Fantastische Welten und große Gefühle

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Midnight Princess – Leseprobe

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Midnight Princess Leseprobe

Kapitel 1

Kenric

 

Evenor, Hauptstadt Nordgands

 

Das Knarzen der Dielen im Hausflur stört meine Ruhe. Das Näherkommen des Geräusches zehrt an meinen Nerven.

Ich sehe von dem Buch auf und schicke ein stummes Stoßgebet zur Göttin Nyx, dass das Geräusch gleich wieder verschwindet. Mir steht nicht der Sinn nach weiteren Besuchern, die mich, meine Ruhe und meine Abgeschiedenheit stören.

Aber die Göttin ignoriert meine Bitte – wie immer.

Mein Hund Turon, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hat, hebt den Kopf, als ein Klopfen ertönt.

Ich erwäge, nicht zu antworten und so zu tun, als wäre ich nicht da. Das klappt meistens. Zum Glück verirren sich nur wenige hierher zu mir in den obersten Stock, aber ›wenige‹ sind trotzdem ›zu viele‹. Vor allem, wenn ich bis zum Hals in meinen Forschungen stecke und keinen Schritt vorankomme.

Es klopft erneut. Ich knirsche mit den Zähnen. Wer auch immer auf der anderen Seite der Tür steht, ist verdammt hartnäckig.

»Ich weiß, dass du da bist«, kommt es von draußen.

Ich kenne die Stimme nicht, doch das muss nichts heißen. Schließlich ziehe ich es vor, mich mit so wenigen anderen Fae wie möglich abzugeben.

»König Zahid schickt mich.«

Ich unterdrücke ein Seufzen, quäle mich von meinem Schreibtisch hoch und schlurfe widerstrebend zur Tür. Selbst ich kann mich einem Befehl des Königs nicht widersetzen, auch wenn ich es gern täte.

Schwungvoll öffne ich die Tür und sorge dafür, dass der arme Tropf mir gegenüber einen Blick auf meine verfluchte Magie erhaschen kann, ehe ich sie zurückrufe. Einen Moment lang weide ich mich an dem ängstlichen Ausdruck des Wachmanns und der merklichen Blässe, die sich um seine Nase ausbreitet. Er wird sich garantiert nicht mehr dafür melden, mir eine Nachricht zu überbringen. Noch einer, den ich auf meiner Liste streichen kann.

Nachdem er sich wieder gefasst hat, huschen die leuchtend blauen Iriden des Wachmanns zu meiner Stirn. Ich stoße ein Grummeln aus, woraufhin er schnell woanders hinsieht. Vorsichtshalber drehe ich den Kopf so, dass er das verdammte Mal an meiner Schläfe nicht mehr betrachten kann.

»D-Der König befiehlt, dass du dich zur Grenze begibst.«

Ich verdrehe die Augen. »Ist es schon wieder so weit?«

»Sie werden in wenigen Tagen an der üblichen Stelle eintreffen.«

Ich nicke knapp. »Verstanden.«

Bevor der Wachmann ein weiteres Wort sagen kann, schlage ich ihm die Tür vor der Nase zu. Seine Schritte entfernen sich hastig, nicht ohne die Holzdielen im Hausflur, die wahrscheinlich schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben, zum Knarzen zu bringen.

Ich bin dankbar für meine kleine Wohnung, in der ich alles habe, was ich brauche, aber dieses Knarzen raubt mir irgendwann noch den Verstand.

Seufzend lehne ich mich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür und begegne Turons Blick. »Die Zeit vergeht immer schneller, nicht wahr?«

Der schwarze Hund neigt den Kopf wie zu einer Zustimmung.

Es hat keinen Sinn, dass ich es weiter hinauszögere. Also schnappe ich mir das Buch, das ich gerade lese, einen Stift für Notizen und meinen Umhang mit Kapuze.

Über die Schulter sage ich: »Stell nichts Dummes an, während ich weg bin.«

Turon gibt einen Laut von sich, der am ehesten mit einer Mischung aus entrüstetem Schnauben und gelangweiltem Gähnen zu vergleichen ist. Er ist das einzige Lebewesen, das mir ein halbes Lächeln entlocken kann.

Ich werde nicht lange fort sein, trotzdem täte ich fast alles dafür, von dieser Aufgabe befreit zu sein. Die Reise zur Grenze und der anschließende Schutz verlangen mir so viel ab, dass ich danach tagelang zu nichts zu gebrauchen sein werde. Dabei stehe ich doch kurz vor einem Durchbruch in meinen Forschungen! Ich kann es förmlich spüren. Ich bin ganz nah dran. Und gerade jetzt findet eine neue Auswahl statt …

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es wie die letzten Male schnell vorbei sein wird und ich rasch in die Abgeschiedenheit meiner Wohnung zurückkehren kann.

Dann kann ich für die nächsten drei Jahre so tun, als wäre ich nicht zu Hause, wenn jemand an meine Tür klopft.

 

 

Kapitel 2

Vanya

 

Irgendwo im nördlichen Südgand

 

Kann diese verdammte Kutsche nicht nur jedes zweite Schlagloch mitnehmen? Mit jedem, das sie erwischt, wird mir übler und übler, und ich habe keine Lust, mich auf den Schoß des Mädchens mir gegenüber zu erbrechen. Ich glaube, ihr Name ist Marthel. Sie und das Mädchen auf dem Sitz neben ihr, das Aleria heißt, kenne ich erst seit einigen Stunden, doch bereits jetzt scheine ich mich bei ihnen unbeliebt gemacht zu haben. Daran ändert auch das freundliche Lächeln nichts, zu dem ich mich zwinge, sobald mich ihre Blicke durchbohren. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass sie mich mit ihnen erdolchen wollen.

Oder Schlimmeres.

Wenigstens scheint mich die dritte junge Frau, Katinka, größtenteils zu ignorieren. Sie kenne ich zumindest flüchtig, denn sie stammt aus dem Dorf Korinth, in dem ich die letzten Jahre meines Lebens verbringen musste und das ich nun hinter mir lasse. Ich bin noch nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll. In mir tobt eine solche Vielzahl an Gefühlen, dass ich nicht weiß, welchem ich nachgeben soll. Ich bin froh, weggegangen zu sein, trotzdem habe ich keine Ahnung, was mich am Ende meiner Reise erwartet.

Bisher verlief mein Leben nach einem festgelegten Plan, an dem es nichts zu rütteln gab. Ein Leben, das ich oft genug verflucht, mit dem ich mich aber arrangiert habe. Ich habe getan, was von mir verlangt wurde, und war stets eine fügsame Tochter.

Doch als ich keinen Ausweg mehr sah, musste ich handeln.

Wie genau ich in dieser Kutsche gelandet bin, kann ich nicht mehr sagen. Der gesamte letzte Tag kommt mir wie ein schlechter Traum vor. Etwas, was einer anderen als mir passiert ist.

Und doch sitze ich hier, auf dieser harten Bank in einer hölzernen Kutsche, zusammengepfercht mit drei fremden jungen Frauen, und fahre in eine ungewisse Zukunft. Am Ende der Reise könnten mich mein größtes Abenteuer und meine Freiheit erwarten. Oder etwas so Furchtbares, dass ich es mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen könnte.

Seit dem Großen Krieg ist der Kontakt zum einst feindlichen Reich Nordgand nahezu abgebrochen. Es gibt sogar Gerüchte, dass das Land durch eine göttliche Macht dem Erdboden gleichgemacht wurde und nur wenige Bewohner überlebt haben. Aber einige haben überlebt, schließlich gibt es Händler, die ihre Waren bis zur Grenze verkaufen. In Korinth bin ich allerdings nie einem solchen Händler begegnet, denn das Dorf liegt so weit von der Grenze entfernt wie nur möglich. Deshalb sind Gerüchte alles, was ich habe.

Gerüchte und Hoffnung. Eine fatale Mischung.

Marthels Blick bohrt sich in meinen. »Und du bist hier, weil …?«

Ich habe ihr den vorgeschobenen Grund bereits mehrmals genannt. Ich sollte nicht hier sein, schließlich gibt es nur drei Ausgewählte alle drei Jahre.

Obwohl ich ihr ein gewinnendes Lächeln schenke, ändert sich ihre abweisende Mimik kein Stück. »Ich bin eine entfernte Verwandte und gute Freundin von Katinka.« Mit einer Hand deute ich auf die junge Frau neben mir. »Es war für mich ein Schock, als ihr Name bei der Auswahl verkündet wurde. Ich kann keinesfalls zulassen, dass es ihr schlecht ergeht. Deshalb hat unsere Familie mich gebeten, sie zu begleiten und dann zu berichten, wie es in Nordgand so ist.«

Jedes Wort ist eine Lüge, aber wie so viele andere Lügen zuvor kommt sie mir leicht über die Lippen. Ich habe fast mein ganzes Leben nichts anderes getan, als zu lügen, und bin daher ziemlich gut darin. Meine Eltern und meine ältere Schwester Emillia konnte ich immer täuschen. Manchmal sogar mich selbst.

Offenbar gibt Marthel sich mit dieser Erklärung zufrieden. Zumindest bis sie mich in einigen Stunden wieder dasselbe fragen wird. Bis dahin werden sie und Aleria mich lediglich mit bösen Blicken strafen.

Allgemein sprechen wir nicht viel auf der Reise, worüber ich froh bin. Ich habe zwar von klein auf gelernt, wie ich mich in Gegenwart anderer zu verhalten habe, aber mir steht nicht der Sinn nach Unterhaltungen. Ich bin lieber für mich und mag es nicht, über Sinnloses zu schnattern. Viel lieber schaue ich aus dem Fenster der Kutsche und beobachte die Landschaft Südgands.

Ich war noch nie in diesem Teil des Reiches, aber das macht nichts, denn Südgand sieht überall gleich aus: saftig grüne Wiesen, üppig bewachsene Felder, Bäume, die sich unter dem Gewicht der Früchte biegen. Dazu ein gesunder Wechsel aus Sonne und Regen und eine laue Brise. Wir sind wahrlich von den Göttern gesegnet.

Jedenfalls in dieser Hinsicht.

Es gibt etwas, was sie uns vor langer, langer Zeit genommen haben. Die meisten Südgander vermissen es nicht und haben sich angepasst. Mir geht es ähnlich. Schließlich kann man nichts vermissen, was man nie hatte.

Ich habe viele Stunden damit zugebracht, das, was uns genommen wurde, zu erforschen, aber ich bin kein Stück vorangekommen. Dabei will ich es unbedingt verstehen.

