer halb verfallenen Hütte stoppt der Karren und der Typ springt vom Kutschbock, sodass sein Umhang hinter ihm herflattert.

»Hey«, rufe ich ihm nach. »W–Was machen wir hier?«

Er bleibt stehen und dreht sich zu mir um, ehe er sich die Kapuze vom Kopf streift.

Trotz des spärlichen Lichts in der Gasse stockt mir der Atem bei seinem Anblick. Wie eine Vollidiotin sitze ich mit offenem Mund da und starre ihn an, blinzele mehrmals, um sicherzugehen, dass das keine Einbildung ist.

Vor mir steht das, was ich für mich als absoluten Traummann bezeichnen würde. Kohlschwarzes Haar fällt ihm in die Stirn und einige vorwitzige Strähnen sogar fast bis in die Augen, mit denen er mich stumm mustert. Sein Gesicht ist kantig geschnitten, jedoch nicht übertrieben maskulin.

Perfekt. Wie einer dieser Disney-Prinzen, schießt es mir sofort durch den Kopf.

Ohne dass ich ihnen den direkten Befehl erteilt habe, tragen mich meine Beine vom Karren hinunter und direkt zu ihm. Nur mit Zwang kann ich meinen Mund davon überzeugen, sich zu schließen und nicht auch noch anzufangen mit sabbern. Das wäre dann doch etwas zu viel des Guten.

Er streckt mir seine Hand entgegen und eine weitere Einladung brauche ich nicht. Sofort lege ich meine hinein.

Als sich seine Finger um meine schließen, durchfährt mich eine Hitze, die mich zusammenzucken lässt. Er scheint es auch gespürt zu haben, denn er zieht seine Hand sofort zurück und starrt mich mit großen Augen an. Erst jetzt sehe ich, dass seine Iriden von einem hellen silbrigen Grau sind. Wow, so was habe ich noch nie gesehen! Absolut fasziniert verliere ich mich eine Weile in diesem wirren Strudel aus Silber und Gewittergrau. Doch dann kommt mir wieder das merkwürdige Gefühl in den Sinn, als ich ihn eben angefasst habe.

»Was war das?«, frage ich, als ich die losgelassene Hand mit meiner anderen umschließe, damit sie sich nicht so kalt anfühlt.

»Ich …«

Ihn herumdrucksen zu sehen, macht mich wieder nervös. Auf einmal sieht er nicht glücklich darüber aus, mich hier hergebracht zu haben, doch bevor er seinen gestammelten Satz beenden kann, wird die Tür zur Hütte aufgerissen und ein fetter Typ mit schmieriger Schürze füllt den Türrahmen fast komplett aus. Als sein Blick über mich huscht, breitet sich eine eisige Gänsehaut auf meinem ganzen Körper aus und vertreibt die wohlige Hitze von eben.

»Ah, da bist du ja endlich«, brummt der schmierige Typ meinem Begleiter zu. »Und du hast jemanden mitgebracht. Steht es wieder so schlimm?«

Ein Muskel zuckt unter dem Auge meines Begleiters und seine Kinnpartie verhärtet sich. Es wirkt fast so, als würde er jeden Zweifel tief in sich einschließen und sich eines Besseren besinnen.

Der Typ winkt uns hinein. Penibel achtet mein Begleiter darauf, dass ich ihn nicht berühre, während ich mich an ihm vorbei in die Hütte zwänge.

Habe ich etwas falsch gemacht? Meine Hand kribbelt vor Verlangen, sich wieder nach ihm ausstrecken zu dürfen und diese Hitze erneut spüren zu können, die meinen ganzen Körper vibrieren und mich alle Ängste vergessen lässt.

Wenn das ein Feature im Spiel ist, dann ist es verdammt gut. Es fühlt sich fast so an, als wäre es … echt.

 

***

 

Das Innere der schäbigen Hütte wird von mehreren Kerzen beleuchtet, die tanzende Schatten an die Wände werfen. Ein widerlicher Gestank nach ungewaschenen Leibern und schlechtem Essen nimmt mir beinahe die Luft zum Atmen und am liebsten würde ich auf dem Absatz kehrtmachen und flüchten. Mehrere Männer drehen sich zu mir um, als ich verloren im Raum stehe und mich unsicher umsehe. Frauen huschen zwischen ihnen hin und her, stellen Krüge auf die schmuddeligen Tische und kichern dabei.

Ein Gasthaus?, schießt es mir mit einiger Verspätung durch den Kopf. Nicht unüblich in Fantasyspielen, aber dieses hier umgibt eine seltsam düstere Aura, bei der sich mir sämtliche Nackenhaare aufstellen.

Gerade als ich mich zu Mr Perfect umdrehen und ihn bitten will, mit mir von hier zu verschwinden, schiebt sich der Typ von eben in mein Sichtfeld.

»Was bringst du uns diesmal, Lucian?«, brummt der Dicke. »Hoffentlich eine, die ordentlich anpacken kann, denn ich habe keine Zeit für Schmarotzer!«

»Keine Sorge! Diesmal ist es etwas Besonderes«, sagt die Stimme von Mr Perfect hinter mir. Lucian, hm?

»Rote Haare?«, ruft der Dicke erstaunt, als er direkt vor mir steht. Allein sein Geruch entfacht bei mir eine mittelschwere Alkoholvergiftung und woher die ganzen Flecken stammen, die sein Wams zieren, will ich lieber gar nicht wissen. Seinen Bart schaue ich mir nicht genauer an, aus Angst, mich ansonsten gleich übergeben zu müssen. »Wo hast du die denn gefunden?«

Er beugt sich vor und legt seine fleischigen Finger um mein Kinn, um es anzuheben. Mit einem Ruck entziehe ich mich ihm und weiche einen Schritt zurück, pralle dabei aber sofort gegen eine harte Brust. Ein Blick nach oben verrät mir, wer da noch immer hinter mir steht, denn graue Augen schauen zu mir hinab. Lucian.

»I–Ich gehe jetzt lieber«, stammele ich und versuche, den beiden Männern zu entkommen, doch sofort legt Lucian eine Hand auf meine Schulter und hält mich fest. Ängstlich blicke ich zu ihm empor. »Lass mich los.« Ich hätte mehr Nachdruck in diese Forderung legen sollen, doch gerade bin ich froh, dass meine Stimme nicht gleich ganz vor Panik versagt.

»Was gibst du mir für sie?«, fragt er den Dicken und ich erstarre vor Angst.

Hat er das gerade wirklich gefragt?

Der Dicke schürzt die wulstigen Lippen und lässt seinen Blick von meinen Füßen nach oben gleiten. Ich winde mich unter seinem Starren. Es erinnert mich an die Art, wie Mom mich ansieht, wenn ich nicht so erscheine, wie sie es sich wünscht. Abschätzend. Als würde man im Supermarkt ein Stück Obst nach faulen Stellen absuchen, um den Preis zu drücken.

Ich versuche, meine Schulter freizubekommen, doch Lucians Griff verstärkt sich und ein leises Wimmern kommt über meine Lippen.

»Drei Goldstücke«, sagt der Dicke dann.

Lucian lacht. Es ist ein tiefes Lachen, jedoch nicht laut oder polternd, und wäre die Situation nicht so grotesk, würde ich ihn schmachtend ansehen und mir wünschen, dass er nie wieder damit aufhört, diesen wundervollen Laut von sich zu geben.

Doch leider stehen die Dinge anders. »Drei Goldstücke? Komm schon, Marcus! Sie ist mindestens zehn wert und das weißt du genau!«

Menschenhändler!, durchfährt es mich. Als ich schnell nach links zu einem jungen Mädchen blicke und seinen tiefen Ausschnitt und den geschlitzten Rock sehe, wird es mir schließlich klar.

Das ist kein Gasthaus.

Das ist … In der realen Welt wäre diese Frau wahrscheinlich eine Hostess.

Dieser Mistkerl Lucian will mich tatsächlich als Hostess verkaufen. Aber nicht mit mir!

Endlich kommt wieder Leben in meine erstarrten Glieder. Entschlossen greife ich nach meinem Schwert und ziehe es mit einem Ruck aus der Scheide. Dabei bete ich, dass ich in diesem Spiel irgendeine Fähigkeit habe und die Kunst des Kämpfens einfach so beherrsche.

Doch natürlich werde ich enttäuscht.

Noch während ich das Schwert herausziehe, gleitet es mir aus den schweißnassen Händen und fällt klirrend zu Boden, wo es noch ein paar Meter weiterrutscht und außerhalb meiner Reichweite liegen bleibt. Na großartig.

Panisch blicke ich zwischen den beiden Männern hin und her und wäge meine Möglichkeiten ab. Lucian hat mich zwar losgelassen, aber nun sind einige andere Männer aufgestanden und haben sich zu uns umgewandt. Es bleibt mir also nur der Weg durch den Ausgang, durch den ich vorhin gekommen bin. Doch vor der Tür steht Lucian, der mich nicht aus den Augen lässt.

»Komm, kleiner Rotschopf, wer wird denn solche Angst haben?«, säuselt der Dicke und streckt seine Hand nach mir aus, was mich noch weiter zurück- und zur Seite ausweichen lässt.

Mein Herz klopft mir mittlerweile bis zum Hals. Das ist nur ein Spiel, Eve, beruhige dich! Niemand kann dir hier etwas tun.

Scheiße, es fühlt sich aber alles so real an!

Der Dicke greift nach meinem Arm und ich versuche, mich ihm zu entwinden. Als ich nach ihm trete, schlägt er mir mit dem Handrücken ins Gesicht, sodass ich für einen Augenblick Sterne tanzen sehe.

Ein metallischer Geschmack sammelt sich in meinem Mund und angewidert spucke ich das Blut aus. Hoffentlich hat er mir keinen Zahn ausgeschlagen!

Halt, Moment! Schmerz? Blut?!

Während des Chiptrainings hat man uns auf Kampfszenen vorbereitet, aber der Schmerz ging nie über einen dumpfen Aufprall hinaus, ähnlich dem, wenn man sich den Musikantenknochen irgendwo anschlägt. Selbst bei direkten Treffern und gar Schusswunden gab es nie mehr als ein dumpfes Ziehen. Und vor allem war da kein Blut, verdammt noch mal!

Ungläubig fahre ich mir mit der Hand über den Mund und starre die dünne Blutspur darauf an.

Auch die beiden Männer um mich herum starren auf meine Hand und das Blut, das ich auf den Boden gespuckt habe. Alle scheinen die Luft anzuhalten und es würde mich nicht wundern, wenn man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Lucian kommt als Erster zu sich, hebt mein Schwert auf und drückt es mir in die Hand. Völlig verdattert greife ich danach, während er mich schon Richtung Ausgang schiebt.

»Raus mit dir! Warte beim Karren«, weist er mich leise an und wirft die Tür zu, nachdem ich wieder in der dunklen Gasse stehe.

Erst jetzt fängt auch mein Verstand wieder zu arbeiten an und beinahe automatisch drehe ich mich um und will die Tür wieder öffnen, um eine Erklärung zu fordern, die hoffentlich gut genug ist, dass ich sie glauben kann.

Dumpf dringt Lucians Stimme zu mir nach draußen.

»Tut mir leid, Marcus. Wie es aussieht, ist unser Geschäft geplatzt. Ich mache mich dann lieber auf den Weg und bringe dir das nächste Mal eine, die hier wirklich arbeiten will.«

»Hast du das auch gesehen?«, murmelt eine andere Männerstimme. »Nicht nur feuerrote Haare. Nein, auch ihr Blut … Es war … rot.«

Was soll das denn heißen? Natürlich ist mein Blut rot! Ich bin ja kein Alien oder so was. Viel wichtiger ist aber die Frage, warum ich hier überhaupt bluten kann. Das Pochen in meiner Wange erinnert mich auch daran, dass ich eigentlich gar keinen Schmerz spüren dürfte.

Die Tür wird aufgerissen und vor mir steht Lucian, der mich sofort zur Seite schiebt und hastig die Tür wieder hinter sich schließt.

»Was machst du hier?«, herrscht er mich an. »Ich hab dir gesagt, du sollst zum Karren gehen! Sie dürfen dich nicht sehen!«

Mit zusammengezogenen Augenbrauen sehe ich ihn an. »Etwas spät, befürchte ich«, knurre ich zurück und bin heilfroh, dass meine Stimme nicht so sehr zittert wie der Rest meines Körpers.

Grob packt er mich am Handgelenk, um mich hinter sich herzuzerren, und sofort spüre ich wieder dieses heiße Kribbeln an der Stelle, wo seine Hand meine bloße Haut berührt. Es fühlt sich an, als würde flüssiges Feuer durch meine Adern fließen, ausgehend von unserer Berührung, aber anstatt mich zu verbrennen, belebt es mich. Es prickelt, pulsiert, vibriert und ich schließe genüsslich die Augen, während das Gefühl auf meinen ganzen Körper übergreift.

Bis Lucian mich loslässt. Abrupt verschwindet das Gefühl und hinterlässt eine kalte, dumpfe Leere. Ich reibe mir über die Arme, denn trotz flauschiger Jacke fröstelt es mich plötzlich.

Lucian starrt auf seine Hand, dann auf mich und wieder zurück auf seine Hand. »Wie hast du das gemacht?«

»Was?«, frage ich verwirrt, immer noch die Arme um mich geschlungen.

»Diese … Hitze! Und dein Blut! Wie kannst du rotes Blut haben?« Er macht einen Schritt auf mich zu, bleibt aber in einem sicheren Abstand stehen, während er mich misstrauisch beäugt.

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest! Jeder hat rotes Blut!« Hilflos fahre ich mir mit den Händen durchs Haar.

Er schüttelt den Kopf, als hätte ich ihm gerade zu erklären versucht, dass alle Schweine fliegen können.

»Hör mal«, versuche ich es erneut, »ich bin echt fix und fertig und muss mich dringend ausloggen. Leider scheint es aber einen Bug zu geben, sodass ich das Menü nicht aufrufen kann. Kannst du mir sagen, wo ich den nächsten Game Master oder ein Hilfecenter finde?«

Und wieder dieser fassungslose Blick. Ich meine, er sieht dabei total toll und kein bisschen trottelig aus, aber so langsam bin ich es leid!

Schnaubend drehe ich mich um und stapfe die Gasse entlang. »Schön, wenn du mir nicht hilfst, suche ich mir eben selbst Hilfe. Ich hab nicht ewig Zeit!«

Ich lasse ihn einfach stehen, ich kann’s selbst kaum glauben. Programm hin oder her, aber einen so heißen Typen einfach wie einen begossenen Pudel stehen zu lassen, ist schon beinahe eine Kunst. Mit jedem Schritt, den ich mich von ihm entferne, nimmt die Kälte immer mehr von mir Besitz. Aber hey, immerhin wollte der Kerl mich an einen Zuhälter verkaufen! Da darf ich ihn auch stehen lassen! Spiel und vorgegebene Quest hin oder her – so was macht man einfach nicht!

Als ich um die Ecke biege, wage ich einen vorsichtigen Blick zurück. Mein Herz sinkt, als ich sehe, dass er mir nicht nachgelaufen ist. Sollten die heißen Typen nicht immer den Heldinnen hinterherlaufen, um sie aus möglichen Gefahren zu retten? Vielleicht hat dieser heiße Typ noch nichts davon gehört und ich sollte ihm etwas Nachhilfe geben? Ja, am besten wäre es, wenn ich mich umdrehe und zu ihm zurückgehe, schließlich … Doch dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass der Typ vor nicht einmal einer Viertelstunde versucht hat, mich zu verschachern.

Nein, diesem Typen werde ich keine Träne nachweinen! Soll er doch dort stehen bleiben, bis er schwarz wird!

Ich befinde mich nun wieder auf der Hauptstraße durch die Stadt und noch immer herrscht ein reges Treiben. Als die Leute auf mich aufmerksam werden, weichen sie vor mir zurück und bilden so eine Gasse, durch die ich problemlos laufen kann. Wie praktisch! Aber ihre Blicke jagen mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Das Tuscheln begleitet mich bei jedem Schritt und das beklemmende Gefühl nimmt immer weiter zu.

Warum sehen sie mich so seltsam an und zeigen mit dem Finger auf mich? Habe ich irgendwas im Gesicht? Jetzt mal abgesehen von der roten Wange, die ich der Ohrfeige dieses Zuhälters zu verdanken habe.

Da ich keine Ahnung habe, wohin ich mich wenden soll, beschließe ich, wahllos jemanden zu fragen.

»Entschuldigung.« Ich tippe einer jungen Frau auf die Schulter, die erschrocken mehrere Meter zurückspringt, als sie mich sieht. Ich schlucke meinen Ärger über diese Reaktion hinunter. »Kannst du mir sagen, ob es hier einen Game Master gibt?«

Ihre Lippen beben, als sich ihr Blick starr auf meine Haare richtet. Sie macht mit den Fingern eine seltsame Geste und sofort weichen auch die anderen Leute um uns herum zurück.

»Ich habe dir eine Frage gestellt«, sage ich.

Die Frau öffnet den Mund und schreit, als ich einen Schritt auf sie zu mache, und ich halte mir schnell die Ohren zu bei diesem Lärm. In diesem Moment fängt das Amulett wieder kurz an zu vibrieren und etwas legt sich über meine Schultern und meinen Kopf. Verdutzt blicke ich mich um.

»Kopf unten lassen«, raunt es an meinem Ohr. Ich kenne diese Stimme und ein Schauer durchläuft meinen Körper, als ich seinen warmen Atem an meiner Haut spüre. Lucian.

Er hat mir seinen Umhang übergeworfen und drückt meinen Kopf ein Stück nach unten, während er mich durch die Menge bugsiert. Die Leute weichen vor uns zurück und lassen uns – zum Glück! – passieren. Ich traue mich nicht, auch nur ein Wort zu sagen, und halte den Blick gesenkt, schaue nur auf meine Schuhe und lasse mir die Richtung von ihm vorgeben.

Lucian schiebt mich in eine Gasse und als wir in sicherer Entfernung zur Menge sind, presst er mich mit dem Rücken gegen eine Hauswand. Ich keuche auf und blicke ängstlich zu ihm hoch. Seine grauen Augen sind dunkel wie der Himmel kurz vor einem Gewitter.

»Wer bist du?«, presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»E–Evelyn«, stammele ich. Ich habe ihm meinen Namen bereits gesagt, als wir uns auf der Straße getroffen haben, aber ich weiß nicht, was er sonst von mir hören will. »Ich bin ein Spieler und möchte mich nun gern ausloggen.«

Er schüttelt den Kopf. »Ich frage dich noch einmal. Wer. Bist. Du?«

Ich schwanke zwischen einem wütenden Mit-dem-Fuß-aufstampfen und In-Tränen-ausbrechen. Sicherlich wissen die Programme nicht, dass sie nur Teil eines Spieles sind, deshalb verhalten sie sich ganz normal und finden mein Verhalten sehr verdächtig. Sie sind eben so programmiert.

Also hole ich tief Luft und sage: »Ich bin Evelyn und habe mich verlaufen. Ich suche den Weg nach Hause und dabei kann mir ein Game Master helfen.« Als sich seine Augenbrauen zusammenziehen und ein noch stärkeres Gewitter in seinen Augen aufkommt, füge ich noch schnell hinzu: »D–Das ist jemand mit sehr viel Macht und Ansehen. Jemand, der die Geschicke des Landes und der einzelnen Menschen bestimmen kann.«

Hey, was Besseres ist mir auf die Schnelle einfach nicht eingefallen! Natürlich ist ein Game Master ein Mensch aus der realen Welt, der die Macht über die Codes und Spielvorgehen hat und Spielern wie mir, die Probleme im Spiel haben oder feststecken, zu Hilfe kommt.

Lucian mustert mich mit versteinerter Miene. Es ist mir unmöglich, eine Regung in seinem Gesicht abzulesen. Glaubt er mir? Oder wird er mich jetzt gleich wieder anschreien und zu der schäbigen Hütte zurückschleifen?

Unweigerlich fährt meine Hand zu meiner Wange, die immer noch dumpf vor Schmerz pocht. Dieser widerliche metallische Geschmack hat sich in meinem Mund ausgebreitet und ich wünsche mir nichts sehnlicher als einen Schluck Limo, um ihn endlich loszuwerden.

»Hat er dir wehgetan?« Mit einem Mal ist seine Stimme sanfter, als sein Blick der Bewegung meiner Hand folgt. Ich nicke. »Komm. Ich bringe dich zu jemandem, der dir vielleicht helfen kann.«

Natürlich werde ich sofort misstrauisch und presse den Rücken noch fester gegen die Mauer, um so viel Abstand wie möglich zwischen mir und Lucian zu haben. Als er die Hand nach mir ausstreckt, kneife ich die Augen zu, erwarte, dass auch er mir wehtun wird, doch dann spüre ich ein sanftes Prickeln an der Wange. Federleicht streicht er mit zwei Fingerspitzen über meine Haut und ruft dadurch ein kribbelndes Gefühl hervor, das mich seufzend ausatmen lässt. Zögerlich öffne ich wieder die Augen und lege den Kopf ein Stück in den Nacken, um seinem Blick begegnen zu können.

Noch immer ist seine Miene unergründlich, während er mich eingehend mustert. Doch er sieht nicht so aus, als wolle er mir etwas antun.

Ich ringe noch eine Weile mit mir. Einerseits will ich ihm nicht vertrauen und mich nicht erneut in seine Hände begeben, doch andererseits … Was soll ich sonst tun? Kein anderer, dem ich begegnet bin, antwortet auf meine Fragen, und bei meinem Glück gerate ich an noch zwielichtigere Gestalten, wenn ich einfach so durch die unbekannte Stadt streife.

So ungern ich es mir auch eingestehe, aber Lucian ist momentan meine beste Chance, um endlich aus diesem Spiel entkommen zu können.

»Behalte den Umhang an und verstecke deine Haare«, weist er mich an. »Wir müssen durch die Stadt und rauf auf die Hügel.«

»Was ist auf den Hügeln?«

Eine Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen, als würde er angestrengt über meine Frage nachdenken müssen. Oder als hätte er nicht damit gerechnet, dass jemand tatsächlich eine so dumme Frage stellen könnte.

»Die Tempel«, sagt er schließlich und verlässt die Gasse.

Ich haste hinter ihm her, halte den Umhang mit der Hand vorn zusammen und folge Lucian die Straßen entlang.

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Kapitel 3

 

Wer kommt eigentlich auf die bescheuerte Idee, solche Tempel immer auf Hügeln zu bauen und anschließend keinen Lift zu montieren? Den Kerl sollte man gleich erschießen! Nicht enden wollende Treppen und Stufen, Stufen, Stufen – nichts als Stufen, so weit mein Auge reicht.

Als ich endlich auf dem Hügel, der eigentlich eher Ähnlichkeit mit dem Mount Everest hat, ankomme, breche ich augenblicklich zusammen. Meine Beine und vor allem meine Knie fühlen sich an wie Pudding und weigern sich, mich auch nur noch eine Sekunde länger zu tragen.

Keuchend schnappe ich nach viel zu viel Luft, die meine Lunge gar nicht verarbeiten kann, und mir wird kotzübel.

»Alles in Ordnung?«, fragt Lucian und beugt sich ein Stück zu mir herunter.

Ich muss schrecklich aussehen. Garantiert hat mein Gesicht die Farbe eines Schweinchens mit Sonnenbrand und wahre Schweißsturzbäche fließen mir an den Schläfen und dem Rücken runter.

Und was ist mit ihm? Nichts! Nicht einmal eine mickrige Schweißperle ist auf seiner Stirn zu sehen! Wie unfair ist denn das bitte?

Ich wische mir mit dem Handrücken über das Gesicht und versuche aufzustehen, falle jedoch sofort wieder auf die Knie, weil meine Muskeln zittern und sich anschließend verkrampfen. Ich muss einen jämmerlichen Anblick bieten und am liebsten würde ich mich hier auf der Stelle hinlegen und nie wieder aufstehen. Der gepflasterte Boden unter mir sieht richtig gemütlich aus …

»Lass mich einfach hier liegen«, nuschle ich, weil mir selbst das Sprechen schwerfällt. »Fällt gar nicht auf … Irgendwann ergebe ich ein Muster, nachdem man mich festgetreten hat … «

Lucian steht neben mir, als wäre er diese mörderische Strecke nicht selbst gelaufen, sondern geflogen. Frisch und munter sieht er stirnrunzelnd zu, wie ich meine erhitzten Wangen an den Pflastersteinen abkühle und dabei unverständliches Zeug brabbele.