Denn wenn man den alten Legenden Glauben schenkt, bin ich diejenige, die es zurückbringen kann. Doch warum sollte ich etwas zurückbringen, was niemand vermisst?

Deshalb frage ich mich, warum es mich gibt.

»Was glaubt ihr, wie er ist?«, fragt Aleria in die Runde.

Da sie mich mit ihrer Frage nicht meint, spitze ich nur die Ohren.

»Wer?«, hakt Katinka nach.

Aleria verdreht die Augen. »Wer wohl? König Zahid, natürlich. Der Herrscher Nordgands.«

»Ich habe gehört, er soll ein mächtiger Nachtfae sein«, wirft Marthel ein.

»Wie er wohl aussieht?«, sinniert Katinka.

Keine von uns ist je einem Nachtfae begegnet. Die Nordgander verlassen ihr Reich nie. Was wohl unser Glück ist, denn unser Volk hat den Großen Krieg nur überlebt, weil die Götter sich eingemischt haben, kurz bevor die magisch bewanderten Fae uns allesamt vernichtet hätten.

»Ich kenne jemanden«, sagt Aleria, »die mit einer verwandt ist, die vor einigen Jahren ausgewählt wurde. Sie meinte, in den Briefen stand immer, wie gut es ihr in Nordgand ginge und wie schön und kultiviert die Fae seien.«

»Und du glaubst das?«, frage ich, ehe ich mich davon abhalten kann.

Alerias vernichtende Miene richtet sich auf mich. Seit der ersten Minute, die sie gemeinsam mit mir in der Kuschte verbracht hat, hat sie keinen Zweifel daran gelassen, dass sie nichts von meiner Anwesenheit hält.

»Natürlich«, sagt sie in einem herablassenden Tonfall, der einen Nerv bei mir trifft. »Warum sollte sie in ihren Briefen lügen?«

Ich verzichte, sie darauf hinzuweisen, dass diese und alle anderen Briefe, die die früheren Ausgewählten angeblich an ihre zurückgelassenen Familien geschrieben haben, eine Fälschung sein könnten. Ein Instrument, um den kommenden Ausgewählten die Angst vor der Reise in die Fremde zu nehmen. Falls es das ist, funktioniert es.

Das und die Tatsache, dass auch eine Reise ins Unbekannte für viele der Mädchen eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensumstände ist.

Fast alle stammen aus ärmlichen Verhältnissen. Ihnen hätte ein hartes Leben auf den Feldern bevorgestanden. Nicht enden wollende Arbeit unter praller Sonne. Nicht mehr als eine kleine Hütte in einem winzigen Dorf, die geradeso groß genug für sie und ihre Familie wäre. Nie wären sie weiter als eine Tagesreise aus ihrem Geburtsort weggekommen.

Doch die Auswahl ändert all das. Plötzlich sind sie wichtig. Ihr Name wird im ganzen Königreich verbreitet. Ihre Familien erhalten eine große Entlohnung dafür, dass sie ihre Töchter hergeben. Und die Tochter selbst findet ihr Glück in der Fremde – vielleicht.

Früher hätte ich über diese Gutgläubigkeit den Kopf geschüttelt. Heute sitze ich selbst hier, weil mir keine andere Wahl blieb. Oder ich keinen Ausweg gesehen habe. Es kommt auf dasselbe heraus. Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass der kleinste Hauch Hoffnung in der Fremde tausendmal besser ist, als die unumstößliche Endgültigkeit anzunehmen, die eine junge Frau in Südgand erwartet.

Ich schenke den drei anderen Mädchen ein gespieltes Lächeln. »Sicher sieht Zahid umwerfend aus und ihr werdet alle Eindruck auf ihn machen.«

Mit einer anmutigen Handbewegung wirft Aleria sich das blonde Haar zurück über die Schulter. »Natürlich werden wir das. Und du wirst dich im Hintergrund halten.«

Ich muss ein Augenrollen unterdrücken. Diese Reise nehme ich ganz bestimmt nicht auf mich, um einem fremden – und potenziell feindlichen – König gefallen zu wollen. Wenn alles gut läuft, bin ich in wenigen Tagen wieder auf dem Rückweg. Mir geht es nur darum, mein eigenes Leben zu verbessern und meinen Eltern zu beweisen, dass ich kein schutzbedürftiges Blümchen bin.

Normalerweise hätte ich mir einen fundierteren Plan zurechtgelegt. In Ruhe hätte ich jedes Für und Wider abgewägt, ehe ich gehandelt hätte. Aber diese Zeit war mir nicht vergönnt. Ich musste etwas tun, und zwar schnell.

In diese Kutsche zu steigen, ist entweder die beste Idee, die ich je hatte …

… oder die dümmste.

 

 

Kapitel 3

Vanya

 

Etwa einen Tag zuvor in Korinth, einem kleinen Dorf im Süden Südgands

 

Mit der linken Hand stütze ich den Nacken der alten Hilda, mit der rechten flöße ich ihr Schlückchen für Schlückchen den Sud aus Falbnelken ein.

»Gleich wird es dir besser gehen«, sage ich, nachdem sie das Glas geleert hat.

Sie lächelt zahnlos. »Du bist ein gutes Mädchen.«

Ich zwinge mich dazu, meine Mundwinkel zu heben, und helfe ihr dabei, sich aufzusetzen. Schätzungsweise ist Hilda an die neunzig Jahre alt und die mit Abstand älteste Bewohnerin des Dörfchens Korinth, das im südlichsten Zipfel unseres Reiches liegt. Trotzdem hilft sie noch jeden Tag bei der Feldarbeit und übertrifft einige der jüngeren Arbeiter. Doch ihr Körper wird nicht mehr lange mitmachen. Der Sud aus Falbnelken wird ihre schlimmsten Gelenkschmerzen zwar für eine Weile lindern, aber das ist kein Dauerzustand. Leider ist Hilda mindestens genauso stur, wie sie alt ist, und hört weder auf mich noch auf ihre Familie.

Eine ihrer Enkelinnen – oder Urenkelinnen – passt mich an der Tür ihrer Hütte ab. »Danke für deine Hilfe.«

Nachdem sie sich nach allen Seiten umgesehen hat, steckt sie mir einen Gegenstand zu, der in ein Tuch gewickelt ist. Ich erkenne sofort am Gewicht und der Form, worum es sich handeln muss. Augenblicklich schlägt mein Herz schneller.

»Wir haben kein Gold, aber …«

Ich hebe die Hand. »Das reicht mir als Bezahlung.«

Das Mädchen nickt sichtlich erleichtert. »Wenn es nicht zu viel verlangt ist … Könntest du dir noch die Pflanzen in unserem Garten ansehen? Irgendwie wollen sie dieses Jahr nicht so recht wachsen …«

Ich unterdrücke ein Seufzen. Nichts täte ich lieber, als mit meiner Bezahlung schnurstracks zu meinem Turm zu rennen und mich dort für die nächsten Stunden zu verschanzen. Doch nach Hilda warten weitere Patienten auf meinen Besuch.

Ich zaubere ein vorgetäuschtes Lächeln auf meine Lippen. »Natürlich. Doch ich habe nicht viel Zeit.«

Das Mädchen bringt mich zu einem kleinen Garten hinter der Hütte, wo die Familie Gemüse für den eigenen Bedarf anbaut. Zumindest sollte hier Gemüse wachsen, aber ich entdecke kaum ein grünes Blatt, das sich durch die feste Erde gekämpft hat.

In Südgand herrscht stets ein mildes Klima. Getreide, Früchte, Gemüse – alles gedeiht prächtig. Wenn man die gröbsten Fehler vermeidet.

Ich knie mich neben das Beet und lege die Hand auf die Erde. Sie ist trocken. Zu trocken. Aber daran kann es nicht liegen. Darauf bedacht, dass das Mädchen mich nicht allzu genau beobachtet, grabe ich die Finger ein Stück in den Boden.

Unter den Bewohnern Korinths gelte ich als die Heilerin mit dem grünen Daumen. Sie sind froh, mich zu haben, während mir jeder Tag hier mitten im Nirgendwo schwerer fällt. Doch ich ertrage mein Leid meist klaglos und tue, was ich kann. Dabei achte ich darauf, dass die Dorfbewohner nie die ganze Wahrheit erfahren, denn sonst müsste ich wieder umziehen.

Allein der Gedanke entlockt mir ein wütendes Schnauben, das ich schnell mit einem Hüsteln kaschiere, bevor das Mädchen Fragen stellen kann.

Wohin können mich meine Eltern denn noch bringen? Ich bin doch schon im südlichsten Ort des Reiches gelandet, weitab der Hauptstadt – oder irgendeiner Stadt. Fernab von Leben und Trubel und … Abenteuer.

So weit weg von irgendetwas Spannendem wie nur möglich.

Ich konzentriere mich auf die Erde. Es dauert nicht lange, bis ich es spüre.

»Was habt ihr zuvor auf dem Beet angebaut?«, frage ich das Mädchen.

Sie überlegt einen Moment. »Graurüben, glaube ich.«

Ich stehe auf, klemme mir meine Bezahlung unter den Arm und wische mir die Hände an der Schürze meines Kleides ab. »Dann hast du die Antwort, warum nichts wächst. Nachdem man Graurüben angebaut hat, sollte man mindestens ein Jahr warten, bis man etwas anderes in derselben Erde heranziehen kann.«

»Oh.«

Ich presse die Lippen aufeinander, um nichts zu erwidern. Es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, dass ich wahrscheinlich mehr über Pflanzen weiß als alle Bewohner Korinths zusammen. Für mich sind solche Dinge logisch; wahrscheinlich hätte ich nicht einmal meine Kraft bemühen müssen, um den Grund herauszufinden, warum auf dem Beet nichts gedeiht. Aber die Leute machen sich darüber keine Gedanken. Es gibt genug Essen für alle, denn unser Land ist gesegnet mit frühlingshaftem Wetter und fruchtbarem Boden. Auch jetzt weht eine warme Brise und zupft an einzelnen Strähnen meines dunkelblonden Haares, die sich aus dem Zopf gelöst haben.

»Tauscht die Erde aus oder wartet bis nächstes Jahr«, sage ich, als ich bereits auf dem Weg zur Straße bin. »Sicherlich bekommt ihr genug zu essen von den anderen Familien.«

Das Mädchen nickt und hebt die Hand zum Abschied. Ich erwidere die Geste, bin allerdings in Gedanken bereits bei meiner Bezahlung. Hoffentlich ist es diesmal etwas Gutes.