»Du musst aufstehen, Evelyn.«

Wow, das erste Mal, dass er meinen Namen benutzt! Und er klingt so gut aus seinem Mund. Irgendwie besonders, fremdländisch. Ich hätte nichts dagegen, wenn er den ganzen Tag nur meinen Namen murmeln würde. Wäre das nicht wundervoll?

Was hat er noch gesagt? Aufstehen? Nein, wohl eher nicht.

»Evelyn, bitte …«

Etwas bohrt sich in den steinernen Boden, direkt vor meiner Nase, und ich springe kreischend hoch, lande aber rücklings wieder auf dem Hintern. War das ein Pfeil?

Doch da steckt kein Pfeil im Boden. Es ist weiß und rechteckig. Ich lehne mich ein Stück vor, um es näher zu betrachten.

»Ist das … eine Karte?« Tatsächlich, es sieht aus wie eine gewöhnliche Skatkarte, nur ohne Beschriftung. Doch wie kann eine Spielkarte Stein beschädigen und im Boden stecken bleiben?

»Zurück!«, ruft Lucian und zerrt an meiner Schulter. Unsanft schlage ich mit dem Rücken auf den Boden und will mich gerade bei ihm beschweren, als eine weitere Karte im Boden steckt. Genau da, wo ich eben noch saß.

»Scheiße!«, fluche ich, mobilisiere meine letzten Reserven und komme auf die Füße. Ich greife nach meinem Schwert und ziehe es heraus, ohne es diesmal fallen zu lassen. Ich bin richtig stolz über diesen Fortschritt.

Lucian mustert meine Versuche mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Kannst du damit umgehen?« Die Zweifel in seiner Stimme sind nicht zu überhören.

»Aber sicher doch«, schnappe ich zurück, obwohl ich mir dessen überhaupt nicht sicher bin, doch das würde ich ihm gegenüber niemals zugeben. Immerhin halte ich das Ding am richtigen Ende und habe es noch nicht fallen lassen. Was will er also noch?

Er tritt neben mich, greift in die Ärmel seines Hemds und hält zwei gebogene Dolche in der Hand. Sie blitzen in der Sonne und sehen verdammt scharf aus.

Lucians Körper ist angespannt, als er die Umgebung nach unserem Angreifer absucht.

Als eine weitere Karte direkt neben meinem Kopf entlangfliegt und einen kleinen Windstoß hinter sich herzieht, kreische ich vor Schreck und lasse mein Schwert nun doch fallen.

Verdammter Mist, ich hätte mir eine andere Waffe bei Spielbeginn aussuchen sollen! Das blöde Ding ist einfach viel zu schwer und unhandlich für mich! Und ich mache mich hier total zum Affen, schon wieder …

»Die Nächste geht nicht daneben!«

Eine Stimme, ganz in der Nähe! Panisch drehe ich mich nach allen Seiten um, kann aber niemanden entdecken.

Mein Herz klopft mir bis zum Hals, doch ich versuche, die aufkommende Panikattacke niederzukämpfen. Ich verliere niemals während eines Spiels den Kopf! Entschlossen schlucke ich den Kloß in meinem Hals hinunter und stelle meine Füße ein Stück auseinander, um einen festen Stand zu haben. Mit einer theatralischen Geste – ja, Auftritt ist eben alles! – schleudere ich den Umhang von mir weg.

»Zeig dich, Feigling!«, rufe ich. »Stelle dich dem Zorn von Nemesis!«

Hach ja, ich habe mir so lange schon ausgemalt, das einmal zu sagen! Doch nie hat es wirklich gepasst. Nur mit Mühe kann ich ein zufriedenes Grinsen unterdrücken. Ich spüre, wie das Amulett an meinem Bauch vibriert, und das bringt mich kurz aus dem Konzept. Meine coole Fassade wankt und unser Angreifer nutzt genau diesen Augenblick für einen erneuten Angriff.

Eine weitere Karte sirrt umher und ich spüre ihren Luftzug im Gesicht, nachdem sie schon lange in den Baum hinter mir eingeschlagen ist. Mist, ich habe sie überhaupt nicht kommen sehen!

»Wen hast du denn da angeschleppt, Lucian?« Wieder diese Stimme, diesmal näher als eben. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf und ich habe keine Kontrolle mehr über meine Atmung. Das war’s mit der coolen Fassade!

Grinsend steckt Lucian die Dolche zurück in seine Ärmel und ich kann ihn nur mit offenem Mund anstarren. Will er mich jetzt hier allein gegen den Kartenwerfer kämpfen lassen?

»Du machst ihr Angst, Vincent«, sagt er mit einem spöttischen Seitenblick auf mich.

Lachend kommt ein junger Mann den Weg auf uns zugelaufen, der zur Tempelanlage führt.

Er trägt weite weiße Gewänder, die mich entfernt an die der Fuchsgöttin Gaia erinnern. Lange blonde Haare glitzern hell in der Sonne und fallen bis zu seinem Rücken hinab. Nur am unteren Ende sind sie zu einem Zopf zusammengefasst.

Direkt vor Lucian bleibt er stehen und reicht ihm die Hand. Soll das ein Scherz sein? Der Typ hat uns angegriffen und nun schütteln sie sich die Hände?

»Lange nicht gesehen«, sagt der Blonde. »Sag das nächste Mal Bescheid, wenn du jemanden mitbringst.«

Azurblaue Augen schauen zu mir herab und ich vergesse einen Moment zu atmen. Dieser Mann würde einen Vertrag bei jeder Modelagentur der Welt bekommen. Er hat dieses begehrte, leicht feminine Aussehen. Ihm fehlt Lucians ausgeprägte Rückenpartie, um männlich auszusehen, aber Blondie würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen.

Zwischen ihm und Lucian komme ich mir klein und unbedeutend vor. Minderwertig. Aber hey, das hier ist ein Spiel, da sehen die Gruppenmitglieder meistens fantastisch aus. Ich werfe einen Seitenblick auf Lucian. Er ist doch ein Gruppenmitglied, oder? Ohne Menü kann ich das nicht wirklich einsehen. Dämliche Fehlfunktionen …

»Es ist nicht, was du denkst, Vinc«, erklärt Lucian und wirft einen abfälligen Seitenblick auf mich. »Sie kommt nicht von hier und meint, dass ihr jemand mit Macht und Ansehen helfen kann.«

Der Blonde, Vincent, grinst mich breit an. »Dann bist du hier richtig! Nichts ist der Göttin Gaia näher als dieser Tempel. Wenn dir hier nicht geholfen werden kann, dann nirgendwo.«

Er streckt mir die Hand entgegen und ich ergreife sie zögernd. Mir entgeht nicht der scharfe Blick, mit dem Lucian mich beobachtet. Ich erinnere mich, wie sich Lucians Haut auf meiner angefühlt hat, an die Hitze, und will meine Hand zurückziehen, doch Vincent greift einfach danach und drückt sie.

Augenblicklich ist das überhebliche Grinsen aus seinem Gesicht verschwunden und er starrt auf unsere Hände. Das Prickeln ist zurück und schießt von meiner Hand hinauf über Ellenbogen und Schulter und will Besitz von meinem ganzen Körper ergreifen. Mein Blut kocht und pulsiert in meinen Adern, doch es ist nicht schmerzhaft, eher beflügelnd.

Vincent reißt seine Hand zurück und unterbricht die Verbindung. Kälte breitet sich in meinem Körper aus und mein Arm fühlt sich an, als würden viele kleine Nadeln hineinstechen.

Er schaut mit weit aufgerissenen Augen – ist das Panik in seinem Blick? – zu Lucian, der mit verschränkten Armen und düsterer Miene neben mir steht. Als Vincent den Mund aufmacht, schüttelt Lucian leicht den Kopf und Vincent klappt seinen Mund schnell wieder zu.

Er räuspert sich kurz und sagt: »Wir sollten hineingehen. Ich lasse ein paar Erfrischungen für uns bringen. Du siehst ziemlich fertig aus, wenn du mir diese unverblümten Worte gestattest.«

Gegen Erfrischungen hätte ich nichts einzuwenden. Der metallische Blutgeschmack ist zwar aus meinem Mund verschwunden, aber nach dem beschwerlichen Aufstieg herrscht darin gerade eine Trockenheit wie in der Sahara. Ich angle nach meinem Schwert, stecke das nutzlose Ding umständlich wieder zurück in die Scheide und lege den Umhang um meine Schultern.

»Zieh lieber die Kapuze über«, raunt Lucian, der direkt neben mir läuft. »Verstecke deine Haare. Sicher ist sicher.«

Als ich widersprechen will, begegne ich nur seinen silbernen Augen, die die Farbe einer Gewitterwolke angenommen haben. Da ich eigentlich nichts mehr will, als etwas zu essen und trinken und vor allem, mich zu setzen, tue ich wie geheißen und schlage die Kapuze hoch. Einige widerspenstige Haarsträhnen stopfe ich nach hinten und folge den beiden Männern den von blühenden Bäumen gesäumten Weg entlang zum Tempel.

 

***

 

Der Weg ist kurz – zum Glück! – und nach wenigen Minuten betreten wir einen kleinen, heimeligen Anbau direkt neben der imposanten Tempelanlage.

Die Bauweise ist in meinen Augen eine wilde Mischung aus griechischen und chinesischen Einflüssen. Ich sehe verzierte Steinsäulen, die die Eingänge säumen, und sich nach oben neigende Dächer. Überall stehen Bäume und Blumen in voller Blüte, die einen wundervollen Duft verströmen. Im Inneren setzt sich vor allem der chinesische Einfluss durch. Böden und Türen sind in Rot und Gold gehalten und aufwendig verziert.

Vincent weist auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes steht. »Setzt euch. Ich hole etwas zu trinken.«

Mit einem dankbaren Seufzer lasse ich mich auf den gepolsterten Stuhl fallen – von mir aus hätte es auch ein Stein sein können, so fertig bin ich – und strecke die Beine aus.

Nachdem ich mich dazu überwinden kann, die Augen wieder zu öffnen, entdecke ich Karten, die wild verstreut auf dem Tisch liegen, und greife danach.

»Sind das die Karten, mit denen er uns angegriffen hat?«, frage ich, während ich schon eine in der Hand habe und sie genau von allen Seiten untersuche. Sie ist flach und leicht mit einer glatten Oberfläche. Es ist definitiv kein Papier. Fühlt sich eher an wie eine Art Metall.

Die Tür öffnet sich und Vincent kommt beladen mit einem Tablett herein. Als er mich mit der Karte sieht, sagt er: »Pass auf! Die sind ziemlich …«

»Autsch!«

»  … scharf.«

Ich stecke den pochenden Finger in den Mund. Meine Güte, die Kanten sind ja rasiermesserscharf! Kein Wunder, dass sie sogar Stein durchschnitten haben. Ich schüttele die Hand, um das Pochen zu vertreiben, und beäuge dann die dicken Blutstropfen, die aus dem Schnitt hervorquellen.

»Das hättest du mir aber ruhig früher sagen können«, maule ich und puste.

Scheppernd knallt das Tablett zu Boden, Vincent ist mit zwei großen Schritten bei mir, wickelt ein Stück meines Umhangs um seine eigene Hand und packt anschließend mein Handgelenk. Ich versuche es ihm zu entwinden, aber sein Griff ist fest wie ein Schraubstock.

»Hey, was …«

Doch Vincent ignoriert mich völlig, starrt nur auf den Schnitt an meinem Finger. So schlimm ist die Verletzung ja nun auch nicht …

»Wusstest du das?«, fragt er Lucian, ohne den Blick von meiner Hand zu nehmen.

»Deshalb habe ich sie hergebracht«, antwortet Lucian, der an der Wand lehnt. »Wenn jemand eine Antwort darauf hat, dann du.«

Vincents Blick fällt auf die goldene Kette an meinem Hals und er verfolgt sie bis hinunter zum Amulett. Es ist mir unangenehm, von ihm so intensiv gemustert zu werden, und ich versuche meine Hand zu befreien, was allerdings nicht klappt.

Nachdem er eine Weile das Amulett angestarrt hat, wirft er Lucian einen Blick zu und nickt.

Er lässt meine Hand los, steht auf und richtet sein Gewand. »Folge mir«, sagt er und ich brauche einen Moment, bis ich merke, dass er mich meint. Schon wieder aufstehen? Aber was ist mit Essen und Erfrischungen? Verwirrt und missmutig folge ich ihm aus dem Zimmer hinüber in den Haupttempel.

Was sollte dieses komische Verhalten eben? Warum machen alle so eine Welle wegen meiner Haarfarbe? Und was ist an schnödem roten Blut so besonders? Und warum zum Teufel kann mich keiner von ihnen sitzen sehen?!

Sosehr ich auch die Antworten auf diese Fragen haben will, darf ich nicht mein eigentliches Ziel aus den Augen verlieren: mich endlich aus diesem gottverdammten Spiel auszuloggen.

Sicherlich ist es schon fast Morgen. Ich habe Ende der Woche ein wichtiges Spiel gegen die Nummer zwei der Weltrangliste und müsste eigentlich jede freie Minute nutzen, um mir seine Taktiken einzuprägen, anstatt durch diese blöde, verbuggte Fantasywelt zu stapfen.

Ich werfe einen Blick nach vorn, wo Vincent läuft, und dann nach rechts, wo sich Lucian neben mir hält. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Hell und dunkel, überheblich und mürrisch. Wie Yin und Yang. Und beide total heiß. Na ja, wenigstens ist die Gesellschaft des Spiels gut. Nicht auszudenken, wenn alle hier so aussehen würden wie Bowser oder Ganondorf! So hab ich wenigstens was fürs Auge, auch wenn es nur Programme sind.

Die Eingangshalle des Tempels ist riesig und prunkvoll. In der Mitte steht eine bestimmt zwanzig Meter große Statue der Göttin Gaia. Um sie herum sind vier große, runde Schalen, in denen Feuer brennen, aufgereiht.

Vor der Statue bleibt Vincent stehen und dreht sich zu mir um. Nachdem er mich eine Weile mit schief gelegtem Kopf gemustert hat, schnippt er mit dem Finger und sogleich kommt ein Junge angelaufen, der sich vor ihm verneigt.

»Wie ist dein Name, Mädchen?«, fragt Vincent mich mit reglosem Gesichtsausdruck. Das macht mir irgendwie Angst, denn vorhin habe ich ihn als freundlichen, wenn auch etwas übermütigen Gesellen kennengelernt.

»Evelyn«, antworte ich und bin froh, dass meine Stimme fest klingt.

»Berühre die Hand dieses Novizen, Evelyn«, weist er mich an und ich schaue unsicher zu dem Jungen. Als ich Lucian und Vincent berührt habe, durchfloss mich zwar ein belebendes Gefühl, aber die beiden sahen dabei alles andere als glücklich aus. Haben sie Schmerzen gehabt? Auch wenn es nur ein Spiel ist, möchte ich diesem Kind keinen Schaden zufügen.

Doch der Junge streckt mir die Hand entgegen und schaut mit großen Augen zu mir auf, also lege ich nach kurzem Zögern meine Hand in seine. Lucian kommt einen Schritt näher, steht jetzt direkt neben mir und zum ersten Mal nehme ich den Duft wahr, der von ihm ausgeht. Ich kann ihn nicht einordnen … Etwas Frisches, wie eine südländische Frucht. Orangen? Ananas? Nein … Irgendwas anderes … Ich komme nicht drauf … Aber er riecht verdammt toll!

Vincents Worte reißen mich aus meinen Gedanken. »Danke, Novize.«

Der Junge lässt meine Hand los, verbeugt sich und verschwindet durch eine Seitentür des Tempels. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich überhaupt nicht mitbekommen habe, ob und was gerade passiert ist. Mist!

Ich werfe einen unsicheren Blick zu Lucian, der sich wieder von mir entfernt hat und mit verschränkten Armen und versteinerter Miene an einer Säule lehnt. Warum tut er auf einmal so desinteressiert? Von ihm habe ich keine Hilfe zu erwarten. Warum schaue ich ihn dann immer wieder an? Doch auch Vincent sieht eher unglücklich als zufrieden aus. So als hätte sich sein schlimmster Verdacht bestätigt. Keine Spur mehr von dem überheblichen Lächeln, das er bisher zur Schau gestellt hat.

»Kann mir nun mal jemand sagen, was hier eigentlich los ist?«, verlange ich mit mehr Schärfe als beabsichtigt in meiner Stimme.

»Woher hast du das Amulett, das du da trägst?«, fragt Vincent und ignoriert meine Frage.

Ich nehme den runden Anhänger in beide Hände und streiche mit dem Daumen über den roten Stein in der Mitte. Soll ich ihm die Wahrheit sagen? Ich kaue auf der Unterlippe, während ich das Für und Wider abwäge.

Würden sie mir glauben, wenn ich ihnen erzähle, dass sie alle nur Programme in einem Spiel sind? Wohl eher nicht. Also beschließe ich, so nah wie möglich an der Wahrheit zu bleiben, ohne die Grundfesten ihrer Welt zu erschüttern.

»Ich bin aus einem Land, das niemand von euch kennt. Eines Tages erschien die Göttin Gaia vor mir und erzählte mir, dass sie mich auserwählt hätte, sie aus ihrem langen Schlaf zu erwecken. Sie gab mir dieses Amulett als Unterstützung.«

Ich sehe, wie Vincent hart schluckt und nervös mit dem Ende seines blonden Zopfes spielt. »Und dann?«

Ich zucke mit den Schultern. »Dann bin ich in dieser Welt aufgewacht und ihm«, ich deute mit dem Daumen auf Lucian, »über den Weg gelaufen. Den Rest kennst du.« Unser Intermezzo mit dem Hurenwirt verschweige ich lieber, doch ich mache mir eine mentale Notiz, Lucian deswegen noch kräftig vors Schienbein zu treten.

Vincent blickt zu Lucian und eine Vielzahl von Regungen huscht über sein Gesicht, so schnell, dass ich keine einzelne davon ausmachen kann. Hoffnung, Angst, Wut wechseln sich innerhalb eines Wimpernschlags ab.

»Hat die Göttin dir auch gesagt, wie du sie erwecken sollst?«, fragt Lucians tiefe Stimme hinter mir. Ich habe sie so lange nicht gehört, dass sie mir einen leichten Schauer über den Rücken jagt.

Ich runzele die Stirn und denke nach. »Sie hat irgendwas von Wächtern gefaselt, die ich finden muss.«

»Sie kann es nicht sein, Vinc. Schau sie dir an! Sie kann nicht einmal ein Schwert halten.«

Wütend drehe ich mich zu Lucian um, denn ich weiß genau, über wen er redet: mich. Und das macht mich richtig sauer! Was kann ich denn dafür, wenn mir dieses blöde Spiel nicht zumindest einen Grundskill im Schwertkampf zugedenkt? Soll ich mir das etwa selbst beibringen?

Vincent schüttelt den Kopf. »Sie ist sicher nicht das, was wir erwartet haben. Aber, Luc, du hast es auch gespürt, als du sie berührt hast, oder?«

»Das Feuer«, wispert Lucian.

Vincent nickt. »Als würden Flammen durch unsere Körper rauschen. Ich habe davon gelesen, aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass es sich so … stark anfühlt. Und dass es ausgerechnet in unserer Zeit passiert.«

»Ähm, hallo?« Ich winke in die Runde. »Ich bin auch noch da.« Die beiden Männer schauen mich an, als sähen sie mich zum ersten Mal. »Kann mir bitte einer von euch endlich sagen, was hier zum Donnerwetter los ist?«

Lucian wendet sich mit einem Schnauben ab und stampft Richtung Ausgang. Ich sehe ihm nach und würde am liebsten etwas nach ihm werfen. Etwas Schweres, Hartes. Oder Spitzes. Kurz kommt mir mein Schwert in den Sinn, aber bei meinem »Können« würde ich mir noch eher die eigene Hand abhacken.

»Sei ihm nicht böse, Evelyn. Es ist alles ein bisschen viel auf einmal.« Es wundert mich, dass Vincent ihn in Schutz nimmt, doch ich sage nichts dazu. »Ich werde nun versuchen, dir alles zu erklären, soweit es mir möglich ist. Die Göttin Gaia herrscht über die Welt Mareia und die Menschen. Ihr Element ist die Erde. Neben uns gibt es noch das Luftvolk hoch oben im Himmel und das Wasservolk in den Tiefen des Ozeans. Auch sie beten ihre eigenen Gottheiten an und ihre Elemente sind, wie unschwer zu erraten, Luft und Wasser.«

Ich nicke. Klingt logisch. Also drei verschiedene Völker und Elemente. Fehlt nur noch eines.

»Feuer«, murmele ich und Vincent grinst mich an.

»Richtig. Das Luftvolk beherrscht die Winde, das Wasservolk kann dem Wasser gebieten.«

»Und was macht ihr? Habt ihr auch so coole Fähigkeiten? Kontinentalverschiebungen oder Erdbeben oder so was?« Was wäre denn ein Fantasyspiel ohne Magieskills? Nur leider sehe ich bei mir weder einen HP-Balken noch eine Leiste für Mana oder eine andere magische Ressource.

Vincent schaut mich an, als wären mir plötzlich drei Hörner gewachsen, und ich schließe lieber schnell meinen Mund, ehe noch mehr Blödsinn herauskommt.

»Ähm, nein. Wir haben keine … coolen … Fähigkeiten.« Er spricht das Wort so aus, als hätte er es noch nie gehört. »Die Erde ist starr. Wenn wir sie befehligen würden, bestünde die Gefahr, dass wir die Göttin selbst verletzen. Wind und Wasser sind da wandelbarer, aber nicht die Erde.«

»Ihr habt also … nichts?«

Warum gerate ich bitte an das langweiligste Volk? Nicht nur, dass ich keine Nahkampfskills habe, nun gibt es hier nicht einmal Magie! Dieses Spiel ist echt zum Kotzen! Ich will mich endlich ausloggen und nie wieder hierher zurückkehren!

»Vor Tausenden von Jahren brach Krieg zwischen den Völkern aus.«

»Lass mich raten«, falle ich ihm ins Wort. »Luft und Wasser haben die Erde plattgemacht?«

Vincent ringt eine Weile um Worte. »Ja, so in etwa. Sie trugen ihre Kämpfe auf der Erde aus und zerstörten weite Teile der Welt. Unsere große Mutter, die Göttin Gaia, konnte nicht länger mit ansehen, wie ihre Welt und ihre Kinder litten und starben. Also brachte sie uns eine Waffe.«

»Wie soll man denn mit einer Waffe gegen Luft und Wasser kämpfen?« Stirnrunzelnd schaue ich auf mein Schwert. Unmöglich, damit einen Windstoß zu zerschneiden.

»Es handelte sich nicht um eine Waffe aus Stahl oder Holz«, unterbricht Vincent meine Überlegungen. »Sondern um das letzte Element.« Er tritt einen Schritt zur Seite und deutet auf die prasselnde Feuerschale hinter sich.

»Feuer?«, frage ich verwirrt. »Wasser schlägt Feuer. Das weiß jeder, der mal Pokémon gespielt und sich zu Beginn für Glumanda entschieden hat. Knuffig, aber nutzlos gegen Schiggy.«

Er blinzelt mehrmals. »Ich habe zwar keine Ahnung, was dieses Pokémon ist, aber ich kann dir versichern, dass das Feuer unsere ultimative Waffe ist. Kein anderes Volk kann über die Flammen gebieten. Wind kann es anfachen und ausbreiten, aber nicht beherrschen. Unser Feuer brennt so heiß, dass es selbst das Wasser verdampfen lassen kann.«

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie so eine popelige Fackel gegen den Atlantischen Ozean in die Schlacht zieht, und muss darüber grinsen.