Nach meiner Ankunft vor etwa drei Jahren haben sich meine Heilkünste schnell herumgesprochen. Ebenso wie die Tatsache, dass meine Dienste nicht immer in Gold belohnt werden müssen. Irgendwann hatte ich jedoch mehr Nahrung, als ich jemals würde verspeisen können, deshalb verlegte ich meine Entlohnung auf etwas Spezielleres. Etwas, was es in der Hauptstadt Südgands, Varenia, seit Generationen nicht mehr gibt. Allein der Besitz ist unter strenge Strafen gestellt. Aber hier, im Nirgendwo, greifen die Regeln des Reiches nicht immer. Gerade die Älteren wie Hilda finden noch den einen oder anderen dieser Schätze auf dem Dachboden.

Ich eile an üppigen Gärten und kleinen Hütten vorbei, die das Bild des Dorfes prägen. Alles wirkt idyllisch, aber mittlerweile habe ich die Nase voll von idyllisch und keinen Blick mehr dafür.

Meine anderen Patienten sind schnell behandelt: eine Schnittwunde, die ich mit Uferkraut versorge, ein leichtes Fieber, gegen das ich Meliodaskraut verabreiche.

Schon nach wenigen Minuten klingt das Fieber des Kindes ab und ich mache mich daran, nach Hause zu gehen.

»Wie machst du das nur?«, fragt die Mutter des Kindes.

»Was meinst du?«

»Deine Kräuter. Sie wachsen rund um deinen Turm. Selbst die, die es hier nicht geben dürfte.«

Mein Lächeln wirkt angestrengt, doch ich halte es aufrecht. »Ich habe eben einen grünen Daumen.«

Ehe sie weitere Fragen stellen kann, verlasse ich die Hütte, ohne eine Bezahlung zu fordern.

Ich fürchte mich davor, dass irgendwann jemand die richtigen Fragen stellen könnte. Fragen, die so nah an die Wahrheit dringen, dass ich erneut meine Sachen packen und im Schutze der Nacht verschwinden muss. Fragen, wegen derer ich zum vierten Mal meine gewohnte Umgebung verlassen und an einen fremden Ort ziehen muss, wo ich wieder Monate brauche, um dazuzugehören. Das fällt mir immer am schwersten. Ich muss so viele Geheimnisse hüten, dass ich niemanden zu nah an mich heranlassen darf. Ich weiß nicht, wie es ist, Freunde zu haben. Ich hatte nie welche und vermisse sie daher auch nicht wirklich.

Aber ich hätte gern jemanden, mit dem ich reden kann und der mich versteht.

Leider bin ich noch nie einer anderen Heilerin oder einem Heiler begegnet, der so gut war wie ich. Als sie meine Fähigkeiten mit eigenen Augen bezeugten, trat unverhohlener Neid in ihre Miene. Und die, die nichts mit Kräutern zu tun haben, fürchten sich manchmal vor meinem Können. Sie nutzen sie zwar, aber sie bleiben auf Abstand, als würden sie spüren, dass an mir etwas anders ist. Deshalb habe ich es aufgegeben, mich mit irgendwem anfreunden zu wollen.

Mit schnellen Schritten mache ich mich auf den Weg zu meinem Turm, meine Bezahlung fest umklammert. Die Säcke Getreide, mit denen ich ebenfalls bezahlt wurde, werden später geliefert, weil ich sie nicht tragen konnte. Darüber, wo ich sie lagern soll, mache ich mir nachher Gedanken.

Mein Turm liegt ein paar Gehminuten abseits des Dorfes. Ich weiß nicht, wer ihn zuvor bewohnt hat, aber er ist mit Abstand der schönste Ort, an dem ich bisher gelebt habe.

Schön und langweilig zugleich.

Dennoch will ich mich nicht beschweren. Er ist tausendmal besser als die kleine Wohnung in Varenia, die keine Fenster hatte. Wenn ich nur daran denke, kriecht mir eine eisige Gänsehaut die Arme hinauf. Ich war damals vielleicht acht oder neun, aber ich kam mir vor, als wäre ich in einem Sarg gefangen. Ständig hatte ich das Gefühl, als würden die Wände in der Dunkelheit auf mich zukommen. Weil ich noch so jung war, wollten meine Eltern mich nicht allzu weit aus der Hauptstadt bringen, gleichzeitig konnten sie mich auch nicht mehr bei sich leben lassen, weil ich meine Gabe nicht unter Kontrolle hatte.

Das habe ich auch heute nicht immer, doch zum Glück hat sie sich schon lange nicht mehr so verheerend gezeigt wie in meiner Kindheit. Meine Arbeit als Heilerin hilft mir dabei, sie in die richtigen Bahnen zu lenken und zumindest ein wenig zu nutzen. Wenn ich sie komplett ausschließe und lange Zeit nicht auf sie zurückgreife, bricht sie aus mir hervor, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Dunkel erinnere ich mich an einige Vorkommnisse, als ich vier oder fünf Jahre alt war. Vorkommnisse, die meine Eltern zwar vertuschen konnten, die sich jedoch nicht wiederholen durften.

Ich bin die Letzte, die eine Wiederholung will, und wäre die Erste, die sich diese verdammte Kraft aus dem Leib schneiden würde, wenn das möglich wäre.

Doch sie ist seit meiner Geburt ein Teil von mir, ob es mir nun passt oder nicht.

Und es passt mir ganz und gar nicht, denn sie kettet mich an ein Leben, das ich mir nicht ausgesucht habe.

***

Schon von Weitem rieche ich den herrlich würzigen Duft meines Kräutergartens, der den gesamten Turm umgibt und von einem niedrigen Holzzaun eingefasst ist. Dieser Duft beruhigt jedes Mal aufs Neue meine Gedanken und Sorgen, wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme.

Es gab schon viele Jahre keinen Ort mehr, den ich als mein Zuhause bezeichnen würde, aber den Turm nenne ich so. Hier, abseits des Dorfes und ohne neugierige Nachbarn, muss ich meine Kraft nicht gänzlich unter Verschluss halten und kann meine Kräuter heranziehen.

Und er ist weitläufig genug, dass ich in der unteren Etage notfalls Patienten empfangen und im ersten Stock meine Schätze vor neugierigen Blicken verbergen kann.

Eilig durchquere ich die Küche im untersten Stockwerk und nehme immer zwei Stufen der steinernen Wendeltreppe auf einmal nach oben.

In meinem Schlafzimmer schließe ich die Tür hinter mir und ziehe eine große Kleiderkiste aus Holz unter dem Bett hervor. Nachdem ich sie so nah unters Fenster wie möglich geschoben habe, um noch vom letzten Licht des Tages zu profitieren, öffne ich sie. Die Kleider zerre ich heraus und verteile sie auf dem Boden, bis die Kiste ihren geheimen Inhalt enthüllt.

In ihr liegen, säuberlich aufgereiht, Bücher. Aber nicht irgendwelche. Verbotene Bücher.

Sanft streichele ich über den Einband eines Buches. Sie sind so alt, dass sie beinahe zu Staub zerfallen, wenn ich sie aufschlage, deshalb habe ich in den meisten nicht gelesen, auch wenn ich es gern täte. Oder die Tinte ist so verblasst, dass ich kaum die Buchstaben entziffern kann.

Kein Wunder, denn Bücher dieser Art sind seit dem Großen Krieg verboten. Wer noch eines besitzt, muss es vernichten – oder mich damit bezahlen. Da den meisten Bewohnern diese Bücher nichts bedeuten und sie sie eher durch Zufall auf dem Dachboden oder im Keller finden, wissen sie nichts damit anzufangen und geben sie gern her.

Vorsichtig schlage ich das Tuch auf, das meine neueste Bezahlung schützt. Mir stockt der Atem, als ein fast perfekt erhaltenes Buch zum Vorschein kommt. Es muss all die Jahre in einer Truhe oder einem anderen geschützten Ort überdauert haben. Auf dem ledernen Einband prangen golden schimmernde Lettern, über die ich andächtig die Finger gleiten lasse.

Bitte lass es wirklich ein verbotenes Buch sein, flehe ich stumm.

Andere nicht verbotene Bücher stapeln sich zuhauf in meinem Turm. Die meisten handeln von Kräutern und Pflanzen und deren richtige Dosierung für Heilungszwecke. Ich habe sie alle gelesen, viele sogar mehrmals. Es gibt für ein junges Mädchen sonst nicht viel zu tun, wenn es ihr Zuhause nicht verlassen darf und keine Freunde hat.

Doch in einem verbotenen Buch habe ich nur selten gelesen. Meine Hände zittern, als ich es vorsichtig aufschlage. Die Seiten sind vergilbt, einige sind wohl mit Wasser in Berührung gekommen, trotzdem kann ich die meisten Buchstaben entschlüsseln.

Schon nach wenigen Absätzen versinke ich völlig in der Geschichte über eine junge Frau, die unverhofft ihr Glück fand – und die Liebe.

Allein dieses Wort zu lesen, jagt mir einen eisigen Schauer über den Rücken. Es ist verboten, genau wie alles, was damit zu tun hat. Und doch sitze ich hier und lese eine solche Geschichte. Ich lese und lese und mache mir Notizen. Vor allem über das erste Zusammentreffen und die Gefühle und Gedanken, die die Heldin dabei empfindet.

Nichts davon kenne ich oder habe ich je selbst empfunden, deshalb schreibe ich alles akribisch auf. Vielleicht kann ich dadurch das Rätsel um den Tod meines Bruders Jasper entschlüsseln. Vielleicht wird dadurch sein Tod weniger sinnlos, auch wenn nur ich das so sehen würde. Aber mir würde es helfen, glaube ich, wenn ich wüsste, dass er … wegen etwas Wichtigem gestorben ist.

Nicht dass es einen Unterschied macht. Jasper hat gegen unsere älteste Regel verstoßen und musste die Konsequenzen tragen.

Das ist zumindest das, was meine Eltern sagen, wenn die Sprache auf ihren verstorbenen Sohn fällt. Offiziell starb er bei einem Reitunfall.

Doch es war der Fluch, der Jasper geholt hat. Südgands Fluch, ausgesprochen von den Göttern selbst während des Großen Krieges.

Der Krieg ist so viele Generationen her, dass es keine genauen Aufzeichnungen mehr über ihn gibt. Aber eines ist gewiss: seitdem ist die Liebe verflucht.