»Okay«, sage ich, nachdem ich mich wieder gefangen habe. »Ihr habt also mit Feuer gegen Luft und Wasser gekämpft. Wo ist das Problem? Warum macht ihr das nun nicht wieder so?«

»Für den Kampf können wir natürlich kein normales Feuer nehmen wie das, was du vor dir siehst. Wir können als einziges der drei Völker zwar Feuer erschaffen, aber um mit ihm zu kämpfen, benötigen wir ein Medium.«

Und plötzlich habe ich eine ganz, ganz miese Vorahnung …

»Immer dann, wenn der Krieg der Elemente seinen Höhepunkt erreicht, schickt uns unsere große Göttin einen Hüter des Feuers, der in der Lage ist, selbst zu der Flamme zu werden, die uns den Sieg bringt.«

Vincent schaut mich an, als sollte ich ihm dafür applaudieren. Irgendwie ist sein blauer Hundeblick ja ganz niedlich, außer wenn er so wirres Zeug über Feuer und ein Medium und Kriege redet. Das will ich lieber nicht hören.

»Und du glaubst, dass ich diese Hüterin bin.«

»Deine Haare und dein Blut – beides ist rot wie Feuer. Und dann ist da noch dieses Gefühl, wenn ich dich berühre. Du musst es einfach sein!« Er strahlt wie ein Kind unter’m Weihnachtsbaum, das gerade die größten Geschenke auspackt.

»Warum ist die Farbe meiner Haare und meines Blutes so besonders? Da, wo ich herkomme, hat jeder rotes Blut. Na gut, rote Haare sind auch dort nicht ganz so weit verbreitet, aber zumindest nichts, was mich sofort zu einer Hüterin abstempelt.«

Vincent greift in seinen breiten Stoffgürtel und holt eine seiner Karten hervor. Ohne mit der Wimper zu zucken drückt er sich die rasiermesserscharfe Kante in die Handfläche, bis Blut hervorquillt. Ich schreie kurz auf und will ihn davon abhalten, erstarre dann aber.

Da ist nichts Rotes in seiner Handfläche. Die Flüssigkeit, die aus der Wunder herausläuft, ist dunkel, fast schwarz.

Seine verletzte Hand schnellt vor und ehe ich reagieren kann, hat er meine Hand gepackt. Igitt, jetzt habe ich sein schwarzes Alienblut auch an mir! Doch dann durchfährt mich wieder diese prickelnde Hitze, die alle negativen Gefühle verdrängt, und ich schließe genüsslich die Augen.

Ich lande erst wieder im Hier und Jetzt, als er meine Hand loslässt und mir seine zeigt. Ich brauche ein paar Sekunden, bis mein Blick wieder klar ist, doch ich kann das, was ich sehe, nicht glauben. Der Schnitt, aus dem vor wenigen Augenblicken noch schwarzes Blut floss, ist verschwunden. Nicht einmal eine Narbe oder ein roter – oder müsste es ein schwarzer sein? – Striemen ist zurückgeblieben!

»Wenn ich noch an dir gezweifelt hätte, wäre ich jetzt überzeugt«, sagt Vincent grinsend, während ich nur ungläubig meinen Mund öffnen und schließen kann.

Okay, ich bin in einem Spiel, aber ich habe nirgends angegeben, dass ich einen Heiler spielen will. Wieso habe ich also anstatt meiner gewünschten Schwertskills heilende Kräfte?

Vincent tritt nahe an mich heran. Zu nah. Ich kann seinen Atem auf meinem Gesicht spüren, als er sich ein Stück zu mir hinunterbeugt, aber ich stehe wie versteinert da und schlucke hektisch. Seine plötzliche Nähe macht mich nervös und ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Einen Schritt zurückzuweichen, kommt für mich nicht infrage. Dazu habe ich viel zu lange gebraucht, um mich in einer Männerdomäne zu behaupten. Also recke ich das Kinn und begegne seinem Blick. Was kann schon passieren?

Sekunden später habe ich die Antwort. Viel kann passieren.

Ich weiß nicht, ob er es als Einladung aufgefasst hat, doch ohne Vorwarnung presst er seine Lippen auf meine. Erst sanft, dann fester, und ich spüre auch, wie kurz seine Zunge hervorblitzt und über meine Unterlippe fährt.

Erschrocken schnappe ich nach Luft. Nicht wegen der Dreistigkeit, mit der dieser Schönling mich überrumpelt hat. Auch nicht, weil ich schon seit … Monaten? Jahren?? … keinen Mann mehr auf diese Weise geküsst habe, ohne dass etwas Körperliches im Spiel war.

Sondern wegen der Flammen, die ausgehend von meinen Lippen auf ihn überspringen und unsere Körper versengen. Halt suchend kralle ich mich an seinem Gewand fest, weil sonst meine Knie einfach unter mir nachgegeben hätten. Ich lehne mich in diesen Kuss, koste das Brennen zwischen uns aus, das durch meine Adern pulsiert und mich in ungeahnte Höhen trägt.

Ich stehe in Flammen.

Ich brenne.

Und ich fühle mich mächtiger als jemals zuvor.

Ein heißes Pulsieren nach dem anderen jagt mit Hochgeschwindigkeit durch meinen Körper, als sich unsere Zungen berühren. Fast kann ich den Rauch des Feuers riechen und schmecken, doch ich weiß, dass all das eine Einbildung ist. Und doch fühle ich mich, als würde ich schweben.

»Das reicht!«

Eine Stimme hallt durch den Tempelsaal und erschrocken weiche ich von Vincent zurück. In dem Moment, als sich unsere Lippen voneinander lösen, verschwindet auch der Zauber. Mein Körper wird wieder von der Erdanziehungskraft angezogen, fast niedergedrückt, und eine eisige Kälte lähmt meine Glieder. Das Gefühl des Schwebens ist verschwunden.

Ich sacke auf die Knie und nehme alles um mich herum wie in Watte gepackt wahr.

Beine erscheinen vor meinen Augen und erst nach einer Weile kann ich sie Lucian zuordnen, der vor mir steht und wütend auf Vincent einredet. Ich höre seine Worte zwar, doch erst nach einer Weile und mit viel Konzentration ergeben sie einen Sinn.

»Bist du wahnsinnig?«, schreit Lucian und packt Vincent vorn am Gewand. »Willst du sie umbringen? Du siehst doch, dass sie noch nicht so weit ist!«

Vincent lacht. Laut und abgehackt. In seinen Augen flackert etwas auf, das ich nicht zuordnen kann. »Das war … unglaublich! Diese Kraft! Diese unvorstellbare Kraft! Und das war noch längst nicht alles. Wenn du uns nicht unterbrochen hättest …«

Ich höre einen dumpfen Aufschlag, ein Knacken, einen Wimpernschlag später geht Vincent neben mir zu Boden und reibt sich mit dem Handrücken über den Mund, aus dessen Winkel schwarzes Blut quillt.

»Sie hätte sterben können!«, schreit Lucian.

Vincent wirft mir einen Blick zu und fängt dann wieder schallend an zu lachen. Erneut packt Lucian ihn und zerrt ihn zurück auf die Füße.

»Beruhige dich«, bringt Vincent zwischen seinen Lachanfällen hervor. »Sieh sie dir an.«

Lucian hält inne – wollte er ihn gerade wieder schlagen? – und hockt sich vor mich. Nur undeutlich kann ich ihn erkennen. Mein Blick huscht hin und her und alles sieht für mich aus, als würde ich es durch eine vereiste Scheibe betrachten. Meine Arme hängen nutzlos und schwer an mir herab und nur mit Mühe kann ich meinen Kopf oben halten. Am liebsten würde ich mich einfach hier ausstrecken, schlafen und nie wieder aufwachen.

»Ihre Augen«, zischt Lucian und schaut wieder zu Vincent.

Dieser nickt. »Sie ist es, Luc! Sie ist die Hüterin! Ist das nicht großartig?«

Doch Lucian sieht gar nicht so erfreut aus wie Vincent und irgendwo zwischen Nebel und Watte, die meinen Kopf belagern, frage ich mich, warum das so ist.

 

Kapitel 4

 

Etwas Nasses läuft meine Schläfen hinab und weckt mich. Qualvoll langsam hebe ich die Lider. Sie fühlen sich an, als seien sie zentnerschwer, mit noch zusätzlichen Gewichten, die sie wieder nach unten ziehen. Meine Augen brennen höllisch, als ich die Lider auch nur einen Spaltbreit öffne. Zu viel Licht. Also kneife ich sie schnell wieder zu.

»Bist du wach?«, höre ich eine Stimme neben mir. »Kannst du mich hören, Evelyn?«

»Eve«, murmele ich und es klingt undeutlich.

»Was?«

»Niemand nennt mich Evelyn.«

Na ja, bis auf meine Eltern. Die würden mich auch bei meinem vollen Namen rufen, wenn ich einen Doppel- oder Dreifachnamen hätte.

Meine Stimme klingt kratzig und fremd und das Sprechen fällt mir schwer. Am liebsten würde ich mich unter einem Berg von Decken vergraben und nie wieder hervorkommen.

»Kannst du dich aufsetzen?«, fragt die Stimme wieder.

Kann sie nicht einfach verschwinden und mich in meinem schwarzen Nichts allein lassen? Irgendwie hat mir das sehr viel besser gefallen.

»Bitte, sprich mit mir! Schlaf nicht wieder ein!«

Ich runzele die Stirn. Bitte verschwinde endlich! Doch ich tue trotzdem, wie mir geheißen, und stemme den Oberkörper mit den Armen ein Stück nach oben.

Sofort wird ein weiteres Kissen zur Stabilisation hinter meinen Rücken geschoben, in das ich dankbar sinke. Es ist weich wie eine Wolke und duftet himmlisch frisch.

Ich versuche noch einmal, die Augen zu öffnen, und diesmal klappt es etwas besser, auch wenn sie immer noch so sehr brennen, dass sie sofort anfangen zu tränen.

»Was ist passiert?«, wispere ich und nehme den feuchten Lappen von der Stirn und wische dann mit der Hand darüber, um die letzten Wassertropfen zu beseitigen.

»Du bist zusammengebrochen und hast fast zwei Tage lang geschlafen«, erklärt Lucian, der neben meinem Bett sitzt.

Alarmiert schrecke ich hoch und bin mit einem Mal hellwach. Zwei Tage?! Verdammte Scheiße! Und ich bin immer noch in diesem blöden Spiel! Wenn die Zeit hier genauso verläuft wie in der richtigen Welt, dann habe ich meinen wichtigen Kampf und das Training verpasst. Meine Finger jucken vor Verlangen, auf irgendwas Wehrloses einzuprügeln.

Lucian reicht mir ein Glas Wasser und als ich nicht sofort danach greife, hält er es mir direkt unter die Nase. »Ich bringe dir gleich etwas Brühe. Du musst dringend etwas essen, aber wir lassen es lieber langsam angehen. Du hast dich zu stark verausgabt.«

Er erwähnt nicht wobei und dafür bin ich ihm dankbar, ansonsten wäre ich vor Scham wohl im Boden versunken. Was ist nur los mit mir? Warum habe ich diesen Kuss mit einem Wildfremden so genossen und mich nicht gegen seine Berührungen gewehrt? Auch wenn das hier ein Spiel ist, muss ich mich nicht verhalten wie ein notgeiles Flittchen!

Aber dieses Gefühl! Diese Macht, die mich durchströmt hat … Ich würde wieder ganz genauso handeln, wenn ich in derselben Situation wäre. Nicht weil ich den Kuss genossen habe – okay, das auch –, sondern weil ich mich nach dem Feuer sehne.

Und das macht mir Angst. Das bin nicht ich. Das ist irgendeine abstruse Version von mir, die ganz anders agiert, als ich es je in der wirklichen Welt tun würde. Vielleicht ist genau das der springende Punkt. Hier in dieser Spielwelt muss ich mich nicht den strengen Normen unterwerfen, die mir meine Eltern jahrelang eingetrichtert haben. Hier darf ich Küsse mit Fremden genießen, ohne dass es eine Bedeutung haben muss. Ohne dass ich mich darum scheren muss, welchen Eindruck andere von mir haben – denn sie sind nichts weiter als Programme.

Ein Teil der Anspannung fällt von mir ab. Der Druck, in den Augen meiner Eltern nicht völlig zu versagen, und meinen dritten Platz gegen jeden verteidigen zu müssen – nichts davon ist hier von Bedeutung. Ich muss mich nicht verstellen und andere von meinem Wert überzeugen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt in einer ähnlichen Situation war, und ich weiß auch noch nicht, ob mir diese Ruhe in mir gefällt. Ich bin es gewohnt, immer beobachtet zu werden – online wie offline –, dass ich vergessen habe, wer ich wirklich bin. Wer ich sein möchte.

Ich nippe am Wasser und gebe das Glas an Lucian zurück. Er achtet sehr genau darauf, meine Finger nicht zu berühren, als er es mir abnimmt und wegstellt.

Unangenehmes Schweigen senkt sich über uns und mein Blick huscht nervös durchs Zimmer. Ich schaue alles an, nur nicht Lucian. Meine Finger puhlen rastlos an irgendwelchen Fädchen in der Bettdecke.

Sie halten mich für ihre Hüterin, ihre Retterin, doch so etwas bin ich nicht. Ich will keine Fuchsgöttin erwecken oder einen Krieg beenden, der mich rein gar nichts angeht. Ich will doch nichts anderes, als mich endlich aus diesem Spiel auszuloggen!

Ein verstörender Verdacht beginnt an mir zu nagen, und auch wenn ich versuche, ihn aus meinem Kopf zu verbannen, ist er doch sofort wieder da. Was, wenn ich mich erst ausloggen kann, wenn ich das Spiel gewonnen und meinen Zweck als Hüterin erfüllt habe?

Aber das würde ja ewig dauern! Stöhnend stütze ich den Kopf in die Hände.

»Alles in Ordnung?«, fragt Lucian und ich freue mich über den Hauch von Sorge in seiner Stimme. Gilt sie mir oder dem, was ich bin? Doch diese Frage ist müßig. Er hat deutlich klargemacht, was er über mich denkt, als wir hier ankamen. Wenn überhaupt, macht er sich nur Sorgen um die Hüterin, die er in mir sieht.

»Alles okay«, versichere ich ihm und bringe sogar ein schwaches Lächeln zustande. Er beäugt mich kritisch, als würde er damit rechnen, dass ich jederzeit Amok laufen könnte. Ja, wahrscheinlich sehe ich gerade nicht sonderlich zurechnungsfähig aus … Etwas Wasser und ein Kamm würden bestimmt Wunder wirken und mich endlich wach machen. »Kann ich hier irgendwo baden?«

»Ich werde dir jemanden schicken. Vielleicht solltest du danach auch weniger auffällige Kleidung tragen.« Er wirft meinen Klamotten einen zweifelnden Blick zu, ehe er aufsteht und zur Tür geht. »Es wird gleich eine Priesterin zu dir kommen, die dir hilft und dir alles zeigt. Bleib bitte solange liegen.«

Seine Sorge wärmt mein Herz und nun lächele ich ehrlich. Egal, ob er mich nur als Hüterin sieht. Es tut so unendlich gut, ein paar nette Worte zu hören. Zufrieden sinke ich in die weichen Kissen zurück und nutze den Moment des Alleinseins, um mich im Zimmer umzusehen.

Es ist klein aber prunkvoll und wird von dem riesigen Bett dominiert, in dem ich liege. Ein Schrank und eine Sitzgruppe mit drei Stühlen – von denen einer neben dem Bett steht – sind die einzigen Möbel.

Gerade als ich wieder wegdämmere, klopft es leise an der Tür.

»Herein!«, rufe ich und muss mich sofort räuspern, da meine Stimme versagt.

Eine blonde junge Frau steckt den Kopf ins Zimmer. »Bitte entschuldigt, dass ich so lange gebraucht habe, Hüterin.« Sie tritt ein und schließt die Tür hinter sich. Auf ihren Armen trägt sie weiße Wäsche, die sie ans Fußende des Bettes legt. »Ich habe Euch frische Gewänder gebracht.«

Sie steht direkt vor mir und schaut mich abwartend an. Meine Zeit im bequemen Bett ist offenbar vorbei. Seufzend schlage ich die Decke zurück und schwinge die Füße über den Rand.

»Wie heißt du?«, frage ich, als sie schon beginnt, mir das Shirt über den Kopf zu ziehen.

Sie blinzelt und starrt auf meinen BH, als sie antwortet: »Mein Name ist Gwen, Hüterin.«

Ich greife selbst nach hinten und öffne den Hakenverschluss. Geschäftig entledigt mich Gwen sämtlicher Kleidungsstücke, während ich krampfhaft versuche, mich mit beiden Armen zu bedecken. Ich bin zwar nicht mit sonderlich viel Schamgefühl gesegnet, was mir hier zugutekommt, aber von einer wildfremden Frau ausgezogen zu werden, ist doch etwas anderes. Andererseits bin ich froh über ihre Hilfe. Ich weiß nicht, ob ich mein Gleichgewicht hätte halten können, wenn ich mich hätte vorbeugen müssen. Meine Muskeln, besonders an Armen und Rücken, schmerzen noch immer höllisch und machen jede Bewegung zur Qual.

Stirnrunzelnd legt Gwen meine Jeans, die Strümpfe und Unterwäsche zusammengefaltet auf einen Stuhl und reicht mir dann eine Art weißen Morgenmantel, in den ich schnell schlüpfe. Vorne wird er mit einem einfachen Gürtel zusammengebunden.

Die junge Priesterin geht zur Tür und hält sie mir auf. »Bitte folgt mir nun, Hüterin.« Ich trete nach draußen in einen langen Korridor und folge Gwen.

Jeder Schritt ist schlimmer als der vorherige. Meine Beine fühlen sich an, als wäre ich einen ganzen Marathon in weniger als zehn Minuten gelaufen. Ich habe Schmerzen an Stellen, wo ich nicht einmal wusste, dass ich da Muskeln habe, doch ich beiße die Zähne zusammen und lasse mir nichts anmerken. Die Aussicht auf heißes Wasser, das meine starren Muskeln lockert, treibt mich an. Ich danke Gwen im Stillen dafür, dass sie sich meinen langsamen Schritten anpasst, sodass es nicht ganz so wehleidig wirkt, wie ich mich hinter ihr herschleppe.

Wir steigen einige Treppen hinab und befinden uns nun unter der Erde, wenn mich mein Orientierungssinn nicht komplett im Stich gelassen hat. Die Böden bestehen nicht mehr aus spiegelndem Marmor, sondern aus normalem, glatt gehauenen Stein, und auch die Wände sind schmucklos und nicht so, wie ich sie aus der Tempelanlage kenne.

Gwen schiebt einen Vorhang beiseite und deutet mit der Hand nach drinnen. Zögernd gehe ich an ihr vorbei und finde mich in einer Höhle wieder. Boden und Wände sind aus rohem Stein. In der Mitte liegt ein See, aus dem Dampfwolken aufsteigen.

Eine heiße Quelle!

Im Gehen streife ich den Morgenmantel ab und sinke wohlig seufzend in das warme Nass. Das Wasser ist heiß und meine Haut rötet sich sofort. Hier drin könnte man sicher Eier kochen, doch es stört mich nicht. Meine Gliedmaßen fühlen sich an wie Gummi, als ich sie endlich ausstrecke, und die Schmerzen sind verschwunden. Ich lehne mich an den Rand und schließe die Augen.

Leise tritt Gwen hinter mich und beginnt, eine Flüssigkeit, die entfernt wie Eukalyptus riecht, in meine Haare einzumassieren. Das nenne ich mal Service! Ob ich die Kleine mit nach Hause nehmen kann?

Als sie fertig ist, tauche ich unter und spüle es ab. Ich fühle mich augenblicklich wie neu geboren.

»Ihr solltet jetzt rauskommen, Hüterin«, sagt Gwen und hält ein weißes Tuch hoch. »Der heiße Dampf schadet Euch, wenn Ihr zu lange darin verweilt.«

Ich will widersprechen, doch ich merke bereits, wie mir ein bisschen schwindelig wird und folge ihrer Bitte. Sobald ich aus der Quelle geklettert bin, legt sie das Tuch um mich und beginnt, mich trocken zu rubbeln.

»Ich kann das selbst«, werfe ich ein, als sie kurz vor den etwas delikateren Stellen ist, doch Gwen schüttelt den Kopf, während sie vorsichtig an meinen Haaren tupft.

Als sie der Meinung ist, ich sei jetzt trocken genug – ich hatte schon Angst, dass sie mir die Haut mit abschabt, so gründlich war sie! –, schlüpfe ich wieder in den Morgenmantel.

»Ich habe bereits richtige Kleidung in Euer Gemach bringen lassen.«

Ich folge Gwen erneut durch die Gänge des Tempels zurück zu dem Zimmer, in dem ich aufgewacht bin. Die Priesterin hilft mir dabei, die fremdartige Kleidung anzuziehen, die auf meinem Bett liegt.

Eine enge braune Lederhose schmiegt sich wie eine zweite Haut um meine Beine. Darüber kommt eine Art weißes Leinenhemd, das mir bis zur Mitte der Oberschenkel reicht und in meiner Taille von einer Lederkorsage zusammengehalten wird. Fingerlose Handschuhe aus dem gleichen Material vervollkommnen mein neues Aussehen.

Mit flinken Fingern bändigt Gwen meine roten Haare und flechtet einige Strähnen an den Schläfen nach hinten. Den Rest lässt sie offen über meinen Rücken hängen.

Ich habe erwartet, dass ich mich in der engen Hose und den Lederhandschuhen kaum bewegen kann, bin aber erstaunt, wie biegsam und anpassungsfähig das Material ist. Auch die Korsage behindert mich nicht. Was hatten die Frauen nur damals? Ich kann in dem Ding perfekt atmen.

Das Amulett der Göttin berührt Gwen nicht und so hänge ich es mir selbst um den Hals, wo es knapp über dem Bauchnabel baumelt. Zu guter Letzt schlüpfe ich in halbhohe Stiefel, die so gut passen, als seien sie extra für mich angefertigt worden.

Mit geschürzten Lippen betrachtet mich Gwen von oben bis unten und nickt schließlich zufrieden.

»Der Hohepriester erwartet Euch«, teilt sie mir mit und eilt zur Tür, um sie mir wieder aufzuhalten.

»Welcher Hohepriester?«, frage ich verwirrt.

»Vincent, der Hohepriester der Göttin Gaia«, erklärt Gwen.

Natürlich, wer auch sonst? Blondie, den ich vor ein paar Tagen – mir kommt es zwar nur wie Minuten vor, aber egal – geküsst habe. War ja klar, dass ausgerechnet er der Hohepriester sein muss … Ich habe gehofft, dieses Treffen noch ein bisschen hinauszögern zu können. Doch warum schäme ich mich? Schließlich hat er mich geküsst. Okay, ich habe ihn zurückgeküsst, aber das ist  …

Ach, verdammter Mist! Wahrscheinlich bin ich nur aus der Übung, was Männer und das ganze Drumherum angeht, das muss es sein. Ich verhalte mich einfach ganz normal und lasse mir nichts anmerken. Wahrscheinlich bringt er diesen Kuss überhaupt nicht zur Sprache.

Ich straffe die Schultern und folge Gwen.

 

***

 

Als ich im Saal mit der Göttin-Statue stehe, bin ich ein nervliches Wrack.

Wie soll ich mich verhalten, wenn er mich darauf anspricht? Soll ich es mit einer Handbewegung abtun oder mit ihm darüber reden? Aber was soll ich sagen? Dass es nichts Ernstes ist und er sich keine Hoffnungen machen soll? Wie blöd ist das denn bitte?

Es ist zum Haareraufen! Warum bringt mich dieser dämliche Kuss so aus der Fassung? Ja, okay, es war kein dämlicher Kuss, ganz und gar nicht, aber trotzdem! Warum geht er mir nicht aus dem Kopf?

»Evelyn!«, höre ich eine Stimme hinter mir und erstarre. Meine Bewegungen sind wie die eines Roboters, als ich mich umdrehe und Vincent, dem blonden Hohepriester, gezwungen zulächele.