Jeden, der sich verliebt, ereilt ein grausames Schicksal.

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Kapitel 4

Vanya

 

Als ich aufwache, sitze ich noch immer auf dem Boden meines Schlafzimmers, das verbotene Buch im Schoß. Mit einem Gähnen reibe ich mir über die Augen und drücke den Rücken durch, ehe ich durch das Fenster hinauf in den Himmel schaue.

Ein weiterer Tag im Nirgendwo.

Manchmal stelle ich mir vor, dass ich einfach gehe. Dass ich den Turm hinabsteige, durch den Kräutergarten eile und das Dorf Korinth hinter mir lasse. Ich gehe hinaus in die Fremde, immer der Nase nach und erkunde Südgand, meine Heimat, die ich nie sehen durfte, ohne jemandem zu sagen, wohin mein Weg mich führt.

Und wenn ich mich besonders mutig fühle, male ich mir aus, dass es mich sogar nach Norden verschlägt, nach Nordgand – in das Reich der Magie und Legenden. Weit weg in ein Land, das kaum ein Südgander je betreten hat. Was es dort wohl für Kräuter gibt? Hier in Südgand kenne ich jeden einzelnen Grashalm, aber in Nordgand würde ich sicherlich jeden Tag etwas Neues entdecken. Neue Kräuter, neue Heilmethoden.

So viel Neues abseits des immer gleichen Trotts, der mein Leben bestimmt.

Allein die Reise nach Nordgand wäre ein Abenteuer. Hier in Korinth kenne ich niemanden, der bereits an der Grenze war, denn das Dorf ist so weit von Nordgand weg wie nur möglich, aber in Varenia habe ich einige Gespräche von Händlern aufgeschnappt, die ihre Waren an der Mauer verkaufen. Es heißt, unsere Reiche würde eben jene Mauer trennen, die so hoch in den Himmel reicht, dass man ihr Ende nicht sehen kann. Und es heißt, dass die Nordgander keinem Südgander gestatten, ihr Reich zu betreten.

Bis auf eine Ausnahme: die Ausgewählten.

Alle drei Jahre findet eine Auswahl unter allen jungen Frauen Südgands statt, von denen drei nach Nordgand geschickt werden. Den genauen Grund kennt niemand, es wird aber erzählt, dass diese Tradition ein Teil der Friedensverhandlungen nach dem Großen Krieg war und seitdem fortgeführt wird.

Mein Name kann aufgrund meiner Abstammung nie bei der Auswahl gezogen werden. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder traurig sein soll.

Niemand kann genau sagen, was mit den ausgewählten Mädchen passiert, doch die meisten von ihnen schreiben nach Hause und berichten von einem neuen Leben, das sie abseits der harten Feldarbeit und einem Dasein als arme Bauerntochter führen dürfen. Deshalb gilt die Auswahl eher als Chance denn Verdammung.

»Vanya?«, schallt es aus dem Erdgeschoss.

Ich erstarre eine zu lange Sekunde, ehe ich mich hastig aufrappele, das verbotene Buch zu den anderen in die Kiste lege und wahllos die Kleider darüber werfe.

»Komme«, rufe ich nach unten. Selbst in meinen Ohren klingt meine Stimme viel zu überdreht und aufgesetzt.

Ich habe völlig vergessen, dass meine Schwester Emillia heute vorbeischauen wollte. Oder vielmehr: Ich habe es verdrängt, denn sie kommt zweimal die Woche zu Besuch. Wenigstens scheint sie heute nicht ihren Ehemann mitgebracht zu haben.

Nicht auszudenken, wenn sie die Bücher in der Kiste fände … Dann wäre das Letzte, worum ich bitten könnte, dass sie mich in meinem Kräutergarten beerdigen. Der wissentliche Besitz solcher Bücher ist Hochverrat. In ihnen sogar zu lesen, ist … Was ist schlimmer als Hochverrat? Ich will es mir lieber nicht ausmalen.

Nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass die Kiste sicher unter dem Bett verstaut ist und vom Eingang nicht entdeckt werden kann, mache ich mich mit wenig Elan auf ins Erdgeschoss. Mit jedem Schritt nimmt der Duft nach unzähligen Blumen und Kräutern zu, die ich dort unten aufbewahre und verarbeite. Ich liebe diese unvergleichliche Mischung.

Als ich unten angelange, hat Emillia bereits alle Fenster aufgerissen.

»Wie hältst du diesen Gestank nur aus?«, murrt sie statt einer Begrüßung.

Auch das tut sie jedes Mal, wenn sie herkommt. Ich habe es schon vor Jahren aufgegeben, mit ihr zu diskutieren, und lächele auch diesmal nur entschuldigend.

Emillia ist meine vier Jahre ältere Schwester und von herausragender Schönheit – einer Prinzessin Südgands würdig. Obwohl sie einen Landadligen heiraten und mit in den südlichsten Zipfel unseres Reiches ziehen musste, sieht sie auch heute aus, als wäre sie auf dem Weg zu einem Ball. Ihr himmelblaues Kleid hat keine Falte und bauscht sich vorteilhaft um ihre zierliche Gestalt, während ihr blondes Haar kunstvoll hochgesteckt ist.

Mein Aufzug hingegen entlockt meiner Schwester einen jammervollen, vielleicht auch mitleidigen Laut. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich mehr wie eine Prinzessin geben sollst?«, tadelt sie mich.

Ich zucke mit den Schultern. »Niemand hier weiß, dass ich eine bin.«

»Ich weiß es. Wenn unsere Mutter dich so zu Gesicht kriegen würde …«

»Mutter ist nicht hier«, falle ich ihr ins Wort.

Unsere Eltern kommen mich nur zu meinem Geburtstag besuchen. Emillia fährt ein paarmal im Jahr zu ihnen an den Hof des Immerwährenden Frühlings, wohingegen es mir verboten ist, das Dorf zu verlassen. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich in einen der Nachbarorte durfte, weil meine Heilkünste dringend gebraucht wurden – stets unter Aufsicht, versteht sich. Obwohl die Orte genauso trist waren wie dieser, fühlte es sich wie etwas Verbotenes an. Ein Ausbruch aus dem immer gleich öden Alltag.

Wie ein Abenteuer.

Der Gedanke bringt mich zum Seufzen. Wie schlimm steht es um mich, dass ich den Ausflug in ein angrenzendes Dorf als Abenteuer bezeichne?

»Mutter ist nicht hier«, gibt Emillia zu, »deshalb habe ich die Aufsicht über dich.«

»Ich werde nächsten Monat zwanzig«, halte ich dagegen. »Und ich lebe seit Jahren allein. Ich brauche schon lange kein Kindermädchen mehr.«

Junge Frauen in meinem Alter sind längst verheiratet und haben Kinder. Das sage ich aber lieber nicht laut, um Emillia nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Ich bin heilfroh, dass dieser Kelch bisher an mir vorübergegangen ist und ich noch nicht fest versprochen bin. In meinem Turm bin ich zwar allein, aber ich gerate auch bei meiner Familie in Vergessenheit. Das ist etwas Gutes. Früher ließen sie mich auf Schritt und Tritt bewachen, was mich fast wahnsinnig gemacht hat. Ich weiß, dass sie es nur aus Angst um mich taten, trotzdem fühlte ich mich wie in einem Käfig. Dieser Turm ist zwar auch so etwas Ähnliches wie ein Gefängnis, trotzdem habe ich mehr Freiheiten als früher. Ich sorge für mich selbst und führe ein eigenständiges Leben, was für eine junge Frau von fast zwanzig Jahren ungewöhnlich ist.

Noch dazu für eine Prinzessin. Aber ich bin garantiert nicht so dumm und weise meine Eltern auf ihr Versäumnis hin. Um sie nicht unnötig auf mich aufmerksam zu machen, halte ich mich an unsere Absprachen, verlasse Korinth nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt, und zeige niemandem meine Gabe. Indem ich mich zurückhalte, besitze ich die größtmögliche Freiheit.

Emillia schürzt die vollen Lippen. »Solange du so herumläufst«, mit einer abfälligen Handbewegung schließt sie meinen Aufzug ein, »brauchst du ein Kindermädchen. Und nun geh dich umziehen! Du bekommst Besuch.«

Ich schnappe nach Luft. Bei diesem Besuch kann es sich nur um einen handeln – und den will ich garantiert nicht sehen. Bisher haben sich alle Anwärter an meinem – wie sie es nannten – aufbrausenden und eigensinnigen Wesen gestört. Ich war froh, dass sie sich nicht erneut nach mir erkundigten. Sie alle konnte ich erfolgreich vergraulen. Alle – bis auf einen.

Ehe ich jedoch den Mund aufmachen kann, sagt Emillia: »Ich will diesmal keine Klagen hören! Casimir ist ein anständiger Mann mit besten Absichten.«

»Und mehr als doppelt so alt wie ich«, grummele ich.

Und auch mehr als doppelt so breit. Und überheblich. Und rückständig. Und schmierig. Aber ich hüte mich, das laut zu sagen. Emillia würde es unseren Eltern erzählen, und ich will auf keinen Fall, dass sie sich einmischen.

»Ach, papperlapapp!« Emillia wischt meinen Einwand beiseite. »Mein Mann ist auch mehr als doppelt so alt wie ich. Es ist nun mal unser Los. Er will uns zum Marktplatz begleiten. Heute Nachmittag ist die Auswahl.«

Ich werde hellhörig und bin froh darüber, dass sie Casimir mit keinem weiteren Wort erwähnt. »Sind schon wieder drei Jahre vorbei?«

Emillia nickt. »Ich bezweifele zwar, dass dieses Jahr eines der Mädchen aus dem Dorf ausgewählt wird, aber es ist trotzdem immer ein Spektakel. Du könntest dich amüsieren und würdest mal etwas anderes sehen als … diesen Turm.«

Etwas flattert bei ihren Worten in meiner Brust. Ich kenne dieses Gefühl: Hoffnung. Einerseits begrüße ich jede Chance, aus dem Turm herauszukommen, andererseits fürchte ich mich vor dem Tag, an dem ich ihn für immer hinter mir lassen muss. Hier bin ich für mich und muss nicht alles daransetzen, jemand anderes zu sein. Ich muss niemandem die kultivierte Prinzessin vorspielen, die ich eigentlich sein müsste, und ich muss meine Kräfte nicht unterdrücken, sobald ich die Tür hinter mir verriegelt habe. Ich kann meiner Leidenschaft, dem Herstellen von Tinkturen und Heilen von Kranken, nachgehen, ohne dass jemand pausenlos die Nase darüber rümpft.

Aber ich weiß, dass dieser Turm nicht ewig meine Zuflucht sein kann, denn irgendwann werden sich meine Eltern meiner und dem Umstand erinnern, dass ich eine Prinzessin bin. Und dass ich trotz allem dazu tauge, eine vorteilhafte Beziehung einzugehen, ohne dass ich dazu nach meiner Meinung gefragt werde.

Und all das nur, weil ich die hundertste Prinzessin von Südgand bin, die angeblich die Macht dazu hat, den Fluch der Götter aufzuheben.

***

Um nicht wieder in eine endlose – und vor allem fruchtlose – Diskussion mit Emillia zu verfallen, beuge ich mich ihrem Willen, gehe zurück nach oben und ziehe mich um.

In meinem Kleiderschrank hängen in der vordersten Reihe nur praktische und einfache Kleider, die mich beim täglichen Arbeiten im Garten und dem Behandeln von Patienten nicht behindern und schmutzig werden können. Weiter hinten im Schrank bewahre ich sogar ein paar Hosen auf, in denen mich Emillia aber niemals zu sehen bekommen darf. Ihr würde das Herz stehen bleiben.

Mutter schenkt mir jedes Jahr zu meinem Geburtstag ein Kleid, das einer zweitgeborenen Prinzessin würdig ist. Ich hasse sie alle. Ich hasse ihre Farben – Zitronengelb, Himmelblau, Grasgrün – und ihren Schnitt. Zu lang, zu ausladend und in der Taille zu eng. Wie sich Emillia in den Dingern bewegen kann, ist mir ein Rätsel.

Um aber möglichst bald wieder meine Ruhe zu haben, greife ich nach einem Kleid in einem zarten Gelb, das mir noch nicht zu eng geworden ist. Zügig löse ich meinen Zopf und bürste mein Haar. Ich mag meine Haarfarbe nicht; eine seltsame Mischung, als könnte es sich nicht entscheiden, ob es lieber blond oder brünett sein soll. Es ist weit entfernt von den glänzenden blonden Mähnen meiner Mutter und Schwester. Auch meine Figur ist trotz meiner körperlichen Arbeit alles andere als prinzessinnenhaft. Zu kurvig, um zierlich zu wirken.

Wütend starre ich mein Spiegelbild an. Meine bernsteinfarbenen Augen blitzen mir aufgebracht entgegen. Sooft schon habe ich mir vorgenommen, mich nicht mit Mutter oder Emillia zu vergleichen, aber ich tue es trotzdem immer wieder aufs Neue. Dabei kann ich nur verlieren. Ich muss niemanden mit einem perfekten Äußeren beeinflussen; einer der wenigen Vorteile, wenn man im äußersten Winkel des Reiches zu leben hat. Hier draußen gibt es kaum Leute in meinem Alter. Die meisten ziehen in eine der Städte, sobald sie können. Ich beneide sie darum. Ich täte fast alles dafür, um ebenfalls frei entscheiden zu können, wo und wie ich leben will.

Doch das wird niemals geschehen.

Nachdem ich fertig umgezogen bin und mir das Haar neu geflochten habe, gehe ich zurück zu Emillia, die vor der Tür wartet, weil sie den Geruch im Turm nicht mehr ertragen hat. Er würde ihr Kopfschmerzen verursachen, meint sie.

Mir verursacht etwas anderes Kopfschmerzen, nämliche ihre ständigen Verkupplungsversuche mit Casimir, dem Neffen ihres Ehemannes. Wie gern würde ich diesem schmierigen Widerling rundheraus die ungeschönte Wahrheit in sein feistes Gesicht schreien. Dann würde ich aber wieder in der Nähe der Hauptstadt Varenia enden, eingesperrt in einem kleinen Haus mit wenig Licht, wo meine Eltern ständig ein Auge auf ihre ungebärdige Tochter hätten. An einen solchen Ort will ich niemals zurück, selbst wenn das bedeutet, dass ich Casimir anlächeln muss, obwohl ich freiwillig nie in seine Richtung schauen würde.

Ein letztes Mal inhaliere ich den Duft meiner zahlreichen Blumen und Kräuter, ehe ich zu Emillia nach draußen trete, wo deren Geruch zwar immer noch durch die Luft wabert, aber nicht derart komprimiert ist wie im Erdgeschoss meines Turms.

Emillia hakt sich bei mir unter. »Nun mach nicht so ein Gesicht! Es wird Spaß machen, du wirst sehen.«

Ich lächele pflichtschuldig. Noch nie habe ich Spaß dabei empfunden, stundenlang inmitten fremder Menschen auf dem Dorfplatz zu verharren. Emillia findet sofort Anschluss, schnattert mit diesem und jenem, während ich vergessen in einer Ecke stehe und mir wünsche, dass ich nicht hingegangen wäre. Ich habe kein Problem damit, wenn niemand Notiz von mir nimmt; oft begrüße ich diesen Umstand sogar. Aber ich fange lieber etwas Sinnvolles mit meiner Zeit an. Und einfach nur irgendwo herumzustehen, ist das Gegenteil von sinnvoll.

Aber heute ist die Auswahl. Es ist meine Pflicht teilzunehmen, auch wenn niemand außer Emillia weiß, dass ich eine Prinzessin Südgands bin.

»Casimir hat die ganzen Tage bereits nach dir gefragt«, sagt Emillia, während wir meinen Garten hinter uns lassen und uns auf den Weg zum Dorf machen. »Ich musste ihm alles über dich erzählen. Mal wieder.«

Ich seufze. »So oft, wie du das sagst, müsste er mein Leben besser kennen als ich selbst.«

Emillia verzieht missbilligend den Mund. »Du solltest froh sein, dass er sich für dich interessiert. Er ist wohlhabend und besitzt ein Stück Land und …«

»… ist doppelt so alt wie ich, langweilig, herablassend. Oh, und habe ich seine Glatze und seinen Bauchansatz erwähnt?«

»Vanya«, zischt meine Schwester. »Ich hoffe sehr, dass du dir nachher solche Aussagen verkneifst.«

Am liebsten würde ich verneinen, doch ich stoße geräuschvoll die Luft aus und murmele: »Tue ich das nicht immer?«

Als die hundertste Prinzessin geboren zu sein, ist eine fürchterlicher Bürde. Nicht nur für mich, das muss ich mir stets ins Gedächtnis rufen, sondern auch für die Menschen, die mir nahestehen und mein Geheimnis kennen. Meine Eltern und meine Schwester leiden ebenso unter der Last, die auf meinen Schultern liegt, wie ich. Deshalb tue ich alles, um ihnen das Leben nicht noch schwerer zu machen.

Laut den alten Schriften soll es der hundertsten Prinzessin, die nach dem Großen Krieg geboren wurde, gelingen, den Fluch der Götter aufzuheben. Dummerweise ist nirgends vermerkt, wie diese Fluchaufhebung vonstatten gehen soll, oder die Schriften sind über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten oder dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen.

Es ist, als besäße ich den Schlüssel, um allen ein besseres Leben zu ermöglichen, finde aber nicht die Tür, in die er passt.

Allerdings suche ich auch nicht nach dieser Tür, ebenso wenig wie die Südgander sehnsüchtig auf die Geburt der hundertsten Prinzessin harren. Für sie und für mich ist die Existenz der hundertsten Prinzessin nichts weiter als eine Legende. Abgesehen davon, dass niemand weiß, wie es mir gelingen soll, den Fluch aufzuheben, kann mir auch niemand sagen, was dabei mit mir geschieht. Oder mit dem Fluch, der auf dem anderen Reich Nordgand lasten soll. Würde es zu einem neuen Krieg kommen, wenn beide Reiche ihre Flüche los wären? Würden die Nordgander mich für sich beanspruchen, wenn sie wüssten, dass ich existiere?

Über die Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende, die seit dem Großen Krieg vergangen sind, wurden meist falsche Angaben über die Nachkommen Südgands nach Nordgand übermittelt. Das habe ich gelesen, als ich als junges Mädchen in den Bibliotheken des Hofes des Immerwährenden Frühlings gestöbert habe. Die Geburten der Prinzessinnen wurden entweder verheimlicht oder aus einer Prinzessin wurde kurzerhand ein Prinz gemacht. Nur wenige Eingeweihte kennen die Wahrheit, selbst hier in unserem Reich.

Wenn ich mit meinem Bruder durch die Hauptstadt geschlendert bin oder auch während meiner Zeit hier in Korinth hatte ich nie den Eindruck, dass sich die Bewohner Südgands sonderlich dafür interessierten, die wievielte Prinzessin nun geboren wurde. Entweder verließen sie sich im blinden Glauben auf die öffentlichen Bekanntgaben oder unsere Ahnen waren alle nicht gut im Zählen.

»Wie geht es Mama und Papa?«, frage ich, um die Stille zwischen meiner Schwester und mir zu durchdringen und meine Gedanken zum Schweigen zu bringen.

»Gut, wie immer«, antwortet sie. »Sie hoffen, dass du ihnen keine Schande machst.«

Ich verdrehe die Augen. »Habe ich das je getan?«

»Soll ich darauf in chronologischer Reihenfolge antworten?«

Ich verkneife mir jedes Wort darauf. Ein Streit mit Emillia endet immer mit einer Niederlage für mich, und ich will mich nicht mit ihr anlegen. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie es unseren Eltern geht. Obwohl ich meistens froh darüber bin, dass sie mich offenbar vergessen haben, sind sie dennoch meine Eltern. Wie wahrscheinlich jedes Kind sehne ich mich nach ihrer Anerkennung, und sei es nur ein Lob, dass ich so gut für mich allein sorgen kann und meine Magie, die ich nicht haben dürfte, unter Kontrolle habe.

Irgendetwas Nettes. Keine Forderungen, keine zusätzliche Bürde, die ich nicht mehr tragen kann.

Aber das wird nie passieren. Meine Familie hält geheim, dass es mich gibt. Offiziell ist die zuletzt geborene Prinzessin meine Schwester, die als achtundvierzigste Prinzessin Südgands betitelt wird, obwohl sie in den geheimen und richtigen Aufzeichnungen die neunundneunzigste ist. Ich hoffe für sie und für uns alle, dass Nordgand tatsächlich nur über die geschönten Angaben verfügt. Sicherlich tun sie das, sonst würde ich nicht mehr hier stehen.