»Gut siehst du aus!«, lobt er mein neues Outfit und ich nicke. Er bringt den Kuss nicht zur Sprache, sehr gut! Jetzt muss ich mich nur irgendwie natürlich benehmen. »Luc wartet schon auf uns. Folge mir bitte.«

Wenn Lucian auch dabei ist, werde ich einem peinlichen Gespräch sicher aus dem Weg gehen können. Allmählich entspanne ich mich und auch mein Herz schlägt nicht mehr wie nach einem Dauerlauf. Warum habe ich mir solche Sorgen gemacht?

Ich runzele die Stirn, während ich Vincents schmalen Rücken betrachte. Nein, der Mann an sich wirkt keinerlei Anziehungskraft auf mich aus. Vincent ist so gar nicht mein Typ. Zu hell, zu fröhlich, zu androgyn. Ich stehe da schon eher auf die dunkleren, undurchsichtigen Kerle, was mir schon den ein oder anderen Herzschmerz beschert hat. Lag es also doch an dieser Kraft, die zwischen uns aufbrandete, dass ich diesen Kuss einfach nicht vergessen kann und mich nach mehr sehne?

Vincent bringt mich in einen Raum, der direkt an den Saal angrenzt. Auch hier stehen vier Feuerschalen, allerdings sind sie kleiner als die, die um die Göttin-Statue angeordnet sind.

In der Mitte steht Lucian mit verschränkten Armen und mustert mich schweigend. Nie weiß ich, was er denkt, und sein Blick ist so intensiv, dass ich mich unter ihm winde und schnell zur Seite schaue, weil ich ihm nicht standhalten kann.

»Also!« Vincent klatscht in die Hände und zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ich bin dankbar darüber, dass Lucian mich nicht mehr ansieht. Mit dem Zeigefinger winkt Vincent mich näher zu sich und zögernd setze ich einen Fuß vor den anderen. Eigentlich will ich nicht näher bei ihm stehen, aber ich bin auch neugierig auf das, was nun folgen wird.

»Was weißt du über die Wächter, Evelyn?«

»Eve«, verbessert Lucian ihn und mein Kopf fliegt zu ihm herum. Er räuspert sich verlegen, was beinahe schon süß ist. »Sie möchte Eve genannt werden.«

Vincent zuckt mit den Schultern und verdreht kurz die Augen. Anscheinend ist er nicht froh über diese Unterbrechung. »Von mir aus. Also, was weißt du?«

Ich überlege einen Moment. »Die Göttin sagte zu mir, ich müsse die vier Wächter finden, denn nur mit deren Hilfe könnte ich sie aus ihrem Schlaf erwecken.«

Vincent nickt. »Richtig. Ohne die Wächter ist der Hüter machtlos. Er trägt zwar das Feuerelement in sich, kann es aber nicht einsetzen.«

Wenn ich also wirklich diese Hüterin bin, habe ich also eine Superkraft und kann sie nicht einsetzen? Wie sinnlos ist das denn?

»Umgekehrt sind auch die Wächter ohne den Hüter nichts weiter als normale Menschen. Sie brauchen einander, um ihre Fähigkeiten zu erhalten. Der Hüter ist der Träger des Feuers und kann diese Gabe an seine Wächter weitergeben.«

Er streckt mir auffordernd seine Handfläche entgegen. »Berühre mich«, verlangt er und ich strecke die Finger nach ihm aus. Federleicht lege ich zwei auf seine Hand und sofort ist die Hitze wieder da, die von meinen Fingerspitzen ausgehend meinen Arm hinaufkriecht.

»Willst du das wirklich hier machen, Vinc?«, fragt Lucian, doch seine Stimme ist eher ein weit entferntes Rauschen. Es gibt nur Vincent, mich und das Feuer unserer Verbindung, das kraftvoll und berauschend in mir lodert.

»Spürst du es, Eve?«, fragt der Hohepriester mit halb geschlossenen Augen. »Die Flammen, die durch unsere Adern fließen? Du trägst das Feuer in dir und verleihst mir deine Kraft. Es fühlt sich so unglaublich gut an!«

Ich kann nur schwach nicken, denn dieses Gefühl ist einfach überwältigend. Ich will nichts anderes, als immer mehr und noch mehr davon zu fühlen, bis mein ganzer Körper davon verzehrt wird.

»Und das ist erst der Anfang.«

Vincents Worte spornen mich an, noch mehr Macht heraufzubeschwören, und nun lege ich alle meine Finger in seine Handfläche. Er reißt die Augen auf. Und sie sind auf einmal nicht mehr blau wie ein wolkenloser Himmel. Flammen tanzen darin. Rot, Orange, Gelb, alles wirbelt durcheinander, als würde ich direkt in ein Feuer sehen.

Erschrocken weiche ich zurück und beende damit unsere Verbindung. Kälte greift nach meinen Gliedern und ich sacke beinahe auf die Knie.

Lucian ist bei mir und stützt mich, als ich schwanke.

»Was war das?«, frage ich benommen. »Deine Augen …«

»Die Verwandlung«, murmelt Lucian direkt an meinem Ohr und lässt dadurch kleine Schauer meinen Rücken hinunterrieseln.

Ich verstehe nur Bahnhof. Welche Verwandlung? Ich habe nur das Feuer gespürt, das durch meine Adern gerauscht ist.

Vincents Augen strahlen nun wieder in einem klaren Blau, doch er sieht überhaupt nicht zufrieden aus. Die Hand, die er mir eben noch entgegengestreckt hat, ballt er zur Faust. Habe ich etwas falsch gemacht?

»Diese Kraft«, flüstert er zu sich selbst. »Nie hätte ich mir träumen lassen, dass sie so gewaltig ist. Ich kenne die Schriften, aber … etwas zu lesen und es tatsächlich zu fühlen, sind zwei völlig verschiedene Dinge.«

»Vinc, du musst vorsichtiger sein«, tadelt Lucian ihn und nimmt die Hände von meiner Schulter. Ich wanke kurz, kann aber allein stehen. Trotzdem fühle ich mich ohne seine direkte Nähe und Stütze seltsam schwach. »Sie kann das Feuer noch nicht kontrollieren. Sieh sie dir an! Sie ist vollkommen erschöpft und das nur durch diese kurze Berührung.«

Lucian blickt stirnrunzelnd auf mich hinab, während ich meine Fingerspitzen aneinanderreibe. Ich will es wieder spüren! Das Gefühl von Macht und Hitze – ich brauche es! So sehr sehne ich mich danach, dass es schon fast körperlich wehtut.

Aus einem dummen Reflex heraus greife ich nach Lucians Hand und schließe meine Finger darum. Er zieht zischend die Luft ein und will seine Hand wegziehen, doch da ist es schon zu spät. Hitze schießt von meinen Fingerspitzen in seine Hand und er reißt überrascht die Augen auf.

Ich habe ihn zwar schon vorher berührt, aber nie bewusst. Unsere Berührungen waren immer zufällig, doch diese ist es nicht. Sein Mund ist einen Spalt geöffnet und ich kann meinen Blick nicht von seinen Lippen abwenden, die ich unbedingt küssen will.

Ich muss einen Schritt nach vorn gemacht haben, ohne es zu merken, denn Vincent geht zwischen uns, schlägt unsere Hände auseinander. »Nicht!«, ruft er laut und bringt mich dadurch wieder zur Besinnung.

Ich sacke wieder zu Boden, weil die Erdanziehung plötzlich mit zehnfacher Stärke auf mich zu wirken scheint, und Lucian lehnt sich schwer atmend an eine Säule.

Vincent baut sich vor mir auf, die Hände in die Hüfte gestützt. »Du brauchst dringend Training, Eve«, sagt er tadelnd. »Und erst dann wirst du einen von uns mit etwas anderem als deinen Fingern berühren.«

»Einen von euch?«, frage ich. Meine Worte klingen lallend und ich habe Mühe, die Augen offen zu halten.

»Hast du es noch nicht gemerkt?«, fragt Vincent und zieht spöttisch eine Augenbraue nach oben. »Zwei deiner Wächter hast du bereits gefunden, Hüterin.«

 

***

 

Ich werde von einem köstlichen Duft geweckt und bin augenblicklich hellwach. Mein Magen knurrt ohrenbetäubend und erinnert mich daran, dass ich noch nichts gegessen habe, seit ich hier bin. Dabei dürfte ich in einem Spiel gar keinen Hunger verspüren …

Ich springe aus dem Bett und registriere nur am Rande, dass ich nun ein weißes Nachthemd trage. Jemand muss mich hierhergeschafft und ausgezogen haben. Hoffentlich war das Gwen und nicht … Nein, diesen Gedanken denke ich lieber nicht zu Ende.

Ich mache mich hungrig über die Platte mit Essen her, die auf dem Tisch in meinem Zimmer steht. Gebratene Eier, Fleisch und Gemüse, das ich nicht bestimmen kann, schaufle ich in mich hinein und höre erst auf, als ich das Gefühl habe, nach dem nächsten Krümelchen platzen zu müssen.

Gerade als ich mich zurücklehne und zufrieden über meinen Bauch streiche, wird die Tür zu meinem Zimmer aufgestoßen und knallt gegen die Wand. Ich wirbele herum, die Augen vor Schreck weit aufgerissen, und sehe Lucian in der Tür stehen, der Gwen zu mir hineinschiebt.

»Zieh dich an, schnell!«, kommandiert er.

»Was? Aber …«

»Keine Zeit! Wir müssen weg. Beeil dich!« Er schließt die Tür, dennoch höre ich von draußen das Klirren von Metall.

Was zum Teufel geht hier vor? Wird da etwa gekämpft? Mein Körper ist stocksteif vor Angst und Schreck, als Gwen mir das Nachthemd abstreift und mir die Kleidung von gestern anlegt. Mit geschickten Fingern schnürt sie das Korsett und flechtet meine Haare. Ich erhasche nur kurz einen Blick auf sie, während sie um mich herumhuscht, doch das genügt mir. Sie ist blass wie ein Geist. Von der freundlichen jungen Priesterin ist nichts zu sehen.

Als das Klirren von Waffen lauter wird, flüstere ich: »Was geht da draußen vor?« Meine Stimme bebt vor Angst, doch ich schäme mich nicht dafür.

Gwen presst kurz die Lippen aufeinander, ehe sie mir antwortet. »Sie kommen, um Euch zu holen.«

Ich habe Mühe zu atmen und mein Hals fühlt sich wie zugeschnürt an. »Wer will mich holen? Wer sind sie?«

Gwens Blick begegnet meinem. Ihre Augen wirken panisch, die Pupillen sind fast nur stecknadelgroß.

Erneut wird die Tür aufgerissen und ich bete, dass es wieder Lucian ist, der hereinkommt. Doch ich werde enttäuscht. Für einen Moment bleibt mir das Herz stehen, während ich auf die Gestalt im Türrahmen starre.

Er sieht aus wie ein Mann – ein sehr muskulöser Mann! –, doch aus seinem Rücken ragen schwarze … Sind das Flügel? Aber nicht diese fedrigen Schwingen, wie man sie von Engelsabbildungen her kennt – seine Flügel sind dunkel, glänzend und irgendwie ledrig. Entfernt erinnern sie mich an Fledermausflügel, nur um einiges größer.

Sein Blick huscht durchs Zimmer, streift Gwen, die wimmernd am Boden liegt, und bleibt dann an mir hängen. Ein diabolisches Grinsen verzerrt sein Gesicht zu einer Fratze und nackte Angst greift nach mir.

Hau ab!, schreien mir die zitternden Muskeln in meinen Beinen zu, doch ich bewege mich keinen Zentimeter, stehe da wie festgewachsen und schaue dem Flügelmann entgegen.

Neben mir fängt Gwen an zu schreien und reißt mich dadurch aus meiner Starre.

Schwert, Schwert, wo ist mein verdammtes Schwert!? Ein Held ist schließlich nur so gut wie seine Waffe! Warum müssen mir in so einem Moment Disney-Zitate einfallen?

Nur für den Bruchteil einer Sekunde lasse ich den Flügelmann aus den Augen, um den Raum nach meinem Schwert abzusuchen. Verdammter Mist, wo hat Gwen es nur hingetan?

Mein Herz klopft so schnell, dass ich befürchte, es wird jeden Moment meinen Brustkorb sprengen.