Seit dem Großen Krieg hat kein Nordgander unser Reich betreten; über den Grund zerbreche ich mir oft den Kopf. Wenn sie so mächtig sind, dass sie unsere Armeen im Großen Krieg spielend leicht besiegen konnten, warum haben sie seitdem nicht erneut versucht, unser Land zu überrennen?

Aber niemand scheint sich vor einem neuen Krieg zu fürchten, also behalte ich diese Gedanken für mich, so wie fast alles, was in meinem Kopf vorgeht. Ich lächele, wenn ich am liebsten schreien würde. Ich bin höflich, wenn ich meinem Gegenüber gern einige unliebsame Wahrheiten an den Kopf werfen würde. Ich versuche nicht aufzufallen, obwohl sich mein Herz nach Freiheit und Abenteuer sehnt. Nach einem Leben abseits des Versteckspiels, weit weg von diesem Dorf im Nirgendwo.

Doch all das schließe ich tief in mir ein und hole diese und ähnliche Gedanken nur hervor, wenn ich allein bin und vom höchsten Turmfester aus in den Nachthimmel starre. Der Nachthimmel übte schon seit meiner Kindheit einen unerklärlichen Reiz auf mich aus. Ich liebe das Glitzern der Sterne auf dem pechschwarzen Nachthimmel und den sanften Schein des Mondes, der die helleren Blüten in meinem Garten zum Glühen bringt. Es wirkt fast wie Magie.

Vielleicht rührt daher mein Wunsch, irgendwann nach Nordgand zu reisen. Es heißt, im gesamten Reich schiene nie die Sonne. Ihr Hof ist als der Hof der Ewigen Mitternacht bekannt.

Welche Blumen und Pflanzen wohl in Nordgand wachsen? Gibt es überhaupt welche in Nordgand, so ganz ohne Sonnenlicht? Ich würde es so gern herausfinden …

In meinen Adern spüre ich das sachte Kribbeln einer Magie, die nicht existieren dürfte, mit der ich aber seit meiner Geburt geschlagen bin. Manchmal glaube ich, dass sie sich mindestens genauso sehr nach Freiheit sehnt wie ich, doch beide müssen wir uns verborgen halten und dürfen nicht auffallen.

Als Emillia und ich den Dorfplatz erreichen, hat sich bereits eine Menschentraube gebildet. Ich seufze verstohlen und möchte am liebsten umdrehen, weil mich so viele Leute auf einem Haufen nervös machen, doch Emillia zieht mich unerbittlich weiter. Schon von Weitem entdeckt sie ihren Ehemann Valdemer und winkt ihm zu.

»Was findest du nur an ihm?«, wispere ich.

Emillias Haltung versteift sich. »Er ist ein guter Mann.«

Ich schnaube. »Aber du empfindest nichts für ihn.«

Sofort beiße ich mir auf die Zunge, weil ich dieses Thema niemals ansprechen sollte. Niemand spricht über das verfluchte und verbotene Gefühl. Ich kann nur hoffen, dass Emillia mich nicht verstanden hat.

Doch das hat sie. Meine ältere Schwester lacht. Es ist kein angenehmes Lachen. Nicht wie früher. »Du weißt, was mit jenen passiert, die lieben. Ich bin heilfroh, dieses Schicksal nicht teilen zu müssen. Valdemer bewahrt mich davor.« Sie wirft mir einen Seitenblick zu. »Liebe existiert schon seit Ewigkeiten nicht mehr in dieser Welt. Also hör auf, über sie nachzudenken. Das führt zu nichts, außer ins Verderben. Nicht nur den Verliebten selbst bringt es Schande und Leid, sondern auch deren Familien.«

Ich weiß, dass sie recht hat, schließlich habe ich mit eigenen Augen gesehen, was Verliebten zustößt. Ich konnte nichts tun, als der Fluch der Liebe uns unseren Bruder nahm, den einzigen aus meiner Familie, dem ich mich wirklich verbunden gefühlt habe. Sein Verlust war das Schlimmste, was mir je widerfahren ist.

Als wir bei Valdemer ankommen, nickt mir mein Schwager zu. Er hat keine Ahnung, dass ich Emillias Schwester bin, sondern hält mich für eine entfernte Cousine, die seine Gemahlin unter ihre Fittiche genommen hat. Ob die Bewohner Korinths wissen, dass meine Schwester eine Prinzessin ist? Das weiß ich nicht genau. Gut möglich, dass sie sie auch bloß für eine reiche Landadlige halten. Genau genommen ist sie exakt das, seit sie Valdemer geheiratet hat und solange sie noch nicht offiziell zur Thronfolgerin erklärt wurde.

Ich erwidere das Nicken meines Schwagers. Valdemer ist schätzungsweise fast fünfzig, untersetzt und alles andere als ansehnlich; zumindest in meinen Augen hat er nichts mit den schmucken Rittern oder Prinzen gemein, die in den Büchern die Hauptrolle spielen, die ich unter meinem Bett verstecke.

Aber er gibt meiner Schwester Sicherheit. Wahrscheinlich ist das alles, was sie sich wünscht – ganz im Gegensatz zu mir. Emillia hat sich stets den Entscheidungen unserer Eltern gebeugt und nicht widersprochen, als sie Valdemer zu ihrem Ehemann bestimmt oder ihr mich aufs Auge gedrückt haben.

So gesehen ist Emillia eine noch fügsamere Tochter, als ich es bin. Ich könnte nie so sein wie sie. Eher würde ich mich von meinem Turm in die Tiefe stürzen.

»Casimir wird sich freuen, dich zu sehen«, sagt Valdemer an mich gewandt.

Angestrengt versuche ich, nicht das Gesicht zu verziehen, sondern meine Lippen zu einem unverbindlichen Lächeln zu heben.

»Sie freut sich auch«, kommt mir Emillia zuhilfe und versetzt mir einen Ellenbogenstoß zwischen die Rippen. »Nicht wahr?«

»Ja«, presse ich hervor. »Und wie.«

Valdemer bemerkt meinen Sarkasmus nicht, sondern nickt zufrieden. Ich setze »einfältig« auf die Liste der Worte, mit denen ich ihn in Gedanken beschreibe.

Die meisten Dörfler haben sich bereits eingefunden. Es sind einfache Menschen: Bauern, Viehzüchter, Handwerker. Valdemer und Casimir sind, soweit ich weiß, die einzigen Bewohner weit und breit mit blauem Blut und entsprechendem Vermögen. Ihre Anwesenheit wird zwar von den Dörflern zur Kenntnis genommen, aber sie halten respektvollen Abstand.

Ich habe von klein auf gelernt, wie ich mich unter Adeligen verhalten muss, auch wenn ich meistens versteckt gehalten wurde. Trotzdem durchlief ich die harte Schule meiner Mutter, solange ich in ihrer Nähe lebte. Im Alter von fünf Jahren zeigte sich zum ersten Mal meine Magie, über die ich als Südganderin überhaupt nicht verfügen dürfte, denn wir sind vollkommen magielos, ganz im Gegensatz zu den Nordgandern.

Doch da war etwas in meinen Adern, was nicht da sein durfte. Ein Kribbeln und Prickeln, das ich nicht unter Kontrolle hatte. Meine Eltern gerieten in Panik, als meine Tränen sich während eines Trotzanfalls in weiße Blütenblätter verwandelten. Um mich zu schützen, versteckten sie mich. Erst in einem Flügel des Schlosses, den nur auserwählte Diener betreten durften. Dann in einem abgelegenen Haus in der Hauptstadt, und schließlich, als meine Magie mehr und mehr zunahm, in diesem Turm in der Provinz.

Tatsächlich fällt es mir hier leichter, meine Kräfte unter Kontrolle zu halten. Ich stehe nicht ständig unter Beobachtung; oft bin ich tagelang allein, ohne etwas – oder jemanden – zu vermissen. Die Dorfbewohner erinnern sich meiner nur, wenn sie Tränke oder Tinkturen brauchen. Würde Emillia nicht mindestens einmal die Woche bei mir vorbeischauen, wäre ich gänzlich allein.

Und es würde mich nicht stören.

Ich mag es, für mich zu sein. Dann muss ich nicht schweigen, sondern kann all das sagen, was ich sonst für mich behalten muss.

Doch es fiele auf, wenn ich einem öffentlichen Ereignis wie der Auswahl fernbliebe. Selbst wenn ich als Einsiedlerin gelte, ist es meine Pflicht, an diesem Tag anwesend zu sein.

Alle drei Jahren verlangt der König Nordgands, Zahid, einen Preis für den Frieden, der seit Generationen andauert. Drei junge Frauen über achtzehn Jahren werden aus ganz Südgand ausgewählt und anschließend nach Nordgand gebracht. Ich habe nie davon gehört, dass je eine von ihnen zurückkehrte. Die Menschen erzählen sich, dass sie oben im Norden bleiben und ihr Glück finden.

In meinen Augen ist es nur eine nette Geschichte, die sie den Mädchen weißmachen, damit sie nicht vollends in Panik verfallen, wenn ihr Name aufgerufen wird.

Die Chance, dass es eine aus diesem Dorf trifft, ist verschwindend gering. Emillias und mein Name sind überhaupt nicht in den Listen vorhanden. Ein netter Bonus, wenn in den eigenen Adern königliches Blut fließt.

»Hast du Angst, dass dein Name aufgerufen wird?«, fragt Valdemer, dem mein Unbehagen aufgefallen sein muss.

Ich zucke vage die Schultern, erspare mir aber eine Antwort.

Noch bevor der Dorfsprecher das Wort ergreifen und die Versiegelung an der Schriftrolle in seinen Händen brechen kann, tritt Casimir zu uns. Ich erschaudere innerlich.

Casimir ist ein etwa acht Jahre jüngeres Abbild Valdemers; die beiden können nicht abstreiten, dass sie blutsverwandt sind, während die Ähnlichkeiten zwischen Emillia und mir nur bei genauerem Hinsehen auffallen. Was niemand tut, denn meine Schwester ist eine Erscheinung: Wer ihr begegnet, nimmt mich nicht wahr.

Dicklich, klein und stets mit einem schmierigen Lächeln auf den wulstigen Lippen neigt Casimir den Kopf vor mir und greift ungefragt nach meiner Hand, um einen Kuss daraufzudrücken. Ich muss den Drang niederkämpfen, den Handrücken an meinem Rock abzuwischen.

»Casimir«, sage ich stattdessen mit aufgesetzter Freundlichkeit, »welch angenehme Überraschung.«

Er hebt den Blick. Seine Augen sind blassblau und nichtssagend. »Ich wusste, dass du dich freuen würdest.«

Ein angewiderter Schauer durchrinnt mich, doch ich zwinge das höflich-interessierte Lächeln, weiterhin auf meinen Lippen zu bleiben.

 

 

Kapitel 5

Vanya

 

Zum Glück rettet mich der Dorfsprecher vor weiterer Konversation mit Casimir. Die Menschen drängen sich dichter um den älteren Mann mit schütterem Haar, als er das königliche Siegel auf der Schriftrolle bricht und sie öffnet. Geschwind huscht sein Blick über die Zeilen, bis er an den drei Namen hängen bleibt.

Seit ich hier lebe, wurde noch nie eines der hiesigen Mädchen nach Nordgand geschickt; wahrscheinlich liegt deshalb eine gewisse Ruhe über der Menge. Als der Dorfsprecher jedoch die Schriftrolle sinken lässt und merklich blass um die Nase geworden ist, scheint jeder Anwesende die Luft anzuhalten. Mich eingeschlossen.

»Katinka«, sagt er zögernd. »Katinka wurde ausgewählt.«

Köpfe rucken herum, bis das Mädchen in der Menge gefunden wurde und nach vorn zum Dorfsprecher treten muss. Ich erkenne sie. Nicht ihren Namen, denn der ist bei Geschäften mit mir nicht wichtig. Aber ich erinnere mich an ihr Gesicht.

Vor ein paar Monaten war sie bei mir und bat mich um einen Trank, weil ihre Monatsblutung ausblieb. Durch das darauf folgende Gespräch weiß ich auch, dass sie neunzehn ist – und eine körperliche Schwäche für den jungen Müller hat, die nicht ohne Folgen geblieben ist. Ich verweigerte ihr den Trank, weil es unsere Götter erzürnt, Leben zu nehmen. Wahrscheinlich ist sie daraufhin zu einer Kräuterfrau mit weniger Skrupel gegangen, denn ihr Bauch zeigt keine verräterische Wölbung.

Katinka wirkt gefasst, als sie neben dem Dorfsprecher die Glückwünsche der anderen Dörfler entgegennimmt. Bis zu mir höre ich die Forderungen, sie solle unserem Dorf Korinth Ehre machen und nie vergessen, woher sie stammt.

»Katinka wird morgen von einer Kutsche abgeholt und zur Grenze gebracht«, sagt der Dorfsprecher. »Heute Abend trinken wir auf ihr neues Leben!«

»Wir haben auch etwas zu feiern«, raunt Casimir, der so nah an mich herangetreten ist, dass ich schnell einen Schritt zur Seite mache.

»Und was soll das sein?«, frage ich.

»Ich habe Antwort von deinen Eltern erhalten«, murmelt er.

Ich schnappe nach Luft, entspanne mich jedoch, als mir wieder einfällt, dass er meine Eltern nie getroffen hat und lediglich mit ihnen in Briefkontakt steht – ohne zu wissen, dass er mit dem König und der Königin höchstpersönlich schreibt. Die Frage, was er jedoch mit ihnen zu besprechen hat, wütet wie ein Geschwür in meinen Eingeweiden.

»Das klingt aber sehr geheimnisvoll«, sagt meine Schwester, als ich eisern schweige. »Wie es der Zufall will«, sie zaubert einen versiegelten Umschlag aus der Tasche ihres Rockes und reicht ihn mir, »habe ich auch Post für dich erhalten. Ob es dabei um dieselbe Sache geht?«

Ich gebe mir wirklich Mühe, meine Schwester mit Blicken zu erdolchen, doch das freudige Lächeln scheint in ihrem Gesicht festgewachsen zu sein. Mit mehr Nachdruck als nötig entreiße ich ihr den Umschlag und stecke ihn meinerseits in die Rocktasche.

»Ich lese ihn später«, verkünde ich. »In Ruhe.«

»Heute Abend wird gefeiert«, sagt Casimir, »und ich habe einen Grund mitzufeiern. Bitte lies den Brief jetzt.«

Mir ist speiübel, als ich unter den wachsamen Augen meiner Schwester, meines Schwagers und Casimirs den Brief wieder aus der Tasche fische. Schnell entferne ich mich einige Meter von ihnen, damit sie mir meine Panik nicht ansehen. Meine Finger zittern, als ich das Siegel breche.

Sogleich erkenne ich Vaters akkurate Handschrift.

Mein Blümchen, steht als Anrede. Ich hasse und liebe diesen Kosenamen gleichermaßen. Einerseits lässt er mich schwach und bedürftig erscheinen. Andererseits nutzt ihn nur mein Vater, dem ich schon immer näherstand als meiner perfekten Schwester oder meiner noch perfekteren Mutter.

Ich hoffe, es geht dir gut. Deine Mutter und ich sorgen uns jeden Tag um dich und täten nichts lieber, als dich wieder in unsere Arme zu schließen. Aber wir wissen, dass es dir dort am besten geht. Nur eines macht uns Sorgen: der Umstand, dass du alleinstehend bist.

Ich höre auf zu atmen, während ich stumm die folgenden Zeilen anflehe, nicht das zu beinhalten, was ich insgeheim befürchte.

Auch wenn nur wenige die Wahrheit kennen, sollte eine junge Frau deines Standes versprochen sein. Mit einem fähigen Mann an deiner Seite könntest du die Last auf deinen Schultern vergessen.

Mein Hals ist wie zugeschnürt, doch ich treibe mich an, weiterzulesen.

Mein Blümchen, spätestens seit dem Verlust deines Bruders ist dir sicher bewusst, dass Liebe nicht existiert und es keinen Sinn hat, auf sie zu warten. In unserer Welt finden Verliebte ein frühes Ende. Ich bete zu den Göttern, dass dir dieses Ende erspart bleibt. Deshalb haben deine Mutter und ich deinen zukünftigen Ehemann ausgesucht, wie es sich für sorgsame Eltern gehört.

Ich presse eine Hand gegen meinen Mund und schlucke mit aller Kraft gegen die Übelkeit an, die mir den Hals hinaufkriecht.

Casimir wird dir die Stütze sein, die du brauchst. Er wird dich respektieren und dich in die geeigneten Bahnen lenken. Er wird dich noch mehr zu einer ehrbaren jungen Frau machen, auf die wir stolz sein können, auch wenn wir uns nie zu dir bekennen dürfen. Emillia wird dich weiterhin bei allem unterstützen und dir ein Vorbild sein. Deine Mutter und ich hoffen, dass deine Ehe genauso glücklich wird wie die deiner Schwester.

Glücklich?, echoe ich fassungslos in Gedanken. Wenn so Glück aussieht, möchte ich mein Leben lang Pech haben.

Meine Hände verkrampfen sich um das Pergament, bis ich es fast so sehr zerknittert habe, dass ich die letzten Zeilen kaum noch lesen kann. Dort steht etwas von elterlicher Zuneigung und dem tiefen Wunsch, dass diese Ehe auch meinen Vorstellungen entspräche.

Dass ich nicht lache!

»Nein«, grolle ich in Richtung meiner wartenden Schwester, ihres Mannes und Casimir. Auf ihre verwirrten Mienen hin wiederhole ich: »Nein.«

Zu einem anderen Wort als diesem bin ich nicht fähig. Ich kenne keines, das meine Abscheu und den Widerwillen stärker ausdrücken könnte.

Emillia funkelt mich wütend an, aber ihre Wut ist mir gleichgültig.

»Nein«, sage ich erneut, vehementer diesmal.

Auf Emillias Lippen erscheint ein kokettes Lächeln, als sie sich zu Valdemer und Casimir umwendet. »Sie ist sicher nur überrascht«, säuselt sie. »Wenn sie eine Nacht darüber geschlafen hat, wird sie zustimmen, ihr werdet sehen. Trotz all der Anzeichen kam es für sie etwas plötzlich.«

Ich zerknülle den verdammten Brief in meiner Hand, als ich sie und die andere zu Fäusten balle. Mein ganzes Leben lang wurde über meinen Kopf hinweg entschieden. Niemanden interessierte meine Meinung; wie auch diesmal wurde ich gar nicht erst gefragt. Klaglos habe ich meine vielen Umzüge hingenommen, immer weiter weg von den Menschen, die mir vertraut sind. Das Eingewöhnen fiel mir mit jedem Mal schwerer, doch auch das ertrug ich, ohne zu widersprechen. Ich hielt mich bedeckt, sperrte die Magie, die kein Südgander hätte haben dürfen, tief in mir ein und holte sie nur hervor, wenn ich sie wirklich brauchte – und ich allein war.

Ich tat alles, um meinen Eltern keine Sorgen zu bereiten. Ich war eine folgsame Tochter.

Aber dieses Mal gehen sie zu weit.

Ich hätte mich damit abgefunden, erneut umziehen zu müssen. Ich komme damit zurecht, dass meine Eltern in mir nicht mehr sehen als ein zartes Blümchen, das nur in geeignetem Boden gedeihen kann.

Doch das bin ich nicht. Habe ich denn die letzten Jahre nicht bewiesen, dass ich auf mich selbst aufpassen kann? Dass ich überleben kann, auch abseits des Schlosses? Ich brauche keinen Mann, der mich in die geeigneten Bahnen lenkt und aus mir eine ehrbare Frau macht.

Und erst recht brauche ich keinen Mann wie Casimir, für den ich nichts als Abscheu übrig habe.

Dass ich nicht aus Liebe heiraten kann, wie es in den Büchern und Geschichten der Fall ist, verstehe ich, denn dann würde das gleiche Schicksal über mich hereinbrechen wie über meinen Bruder Jasper. Niemand heiratet aus Liebe und niemand verliebt sich, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Aber Casimir ist so weit von den Vorstellungen des idealen Mannes für mich entfernt wie der Mond von meinem Turm.

Casimir tritt vor. »Meine Liebe«, raunt er. Ein eisiger Schauer rinnt mir beim Klang seiner schmierigen Stimme den Rücken hinunter. »Ich bin sicher, dass du erkennst, wie gut wir zusammenpassen, und dass ich nur das Beste für dich will. Du als entfernte Cousine der achtundvierzigsten Prinzessin kannst dich glücklich schätzen, einen Mann wie mich zu bekommen.«

Ich schnappe ob dieser Beleidigung nach Luft und bin drauf und dran, ihm einige unschöne Wahrheiten an den Kopf zu werfen, doch Emillia geht dazwischen.