Nun lauf doch endlich!, schreit alles in mir, doch ich kämpfe das Verlangen nieder. Ich kann Gwen nicht hierlassen. Sie ist vollkommen wehrlos.

Außerdem ist das alles nur ein Spiel. Mir wird schon nichts passieren!

Als der Flügelmann direkt vor mir steht und ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren kann, bin ich mir dessen mit einem Mal nicht mehr so sicher. Seine Augen sind hell, nahezu weiß, ohne Pupillen. Erst Fledermausflügel, nun noch weiße Gespensteraugen – geht es noch gruseliger?

Ja, geht es, bemerke ich, als ich den Blick an ihm hinabschweifen lasse. Seine Beine enden in habichtartigen Krallen, die bei jeder Bewegung kreischend über den Marmorboden kratzen.

Ich beiße die Zähne zusammen und hoffe, dass mir meine Panik nicht direkt ins Gesicht geschrieben steht. Ich werde nicht zurückweichen. Ich bin Nemesis und ich gebe niemals auf, bete ich immer wieder herunter, während ich die Schultern straffe und beharrlich den Schweiß ignoriere, der mir zwischen den Schulterblättern den Rücken in Strömen herunterläuft.

»Eve!«

Lucians Stimme dringt durch den Kampflärm zu mir und lässt meinen Herzschlag für einen Moment aus dem Takt geraten. Hektisch drehe ich meinen Kopf, bis ich ihn endlich zwischen all den anderen Leibern entdecke. Mit seinen beiden gebogenen Dolchen bahnt er sich einen Weg zu mir, wehrt Gegner ab – wie viele von den Flügelmännern sind denn da draußen? – und ich sehe, dass seine Kleidung vor schwarzem Blut nur so trieft. Bitte, lass das nicht sein eigenes Blut sein!

Nun hat auch der Flügelmann vor mir Lucian entdeckt und wendet sich ihm zu. Dankbar für die Ablenkung, zerre ich Gwen auf die Füße. Halt suchend klammert sie sich an mich und ihr kleiner Körper wird von einem unkontrollierten Zittern geschüttelt.

Ich halte sie fest umschlungen und suche nach einer Lücke, durch die wir entkommen können. Lucian schenkt mir ein kaum merkliches Nicken, das ich erwidere. Er wird den Flügelmann ablenken, damit wir verschwinden können.

Pass auf, dass dir nichts passiert!, will ich ihm entgegenrufen, doch meine Zähne klappern vor Panik so sehr, dass ich es nicht wage, den Mund zu öffnen.

Ich packe Gwen fest an den Schultern und schiebe sie vor mir her, während wir aus dem Zimmer stürmen. Sobald wir es verlassen haben, werfe ich einen letzten Blick über die Schulter und sehe, wie Lucian mit seinen Dolchen auf den Flügelmann losgeht, der dem Angriff jedoch mühelos, geradezu leichtfüßig ausweicht.

Zweierlei Sorten Panik kämpfen in mir, die mich schlussendlich doch zum Stehenbleiben zwingen. Einerseits will ich sofort mit Gwen hier verschwinden und meine eigene Haut retten – Spiel hin oder her. Andererseits … Was, wenn Lucian da drinnen etwas geschieht, weil er uns retten wollte? Kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren?

Scheiße, er ist nur ein NPC, ein Spielcode, und keine lebende Person! Sicherlich kann er nicht mal sterben!

Und doch merke ich, wie meine Beine mich zurück zum Zimmer tragen, aus dem ich das Klirren von Lucians Waffen höre.

»Hüterin!«, schreit Gwen hinter mir, die ich einfach stehen gelassen habe. Ich stocke. Sie wird es nicht allein schaffen, das weiß ich mit Sicherheit. Lucian kann sich selbst verteidigen, aber Gwen …

Ach, verdammter Mist! Ich drehe wieder um, greife Gwens Arm und zerre sie hinter mir her. Wir springen über leblose Leiber, Flügelmänner und Priester aus dem Tempel liegen gleichermaßen blutend und sterbend auf dem Boden. Zum Glück begegnen wir keinem weiteren lebenden Flügelmann und rennen auf den Tempelhof.

Hier muss die Hölle losgebrochen sein. Überall bedecken Tote den Boden, sodass ich fast die Pflastersteine nicht mehr sehen kann. Mir wird schlecht und ich wende mich ab, um zu würgen.

Schlimmer wird es, als ich einen Blick nach oben wage. Dort schweben Gestalten mit langen Flügeln und schirmen beinahe komplett das Sonnenlicht von uns ab.

Sie umkreisen uns wie Geier und ich warte nur darauf, dass einer von ihnen hinabstößt und uns die Augen aushackt. Panisch blicke ich mich um, suche nach einem Ort, wo wir uns verstecken können. Gwen presst sich zitternd an mich und verbirgt ihr Gesicht an meiner Schulter, während sie wieder und wieder schluchzt. Sie ist mir keine Hilfe, aber ich muss auf sie aufpassen. Ich kenne mich nicht aus, aber mitten auf dem Tempelplatz können wir nicht stehen bleiben. Hier ist es, als würden wir uns selbst auf einem silbernen Tablett mit passender Leuchtreklame und blinkendem Pfeil präsentieren.

Eine Waffe! Ich brauche eine Waffe! Ich suche die umliegenden Leichen ab, finde aber nichts außer ein paar Stäbe der Priester. Mit was kämpfen denn diese geflügelten Typen?

Als plötzlich einer von ihnen hinabstößt und ich mich gerade so im letzten Augenblick ducken kann, habe ich meine Antwort: mit ihren spitzen Klauen. Seine Fußkrallen bleiben kurz an meinem Zopf hängen, doch zum Glück bekommt er mich nicht richtig zu fassen und flattert wieder ein Stück hinauf, außerhalb meiner Reichweite.

Wir müssen Deckung suchen, sofort! Ich packe Gwen am Arm, die neben mir herstolpert und dabei unverständliches Zeug brabbelt, und hechte mit ihr unter einen der großen Bäume, die den Tempelhof säumen. Buchstäblich in letzter Sekunde, denn gerade wollte ein weiterer Flügeltyp nach uns schnappen, doch er muss dem dichten Geäst ausweichen. Mit einem frustrierten Schrei schwingt er sich wieder nach oben und sucht sich ein neues Ziel.

Wenn mir nicht bald etwas einfällt, sind wir erledigt! Doch wie soll ich fliegende Gegner abwehren?

Ein hoher Schrei zieht meine Aufmerksamkeit auf die Tempelanlage. Ein ganzer Schwarm Flügelmänner stürzt sich dort auf etwas, doch nach und nach weichen sie zurück, bringen sich in sichere Distanz, um einen neuen Angriff zu starten.

Ein schwarzer Haarschopf blitzt zwischen dem Gewirr aus Flügeln und Krallen auf und ich bin im ersten Moment unendlich erleichtert, als ich Lucian erkenne, der noch immer verbissen gegen die Angreifer kämpft.

Doch an seinen Bewegungen sehe ich selbst auf diese Entfernung deutlich, dass er sich nicht mehr lange verteidigen kann. Seine Hiebe werden fahrig und seine Schultern heben und senken sich viel zu schnell.

Ich muss etwas tun!

»Du bleibst hier!« Entschlossen schiebe ich Gwen direkt an den Baumstamm und löse mich aus ihrem Klammergriff.

Ehe sie mich zurückhalten kann, springe ich über die leblosen Körper am Boden und renne auf Lucian zu. Ich muss ihm helfen, ansonsten wird er sterben!

»Hey!«, brülle ich so laut ich kann, um die Aufmerksamkeit des Schwarms auf mich zu ziehen. Wie eine Einheit drehen sie sich gleichzeitig zu mir um. Auf einmal kommt mir mein Plan – Plan? Hatte ich einen Plan? – richtig bescheuert vor und meine Stimme versagt.

»Eve, verschwinde!«, schreit Lucian, als er mich sieht.

Doch es ist zu spät. Der Schwarm setzt sich in Bewegung und fliegt direkt auf mich zu. Ich erstarre und kann nur mit weit aufgerissenen Augen diese anmutigen Bewegungen bewundern, die die Flügelmänner fast synchron ausführen.

Der erste Flügelmann ist da und greift mit seinen Klauen nach mir, bekommt mich aber nicht richtig zu fassen. Ich schreie vor Schmerz auf, als seine Krallen tiefe Kratzer an meiner Schulter hinterlassen, die sofort anfangen zu bluten.

»Verdammter Mist«, höre ich Lucian fluchen, der nun auf mich zugerannt kommt.

Wimmernd sinke ich zu Boden und umklammere mit der Hand meine pochende Schulter. So habe ich mir das nicht vorgestellt! Das ist viel zu real für ein Spiel! Ich fühle die klebrige Nässe des Blutes an meiner Hand und der pulsierende Schmerz lässt mich fast ohnmächtig werden.

Die geflügelten Angreifer haben mich eingekreist und grinsen höhnisch auf mich herab. Sie halten mich für leichte Beute – womit sie auch recht haben, das kann ich nicht bestreiten. Ich bin so dumm! Warum bin ich nur hierhergerannt?

Panik überkommt mich und ich spüre förmlich das Adrenalin, das mit Hochgeschwindigkeit durch meine Adern gepumpt wird. Was passiert mit meinem Körper, wenn ich hier sterbe? Ich meine, in der realen Welt. Der Körper, der friedlich auf einer Matratze in meinem Wohnzimmer liegt und ein Kabel im Nacken hat. Werde ich mich ausloggen können, wenn ich hier getötet werde, oder …

Die Spitze eines Dolchs ragt aus der Brust eines der Flügelmänner und er geht gurgelnd zu Boden. Lucian springt über ihn hinweg und steht dann geduckt an meiner Seite, die Dolche vor dem Körper kampfbereit erhoben.

Was macht der Blödmann denn hier? Ich habe die Flügeltypen doch extra von ihm weggelockt, damit er verschwinden kann! Doch anstatt sich in Sicherheit zu bringen, geht er nun gemeinsam mit mir in den Tod.

Irgendwie hat dieser Gedanke etwas Tröstliches.

Die Angreifer schließen die Lücke ihres gefallenen Kameraden und kommen näher, verkleinern den Kreis um uns herum und ihre Nähe nimmt mir fast die Luft zum Atmen.

Ich drücke mich an Lucians Rücken und kneife fest die Augen zu. Es ist vorbei. Ich kann nur hoffen, dass ich in meinem richtigen Körper aufwache, wenn ich hier sterbe. Und dass es nicht allzu sehr wehtun wird. Wenn mir schon diese Kratzer an meiner Schulter vor Schmerz fast den Verstand rauben, was werde ich dann erst fühlen, wenn sich die Klauen eines Flügelmannes tief in mein Fleisch bohren?

Das Klirren von Stahl auf Stein lässt mich meine Augen wieder öffnen. Lucian hat seine Dolche weggeworfen. Er hat also auch endlich kapiert, dass es aussichtslos ist.

Alles in mir wird dunkel und schwarz. Leer. Ich bereite mich darauf vor zu sterben.

Abermals höre ich Lucians gepresstes Fluchen, ehe er sich ein Stück aufrichtet und eine Hand in mein Hemd krallt. Gerade will ich ihn anschreien, dass er das lassen soll – immerhin streift seine Hand direkt über meine Brüste –, doch da zerrt er mich schon nach oben auf die Füße und presst seine Lippen ohne Vorwarnung auf meine.

Und die Welt um mich herum verschwimmt in lodernden Flammen.

Hinter dem Pseudonym Asuka Lionera verbirgt sich eine im Jahr 1987 geborene Träumerin, die schon als Kind fasziniert von Geschichten und Comics war. Bereits als Jugendliche begann sie, Fan-Fictions zu ihren Lieblingsserien zu schreiben und kleine RPG-Spiele für den PC zu entwickeln, wodurch sie ihre Fantasie ausleben konnte. Ihre Leidenschaft machte sie nach einigen Umwegen und Einbahnstraßen zu ihrem Beruf und ist heute eine erfolgreiche Autorin, die mit ihrem Mann und ihren vierbeinigen Kindern in einem kleinen Dorf in Hessen wohnt, das mehr Kühe als Einwohner hat.