»Sie wird sich fügen«, sagt sie an Casimir gewandt. »Sie wird einsehen, dass es das Beste für sie ist.«

Ich zittere am ganzen Körper; so sehr, dass ich nicht einmal mehr das Wort »Nein« ausstoßen kann. Es wurde zuvor nicht gehört, obwohl ich es mehrmals gesagt habe. Auch diesmal würde es ungehört verklingen, weil sich niemand um meine Meinung schert.

Es wäre leichter für mich, wenn ich mich fügte, wie Emillia es ausgedrückt hat. Aber ich habe es satt, mich zu fügen, erst recht wenn es dabei um so etwas Wichtiges wie den Rest meines Lebens geht.

Allein der Gedanke, dass Casimir mich berührt oder küsst oder … Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus und schnell reibe ich darüber, um sie zu vertreiben. Vergeblich. Die Aussicht, ihm in jedweder Form zu Willen zu sein, versetzt mich in Panik.

Unvermittelt greift Casimir nach meiner Hand. Ich will sie ihm mit Nachdruck entreißen, doch er hält sie unerbittlich fest. Seine Handfläche ist verschwitzt. Ekel kriecht mir den Hals hinauf, als er mich mit einem Ruck zu sich zieht.

»Sie wird eine wundervolle Braut werden«, säuselt er. »Meine Braut.«

Bei dem widerlichen Glanz in seinen Augen, als er mich von oben bis unten betrachtet, setzt mein Kopf aus. Es ist, als würde das letzte Fädchen klaren Verstandes durchtrennt werden, und ich verliere die Kontrolle.

Das Nächste, was ich bewusst wahrnehme, ist Casimirs erschrockener Satz nach hinten und das Fehlen seiner verschwitzten Finger an meinen. Dann werde ich der panischen Mienen gewahr – zum Glück nur denen meiner Schwester, ihres Mannes und Casimirs.

Mit einem verwirrten Blinzeln schaue ich an mir hinab, weil meine Arme sich schwerer als gewöhnlich anfühlen. Erst da bemerke ich die Ranken, die sich um meine Unterarme und die Hände gewunden haben.

Dick und knorrig und gespickt mit unzähligen Dornen.

Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, doch kein Laut kommt heraus. Ich kann nur – wie die anderen drei – auf meine Arme starren.

Meine geheime Magie hat sich schon früher gezeigt, ohne dass ich sie bewusst gerufen habe. Meine Tränen werden zu Blütenblättern und aus meinem Blut sprießen Blumen empor.

Aber diese Ranken sind neu. Sie wirken wie ein Schutzschild meines Unterbewusstseins. Obwohl ich Angst vor Valdemers und Casimirs Reaktion und den daraus resultierenden Strafen für mich habe, danke ich ihnen dafür, dass sie mich vor Casimir beschützt haben. Doch so sehr ich mich auch auf sie konzentriere, sie verschwinden nicht.

»Elavanya«, zischt Emillia, und ich weiß mit Sicherheit, dass mir gleich ein Donnerwetter bevorsteht, wenn sie meinen vollen Namen nutzt. »Reiß dich zusammen!«

»Das tue ich«, erwidere ich kühl und nach außen hin gefasst, »aber ihr hört mir nicht zu.«

»W-Was ist … das?« Casimir deutet mit verschrecktem Gesichtsausdruck und weit aufgerissenen Augen auf die Ranken an meinen Armen.

Emillia stellt sich vor mich. »Nichts«, sagt sie mit einem Lächeln in der Stimme. »Wahrscheinlich haben sich ein paar Zweige ihrer Rosensträuche an ihr verfangen.«

Casimir müsste einfältig oder dumm – oder beides – sein, wenn er diese Ausrede auch nur eine Sekunde glaubte. Aber offenbar habe ich ihm zu viel Intelligenz zugesprochen, denn über Emillias Schulter hinweg sehe ich ihn zustimmend nicken.

Emillia wirbelt zu mir herum, packt mich an der Schulter und schiebt mich in die nächste Gasse. »Entschuldigt uns einen Augenblick«, trällert sie den Männern zu, ehe sie mich mit Nachdruck in den schmalen Spalt zwischen zwei Häusern drängt. Ihr Lächeln schmilzt in dem Augenblick dahin, als sie sich zu mir umwendet. »Bist du von allen Göttern verlassen?«

Ich straffe den Rücken, möchte mich aber am liebsten verkriechen. Ich war noch nie gut darin, für meine Ansichten einzustehen, und Emillia flößt mir gerade eine Heidenangst ein. Dennoch zwinge ich mich zu sagen: »Ihr hättet mir einfach zuhören sollen.«

Emillia fährt sich mit beiden Händen durch ihre akkurate Hochsteckfrisur und bringt sie durcheinander. »Hast du den Hauch einer Ahnung, in welche Schwierigkeiten uns dein Ausbruch bringen kann?«

»Uns?«, echoe ich. »Dich wird er in keine Schwierigkeiten bringen, nur mich. Und ich nehme jedwede Schwierigkeit tausendmal lieber in Kauf, als die Frau dieses … Kerls zu werden!«

»Elavanya.« Wieder mein voller Name. Ich hasse es, mit ihm angesprochen zu werden. »Diesen ›Kerl‹ haben unsere Eltern für dich ausgesucht, wie sie auch meinen Ehemann bestimmt haben. So wie alle Eltern die Ehepartner ihrer Kinder bestimmen. Du hast dich ihrem Wunsch zu fügen.«

Ich recke das Kinn. »Und wenn ich das nicht tue?«

In Emillias himmelblauen Augen blitzt es unheilvoll. »Das steht nicht zur Diskussion. Unsere Eltern haben dein Leben lang für dich gesorgt und …«

»Ich bestreite meinen Lebensunterhalt selbst«, falle ich ihr ins Wort. »Indem ich Tränke herstelle und die Dorfbewohner heile.«

Emillia reibt sich mit einer Hand über die Stirn, als könne sie damit den drohenden Kopfschmerz vertreiben. »Du wirst dich ihrem Wunsch beugen.«

»Nein«, sage ich erneut.

Ich habe nicht gezählt, wie oft ich dieses Wort heute benutzt habe. Zu oft wahrscheinlich, denn auch diesmal perlt es an meiner Schwester ab, als hätte ich den Mund überhaupt nicht geöffnet.

»Die Hochzeit wird in drei Tagen stattfinden«, fährt Emillia unerbittlich fort. »Und anschließend ziehst du auf seinen Landsitz. Das bedeutet, dass du diesen furchtbaren Turm endlich verlassen kannst, ist das nicht toll?«

Ich starre sie an, als sähe ich sie zum ersten Mal. Vielleicht tue ich das auch. Meine Schwester war meine einzige bekannte Bezugsperson, als ich dem Schloss und der Hauptstadt den Rücken kehren musste. Sie war mehr eine Mutter für mich als meine leibliche. Aber jetzt begreife ich, dass es Emillia nie um mich ging. Sie hat sich um mich gekümmert, weil meine Eltern es von ihr verlangten. Sie interessiert sich nicht für mich als Person. Wahrscheinlich bin ich für sie nicht mehr als ein ungeliebtes Haustier, das sie schnellstmöglich an einen neuen Besitzer weiterreichen will, um es nicht mehr am Hals zu haben.

Denn nichts anderes ist diese übereilte Ehe.

Ich muss hier wegziehen. Das ist nicht einmal das Schlimmste. Aber ich werde mich verlieren, denn als Casimirs Frau werde ich eingehen wie eine Blume ohne Wasser. Ich werde zunächst meine Blüten abwerfen und schließlich mehr und mehr verkümmern, bis ich innerlich vertrockne. Er wird mir verbieten, weiterhin Tränke herzustellen, weil sich eine Tätigkeit für eine Dame von Stand nicht ziemt. Ich werde meine Magie so fest in mir einschließen müssen, dass es unweigerlich zu solchen Ausbrüchen wie eben kommen wird – zu den ungünstigsten Begebenheiten. Mein Geheimnis wird nicht lange geheim bleiben.

Und dann werden meine Eltern eine Entscheidung treffen müssen, vor der sie sich seit fast zwanzig Jahren scheuen. Was ist ihnen wichtiger: mein Leben oder die Wahrheit, dass es die hundertste Prinzessin bereits gibt?

»Geh nach Hause, Elavanya«, sagt Emillia kühl. »Ich versuche derweil den Schaden zu minimieren, den du angerichtet hast.«

Mein Mund ist staubtrocken, während ich Emillia dabei beobachte, wie sie sich umdreht und zu den beiden Männern zurückeilt. Die Hände in meinen Rock gekrallt, schärfe ich mir ein, dass ich den Kopf oben halten muss. Wenn ich jetzt anfange zu weinen, ist der Schaden, von dem Emillia sprach, nicht mehr gutzumachen, denn dann werden alle Dorfbewohner sehen, dass ich Blütenblätter statt Tränen weine. Abgehackt schnappe ich nach Luft, als ich mir einen Weg durch die Dorfbewohner bahne.

Die Strecke zu meinem Turm kam mir noch nie so lang und beschwerlich vor. Es ist, als läge er plötzlich am anderen Ende der Welt.

Nicht weinen!, zische ich mir in Gedanken zu. Wehe, du fängst an zu weinen!

Es ist lange her, als ich zuletzt geweint habe. Jahre wahrscheinlich. Ich bin kein Kind mehr und habe mich größtenteils mit meiner Situation abgefunden. Zumindest dachte ich das, bis ich von meiner unfreiwilligen Verlobung erfuhr.

Mein Leben lang habe ich versucht, nie einen Hauch Hoffnung zu verlieren. Doch nun nehme ich nichts als endlose Schwärze vor mir wahr; ein undurchdringliches Geflecht aus Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit, das meine Zukunft sein soll, und dem ich niemals entfliehen kann.

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Hinter dem Pseudonym Asuka Lionera verbirgt sich eine im Jahr 1987 geborene Träumerin, die schon als Kind fasziniert von Geschichten und Comics war. Bereits als Jugendliche begann sie, Fan-Fictions zu ihren Lieblingsserien zu schreiben und kleine RPG-Spiele für den PC zu entwickeln, wodurch sie ihre Fantasie ausleben konnte. Ihre Leidenschaft machte sie nach einigen Umwegen und Einbahnstraßen zu ihrem Beruf und ist heute eine erfolgreiche Autorin, die mit ihrem Mann und ihren vierbeinigen Kindern in einem kleinen Dorf in Hessen wohnt, das mehr Kühe als Einwohner hat.